Mehr als Worte: Staatsbibliothek restituiert wertvolles Messbuch dank Deutsch-Russischem Bibliotheksdialog

News vom 16.11.2015

Inhaltsverzeichnis des Messbuchs mit handschriftlicher Signatur des Museums in Nowgorod
Staatsbibliothek zu Berlin – PK / CC BY-NC-SA 3.0 DE / http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001A68100000005

Auch mehr als 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist die Frage nach dem Verbleib des damals geraubten Kulturguts aktuell. Um diesen Diskurs am Laufen zu halten, wurde 2005 der Deutsch-Russische Museumsdialog ins Leben gerufen. Der Verbund aus über 80 deutschen und ebenso zahlreichen russischen Museen hat es sich zur Aufgabe gemacht,  zur Aufklärung kriegsbedingt verlorener Kulturgüter beizutragen. Um den Verbleib von Büchersammlungen besser nachvollziehen zu können, wurde 2009 – analog zum Museumsdialog – der Deutsch-Russische Bibliotheksdialog gegründet. Im Rahmen des Symposiums zum 10-jährigen Bestehen des Deutsch-Russischen Museumsdialogs in Berlin am 16. und 17. November 2015 bekräftigt nun eine feierliche Rückgabe Sinn und Zweck des fachlichen Austauschs von deutschen und russischen Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen: ein wertvolles Messbuch geht zurück an die Wissenschaftliche Bibliothek des Museums Nowgorod, von wo aus es 1941 entwendet wurde. Im Interview berichten Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin und Sprecherin der deutschen Seite des Deutsch-Russischen Bibliothekdialogs, und Michaela Scheibe, Mitarbeiterin der Abteilung „Alte Drucke“ in der Staatsbibliothek zu Berlin, vom Weg des Buches von Nowgorod nach Berlin und zurück, von der Provenienzforschung an sich und von der Bedeutung des Deutsch-Russischen Bibliothekdialogs.

Was ist das für ein Buch und wie kam es vom Museum in Nowgorod in den Besitz der Staatsbibliothek?

Michaela Scheibe: Es handelt sich um ein vollständig erhaltenes Messbuch der orthodoxen Kirche (Cлужебник / Služebnik), das 1651 im Moskauer Druckereihof in kirchenslawischer Sprache und mit kyrillischen Lettern gedruckt wurde. Ein handschriftlicher Eintrag auf dem Vorsatz besagt, dass das Buch zunächst dem Nowgoroder Antonius-Kloster gehört hat. Aus der bedeutenden Bibliothek dieses Klosters, eines der ältesten im nordwestlichen Russland, sind heute nicht mehr als etwa 15 Bücher erhalten geblieben.

Auf der ersten und letzten Seite des Messbuchs findet sich ein schwer lesbarer Stempel des Museums in Nowgorod, genauer der Wissenschaftlichen Bibliothek des Nowgoroder Museums (Naučnaja Biblioteka, Nowgorodskij Muzej). Im Vorkriegsbestand dieses Museums gab es eine umfangreiche Sammlung von Messbüchern der Moskauer Druckerei, die aus verschiedenen Nowgoroder Klöstern stammte. Das Messbuch mit der alten Signatur „C-49“ (C für Cлужебник) stammt ohne Zweifel aus dieser Sammlung.

Das Messbuch befand sich in Berlin lange Zeit unter unbearbeitet gebliebenen Beständen und wurde schließlich Mitte der 1990er Jahre katalogisiert, als die Provenienzforschung und –erschließung noch kaum etabliert war. Auf welchem Wege und zu welchem Zeitpunkt dieser Druck hierher gelangt ist, lässt sich nicht mehr rekonstruieren.

Warum wurde das Buch erst jetzt entdeckt?

