Internationale Syrien-Konferenz in Berlin: Warum Menschen Steine brauchen

News vom 26.05.2016

In Berlin beraten aktuell Experten, wie das zerstörte Palmyra wiedererstehen kann. Markus Hilgert, Direktor des Vorderasiatischen Museums, über die Rolle des Welterbes für ein Syrien nach dem Krieg.

Porträt von Markus Hilgert, Direktor des Vorderasiatischen Museums der Staatlichen Museen zu Berlin
© Staatliche Museen zur Berlin, Vorderasiatisches Museum / Olaf M. Teßmer

Vom 2.-4. Juni 2016 veranstaltet die UNESCO ein Internationales Expertentreffen zum Erhalt des Kulturerbes in Syrien im Auswärtigen Amt. Herr Hilgert, was sind Ihrer Meinung nach hierzu die relevanten Fragen?

Der erste große Punkt ist die Schadensaufnahme, das „Damage Assessment“: Was ist wo zerstört worden? Mit welchen Methoden kann man das „Damage Assessment“ durchführen?  Dann muss überlegt werden, wie man die Zivilgesellschaft und die „Local Communities“ in den Wiederaufbauprozess einbeziehen kann. Jenseits aller Bemühungen um das Kulturerbe muss es als Erstes darum gehen, dass in Syrien eine demokratische, plurale Zivilgesellschaft aufgebaut wird. Die Frage ist, inwieweit das kulturelle Erbe des Landes dabei eine Rolle spielen kann. Ein komplexes Projekt wie die konservatorische Behandlung von Palmyra verlangt so viel Organisation, soviel Wissen, soviel Infrastruktur, dass man damit für vieles die Saat legen kann, was wir als kennzeichnend für Zivilgesellschaften halten. Das ist ein zirkuläres Verhältnis: Einerseits brauchen wir die Zivilgesellschaft, um das kulturelle Erbe zu schützen und zu pflegen. Andererseits kann man auch fragen, wie man das kulturelle Erbe und den Wiederaufbauprozess dazu nutzen kann, um zivilgesellschaftliche Strukturen zu schaffen. Dann muss es um  „Capacity Building“ gehen, also darum, wie man das Land und seine Bevölkerung in die Lage bringen kann, all diejenigen Institutionen wie Museen, Bibliotheken, Universitäten etc. wiederaufzubauen bzw. effektiv zu betreiben, die für das kulturelle Erbe relevant sind. Und außerdem stellt sich die Frage nach den Prioritäten: Was muss man als erstes tun, wenn die politische Instabilität und die humanitäre Katastrophe ausgeräumt sind?

Was sagen Sie zu dem Vorwurf, Kulturgutschutz kümmere sich nur um die „alten Steine“ und vernachlässige die Menschen im syrischen Bürgerkrieg?

Es scheint einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen willkürlicher Zerstörung von kulturellem Erbe als identitätsstiftendes Moment auf der einen Seite und der Verletzung von Menschenrechten auf der anderen Seite zu geben. Überall dort, wo kulturelle Identität und kulturelle Vielfalt und damit die kulturelle Entfaltungsmöglichkeit des Menschen infrage gestellt werden, liegt auch eine Verletzung sehr grundsätzlicher Menschenrechte oder menschlicher Ansichten vor. Wenn man sich die Realität der Welterbestätten anschaut, sieht man die Relevanz des kulturellen Erbes für die Menschen. Aus der westlichen, derzeit in Frieden lebenden Perspektive lässt sich diese Dichotomie zwischen Steinen und Menschen leichter behaupten. Sie geht aber nicht auf,  weil zu den Steinen immer Menschen gehören und die Menschen Steine brauchen, um sich zu orientieren. Die Kulturtheorie sagt uns, dass wir Menschen unsere Orientierung letztlich aus den kulturellen Praktiken beziehen und die kulturellen Praktiken sind immer materialisiert. Am Schluss kommt man immer dahin, dass diese Trennung zwischen Kultur und Mensch, zwischen Stein und Körper nicht angemessen ist.

ILLICID, ZEDIKUM, ICHASM: Diese klangvollen Namen stehen für zahlreiche Projekte des Vorderasiatischen Museums, die alle auch auf verschiedene Aspekte des Kulturgutschutzes abzielen. Können Sie kurz erklären, worum es jeweils geht?

