Es muss ein Wumms durch die Museen gehen

02.06.2021Es muss ein Wumms durch die Museen gehen

Bildung und Vermittlung ist nur das „Gedöns“ der Museumsarbeit? Von wegen, wie das vor fünf Jahren gestartete und von der Kulturstiftung des Bundes mit 5,6 Mio. Euro geförderte „lab.Bode“ beweist, das im großen Finale im Mai 2021 trotz Pandemie mit Ausstellung, Online-Symposium und Lastenrädern zeigt, wie zukunftsweisende Vermittlungsarbeit geht.

Von Sven Stienen und Gesine Bahr

Fünf Frauen und ein Lastenrad stehen auf einer Treppe
Von links nach rechts: Heike Kropff, Maria López-Fanjul, Christina Haak, Kulturstaatsministerin Monika Grütters, Hortensia Völckers © Staatliche Museen zu Berlin / Juliane Eirich

Es ist ein grauer Vormittag im Mai, an dem eines der buntesten Projekte der Staatlichen Museen zu Berlin zum Abschluss kommt: das lab.Bode. Das fünfjährige Programm „lab.Bode – Initiative zur Stärkung der Vermittlungsarbeit in Museen“ endet heute mit dem großen „lab.Bode finale“. Eigentlich hatte es ein viertägiges Festival werden sollen, doch die Corona-Pandemie machte den Planer*innen einen Strich durch die Rechnung. Stattdessen heißt es nun: „Wir setzen das Museum in Bewegung!“. Unter diesem Motto wird nicht nur das wieder geöffnete Bode-Museum zum Aktionsraum für Kinder und Jugendliche, sondern das lab.Bode bewegt sich gleichzeitig hinaus in die Stadt, zu den Schüler*innen: Mit sechs Lastenrädern bringen Bike-Kuriere Reproduktionen von Kunstwerken, Utensilien und künstlerische Arbeitsimpulse in die Berliner Schulen. 

Parallel haben die Schüler*innen zahlreiche Stationen im Bode-Museum erarbeitet, die sich bestimmten Themen aus der Sammlung auf neue Art widmen. Außerdem findet die von Schüler*innen kuratierte Ausstellung „Lebewesen, die mal keine Menschen sind“ statt. 

Zum Start des großen Finales hat sich an diesem Maitag eine Delegation um Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die stellvertretende Generaldirektorin der Museen, Christina Haak und Heike Kropff, die Leiterin der Abteilung Bildung und Vermittlung, zum Rundgang durch das Bode Museum zusammengefunden. Nach kurzen Begrüßungsworten geht es los auf Entdeckungstour.  

Erwachsene und Kinder in einem Museum
©Staatliche Museen zu Berlin/Juliane Eirich

Bereits die erste Station „Talking feet“ vermittelt einen Eindruck davon, welche ungewöhnlichen Perspektiven auf das Museum im lab.Bode entwickelt wurden. Die Füße der Skulpturen stehen hier im Mittelpunkt: Welche Geschichten würden sie mitbringen, wenn sie ihre Sockel verlassen und durch die Stadt wandern könnten? Die Künstlerin Mathilde ter Heijne hat einige der Füße reproduzieren und mit Lautsprechern ausstatten lassen. Gemeinsam mit Kunstvermittler*innen und Restaurator*innen wurden Geschichten dazu entwickelt und die Füße mit ihren Stories an Berliner Schulen geschickt. Dort sprachen die Schüler*innen mit ihnen und entwickelten die Geschichten weiter – nun stehen die Füße als alternative Audioguides wieder im Museum. 

In der Basilika begrüßen mehrere Gipsköpfe die Gruppe – im Projekt „Anders sein“ setzten sich Schüler*innen 2018 anlässlich der Ausstellung „Unvergleichlich. Kunst aus Afrika im Bode-Museum“ mit Themen wie Herkunft, Tradition, Religion und Familie, aber auch Sexismus und Schönheitsidealen auseinander. Dabei entstanden die Abgüsse von den Köpfen beteiligter Schüler*innen, die nun in einen Dialog mit den historischen Skulpturen des Bode-Museums treten. Zwei der Schülerinnen und ihre Lehrerin Frau Braun vom Thomas-Mann-Gymnasium sind heute Vormittag vor Ort, um das Projekt vorzustellen. „Für uns als Schule ist es wichtig, dass solche Kooperationen mit Museen stattfinden“, erklärt die Lehrerin Frau Braun, „die Schülerinnen und Schüler können sich dadurch viel intensiver mit den Arbeiten aus dem Museum auseinandersetzen.“ Am Thomas-Mann-Gymnasium ist aus der Kooperation sogar ein neues Fach entstanden: Im Zusatzkurs Museum lernen Schüler*innen künftig in engem Kontakt mit Museumssammlungen. 