MS: Die Prüfung der Druckschriftenbestände der Staatsbibliothek auf NS-Raubgut und Beutegut stützt sich zunächst auf Hinweise aus den Zugangsbüchern. Angesichts eines drei Millionen Bände umfassenden Altbestandes ist dies gar nicht anders möglich. Im Hinblick auf die Jahre nach 1945, ja sogar – wie auch in unserem Fall – Jahrzehnte nach 1945 eingearbeiteten Zugänge ist diese Prüfung außerordentlich schwierig, da es in den Zugangsbüchern kaum noch aussagekräftige Hinweise auf die Herkunft gibt.
Die Entdeckung des Messbuchs verdankt sich einem Zufallsfund während eines 2012/2013 durchgeführten Projekts zum Abgleich des russischen Verlustkataloges für Buchsammlungen mit den Beständen der Staatsbibliothek, dessen Ergebnisse im November 2013 im Rahmen des Deutsch-Russischen Bibliotheksdialogs vorgestellt wurden.

Wie wurde festgestellt, dass es sich um ein geraubtes Exemplar handelt,  das nicht nach 1945 angekauft wurde?

MS: Die im Buch enthaltenen Stempel, die handschriftlich eingetragene Inventarnummer und die alte Signatur belegen, dass dieses Buch vor 1941 zu den Beständen des Nowgoroder Museums gehörte. Nach 1945 war dem dortigen Museum als staatlicher Institution ein Verkauf von Beständen nicht mehr erlaubt.
Die slawischsprachigen Werke aus Nowgorod wurden unter der deutschen Besatzung (1941-1944) nach Riga verbracht, wo sie in die im Aufbau befindliche „Ostbibliothek“ des Einsatzstabes Reichsleiter Rosenberg integriert werden sollten. Nicht alle Bücher kehrten danach nach Nowgorod zurück, einzelne Exemplare sind offenbar nach Deutschland gelangt, beziehungsweise in Riga und auf Stationen der Rückführung wie zum Beispiel in Pskow verblieben.

Wie lässt sich die „Biographie“ eines Buchs zu Zwecken der Provenienzforschung eigentlich nachvollziehen?

MS: Für die Biographie eines Exemplars sind zunächst alle im und am Buch erkennbaren Spuren der Vorbesitzer wichtig. Dies können Exlibris, Etiketten, Stempel, handschriftliche Besitzvermerke, aber auch zunächst schwer zuzuordnende Nummern und Symbole sein. Gerade bei NS-Raubgut begegnen uns dabei immer wieder sorgfältig getilgte, geschwärzte, überklebte oder herausgeschnittene Stempel und Besitzvermerke, die eine Identifikation der Vorbesitzer erschweren.
Weitere Hinweise können externe Quellen wie die Erwerbungsunterlagen einer Bibliothek geben, insbesondere wenn in den Zugangsbüchern die Herkunft und das Zugangsdatum eines Buches vermerkt sind.
Der Provenienzforscher versucht, alle noch so schwachen Spuren zu deuten, in eine chronologische Reihenfolge zu bringen und kann dann – im besten Falle – die häufig verwickelte Geschichte eines Exemplars rekonstruieren. Oft gelingt diese Rekonstruktion nur lückenhaft und nicht mit letzter Sicherheit, manchmal ist sie angesichts fehlender Spuren gar nicht möglich.

Der „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“ organisierte im großen Stil Plünderungen von Bibliotheken in den besetzten Gebieten Russlands. Ist das nun zurückgegebene Buch auch Teil dieser Plünderungen gewesen?