Der illegale Handel mit Kulturgütern bedroht das kulturelle Erbe und ist unerforscht. Wir haben keine soliden Zahlen zum Umfang des Handels, zum Objektaufkommen, zu den Akteuren, zu den Netzwerken, zu den Kommunikationswegen. Und wir wissen auch nicht, mit welchen Methoden wir an diese Fakten kommen können. ILLICID beschäftigt sich mit Dunkelfeldforschung im Bereich des illegalen Handels mit Kulturgütern. Dabei geht es darum, zu testen, welche Forschungsmethoden in diesem Bereich überhaupt sinnvoll und effektiv sind. ILLICID ist bislang das einzige Projekt weltweit, das interdisziplinär mit Soziologen, mit IT-Spezialisten und Altertumswissenschaftlern in enger Abstimmung mit den Ermittlungsbehörden und internationalen Organisationen  versucht, eine wissenschaftliche Grundlage für das Vorgehen gegen den illegalen Handel mit Kulturgütern zu schaffen. Am Ende des Projekts wird einerseits eine bessere Vorstellung davon stehen, wie der Handel mit archäologischen Kulturgütern aus dem östlichen Mittelmeerraum in Deutschland aufgestellt ist. Andererseits werden wir sehr viel besser verstehen, was der Gesetzgeber, Behörden und Institutionen  tun müssen, um den illegalen Handel mit Kulturgütern wirksam zu unterbinden.  
Außerdem haben wir einige Capacity-Building-Projekte, von denen ICHASM, der Expertendialog mit dem Irak, wohl das Wichtigste ist. Da geht es um die Frage, wie man nachhaltiges Capacity Building in einem Land wie dem Irak angehen kann: Was muss vor Ort an Infrastrukturen, an Technologie, an politischen Voraussetzungen gegeben sein, damit Capacity Building sich eben nicht nur auf einzelne Personen konzentriert, die ihr Wissen möglicherweise nicht teilen, sondern wirklich nachhaltig ist.
Und auch das 3D-Digitalisierungsprojekt ZEDIKUM beschäftigt sich mit Kulturgutschutz. ZEDIKUM will einerseits herausfinden, ob die 3D-Digitalisierung als Dokumentationstechnologie, als präventive Maßnahme des Kulturgutschutzes, bzw. als Dokumentationsmaßnahme in Kriegs- und Krisensituationen eine Funktion bekommen könnte. Es geht um die Frage, wie man zu mobilen, kostengünstigen Systemen kommt und wie die Datenhaltung nachhaltig gestaltet werden kann. Wichtig ist zu gewährleisten, dass die Kapazitäten und Infrastrukturen so beschaffen sind, dass vor Ort Daten gespeichert und Instrumente  effektiv benutzt werden können. Andererseits geht es bei ZEDIKUM natürlich auch um Kulturgutschutz hier in Deutschland, nämlich um die möglichst genaue Vermessung und Dokumentation der archäologischen Objekte in unseren eigenen Sammlungen.

Es geht also auch um Kulturgutschutz im eigenen Museum?

Wichtig ist zunächst,  generell zu klären, wie die Objekte in unsere Sammlung gekommen sind. Das wissen wir grob, 95 Prozent sind aufgrund  von Fundteilungsvereinbarungen mit Irak und Syrien nach Deutschland gekommen. Nun geht es darum, die Transparenz der Objekt- oder Sammlungsgeschichte herzustellen. Das ist ebenfalls relevant für den Kulturgutschutz, weil Herkunftsländer wie Irak und Syrien von uns erwarten, dass wir in puncto Sammlungsgeschichte vollständig rechenschaftsfähig sind. Und dass wir die Ergebnisse der Provenienzrecherche mit den Herkunftsländern teilen. Fundteilung sind in Zeiten machtpolitischer Asymmetrie zustande gekommen. Es geht nun darum, diese historische Hypothek anzunehmen und aufzuarbeiten. Die primäre Frage dabei ist nicht, was wir alles zurückgeben. Stattdessen sollte es erstmal darum gehen, die Sammlungsgeschichte der Objekte nachzuvollziehen und dann mit den Herkunftsstaaten zu überlegen, wie wir mit den schwierigen Fällen umgehen. Die heutige Museumspraxis besteht  ja nicht mehr darin, zu sammeln, sondern es geht darum, zu schützen. Dieser Schutz kann nur in enger Abstimmung mit den Herkunftsländern erfolgen. Die Ausstellungspraxis wird ja in Zukunft eher darin bestehen, dass man eben nicht mehr blind und ohne Blick auf die Objektgeschichte und die Provenienz Objekte ausstellt. Stattdessen wollen wir eine Verständigung mit den Herkunftsländern erzielen. Mit dieser Basis erleichtern wir den Austausch von Leihgaben und Dauerleihgaben – übrigens in beide Richtungen. Auf diese Weise können beide Seiten am kulturellen Erbe teilhaben.

Markus Hilgert hält am 2. Juni 2016 den Auftaktvortrag zum Young Experts Forum on the Safeguarding of Syrian Cultural Heritage. Das Forum findet begleitend zur internationalen Syrien-Konferenz in Berlin statt und zielt auf die Vernetzung junger Experten zu Fragen des Kulturgutschutzes in Syrien ab. Seit April 2016 vertritt Hilgert zudem die Organisation Blue Shield International als National Correspondent in Deutschland. Blue Shield ist eine 1996 gegründete NGO, die sich für den Schutz von Kulturgütern insbesondere in Kriegs- und Krisensituationen einsetzt. Das Ehrenamt des National Correspondent hat die Aufgabe, die Gründung eines Nationalkomitees des Blue Shield – in diesem Fall für Deutschland – voranzutreiben.

Das Interview führte Gesine Bahr-Reisinger.

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