Barbara Schneider-Kempf: Ja, vermutlich, denn wie anders soll ein Buch mit dem Eigentumsstempel der Bibliothek in Nowgorod nach Berlin gelangen? Nowgorod war vom August 1941 bis zum Januar 1944 in deutscher Hand – und mit den Bibliotheken wurde nicht gerade zimperlich umgegangen. Im Auftrag des Auswärtigen Amtes wurde während des Russlandfeldzuges die Bibliothek der Nowgoroder Altertums-Gesellschaft und das Museum in Staraja Russa zerstört: um die slawische Kultur auszulöschen. Aber manche Kulturzeugnisse entgingen auch der Zerstörung; vor allem wertvolle Stücke wie Handschriften, die einen ästhetischen, einen wissenschaftlichen und/oder materiellen Wert besaßen.
Solche Plünderungen verfolgten zwei Ziele: zum einen den „wissenschaftlichen“ Zweck – ganz bewusst mit Anführungszeichen versehen, denn es war keine echte Wissenschaft, sondern eine Pseudowissenschaft, die sich mit einer „Erkenne den Feind!“-Attitüde auch slawische Bücher einverleibte, um zu „beweisen“, was ohnehin bereits feststand: die Überlegenheit der „arischen Rasse“ und ihrer Kultur. Aber daneben schmückte man sich auch gerne mit Siegestrophäen: mit Zeugnissen fremder Kulturen, ob man sie nun als ebenbürtig ansah oder nicht.

Wie setzt sich die Staatsbibliothek zu Berlin dafür ein, dass der Verbleib der geraubten Bücher aufgeklärt wird?

BSK: Indem wir unvermindert suchen und aufmerksam bleiben. Gerade die Nachkriegsjahre sind ein heikles Thema, weil in West und Ost über Jahrzehnte hinweg kein richtiges Unrechtsbewusstsein existierte. Da wurde manches in die Bestände eingearbeitet, um die eigenen Kriegsverluste auszugleichen, was wir Heutigen sofort als Fremdbesitz identifizieren würden. Wir können nicht in kurzer Zeit – parallel zum Alltagsgeschäft – hunderttausende Bücher daraufhin durchsehen, ob sie in irgendeiner Weise verdächtig wirken. Aber wir sind hellhörig geworden, wir haben über die Jahre hinweg Erfahrungen gesammelt und sind instinktsicherer geworden. Die großen ‚Raubgut‘-Projekte der vergangenen Jahre haben uns sensibilisiert und unsere Kenntnisse enorm erweitert. Und deshalb machen wir bei der Arbeit mit unseren Sammlungen ja immer wieder „Entdeckungen“; traurige Entdeckungen, die belegen, wie schamlos und dreist damals private und öffentliche Sammlungen enteignet, geraubt und zerstört wurden. Wir bleiben wachsam.

Welche Rolle spielte der Deutsch-Russische Bibliotheksdialog bei der Geschichte der Rückgabe des Messbuchs?

BSK: Es war in diesem Fall der Deutsch-Russische Museumsdialog, in dessen Rahmen das Buch restituiert wurde! Aber der Unterschied zwischen beiden Einrichtungen, dem Museumsdialog und dem Bibliotheksdialog, ist letztlich nur graduell, es geht hier wie dort um vernichtetes, verlagertes, verschollenes Kulturgut – und es ist kaum ein Unterschied, ob es da nun um hölzerne Madonnen oder um gedruckte Bücher geht. Der Deutsch-Russische Bibliotheksdialog hat einen schweren Verlust erfahren, durch den Tod nämlich der Generaldirektorin der Allrussischen Rudomino-Bibliothek für fremdsprachige Literatur, Frau Ekaterina Geniewa. Frau Geniewa war eine sehr starke Persönlichkeit und eine unglaublich engagierte Bibliothekarin, deren Tod eine echte Lücke gerissen hat. Sie war mein Pendant als russische Sprecherin des Bibliotheksdialogs; so, wie ich die deutsche Seite repräsentiere. Der Bibliotheksdialog muss sich nun unter ihrem Nachfolger, Herrn Duda, neu formieren, und ich freue mich sehr, dass wir die Arbeit nicht allein mit guten Worten und schönen Appellen wieder neu aufnehmen, sondern ganz praktisch eine in diesen Tagen erfolgte Restitution auch symbolisch als die Fortführung unserer Gespräche ansehen können. Es soll beim Dialog, auch wenn der Name es vermuten lassen kann, nicht allein diskutiert werden, es sollen auf beiden Seiten Taten folgen – und die Heimkehr des Messbuches ist eine solche Tat, die erst durch die Existenz des Bibliotheksdialogs auf wirklich fruchtbaren Boden fällt.

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