Im Projekt „Dichter dran!“ fragten sich Schüler*innen des Herder-Gymnasiums, Was das Museum auf welche Weise von seinen Objekten erzählt. Gemeinsam mit Schriftsteller*innen entwickelten sie daraufhin eigene Geschichten und Texte – und experimentierten mit verschiedenen Formen des Erzählens. Die entstandenen Texte liegen nun als Saalzettel zum Mitnehmen im Bode-Museum aus und eröffnen neue Blicke auf altbekannte Objekte. 

Tisch mit Ausstellungsstücken
©Staatliche Museen zu Berlin/Ute Klein

Auch im Projekt „Haltung zeigen“ geht es um Geschichten der Objekte: Schüler*innen fragten sich, welche Geschichten erzählt werden und ob sie noch Berührungspunkte mit jüngeren Generationen haben. Im nächsten Schritt entwickelten sie dann eigene Ideen, wofür es sich heute lohnt, Mut und Engagement zu zeigen. Die Schüler*innen gestalteten eigene Protestplakate und bedruckten T-Shirts mit ihren politischen Botschaften, von denen nun ebenfalls einige im Museum gezeigt werden.

Neben diesen und weiteren spannenden Projekten, die nun im Bode-Museum präsentiert werden, haben Schüler*innen im Rahmen des lab.Bode auch eine ganze eigene Ausstellung entwickelt. Unter dem Titel „Lebewesen, die mal keine Menschen sind“ werden hier Tierdarstellungen aus dem 13. bis 17. Jahrhundert präsentiert. Im Kern geht es in der Ausstellung um Themen, die die jungen Menschen beschäftigen: Klimawandel, Tierschutz, Artensterben, Umweltverschmutzung und die Zerstörung des Lebensraumes der Tiere.

Alles, was zu einer Museumsausstellung gehört, lag bei diesem Projekt in der Hand der Schüler*innen: Von der Themenfindung über Werkauswahl und Ausstellungsarchitektur bis zur Positionierung der Objekte im Raum und der Plakatgestaltung.

So hat der fast zweistündige Rundgang gezeigt, dass das lab.Bode in den fünf Jahren seiner Laufzeit nicht nur neue Wege der Wissensvermittlung im Museum und an der Schule erkundet hat, sondern auch einige wirklich spannende Projekte realisiert werden konnten, die Besucher*innen des Bode-Museums diesen Sommer unerwartete Perspektiven auf altbekannte Kunstwerke ermöglichen.

Das Finale des Finales findet dann drei Tage später unter dem Titel „Set Expanded: Museum bewegen“ statt – pandemiebedingt als Online-Symposium, was den Enthusiasmus der Beteiligten allerdings nicht wirklich zu schmälern scheint. Schließlich sei die Veranstaltung kein Abschluss, sondern ein Startschuss, denn lab.Bode habe erneut gezeigt, dass eine starke und eigenständige Position der Vermittler*innen Museen verändern, sagt Teresa Darian von der KSB in ihrer Begrüßungsrede. Diese Position müsse noch stärker in den bisherigen Strukturen etabliert werden und lab. Bode sei ein wichtiges Sprachrohr um Forderungen zu platzieren. So fordert dann auch Heike Kropff, Leiterin von Bildung und Vermittlung bei den Staatlichen Museen zu Berlin, dass es „einen größeren Wumms“ geben müsse, um Vermittlungsarbeit nachhaltig zu stärken.

Pappferd mit menschlichen Beinen trabt aus Museum, fotografiert von zwei MEnschen
©Staatliche Museen zu Berlin/Ute Klein

Wie das gelingen könnte, soll ein Blick nach Großbritannien zeigen, wo die Vermittlungsarbeit in Museen bereits einen anderen Stellenwert hat – auch weil dort die soziale Verantwortung von Museen akzeptierter als in Deutschland zu sein scheint. Ebenso wird in britischen Kultureinrichtungen  Fragen wie: Was wird gesammelt? Wessen Geschichte wird erzählt/wurde bisher nicht richtig erzählt? Oder wer wird eingeladen, um am Kulturmachen teilzunehmen? eine hohe Relevanz beigemessen, wie Richard Sandell und Suzanne MacLeod von der University Leicester in ihrer Keynote erläutern.

Dort präsentieren die beiden Wissenschaftler*innen ein Gerüst von sechs für die gesellschaftliche Öffnung von Museen grundlegenden Ideen, die auch in Deutschland für eine Museumsrevolution sorgen können: Von „Audiences first!“ und „Museen gehören zum Alltag“ über die Eminenz der räumlichen Gestaltung von Museen oder „Sharing is power!“ zu „culture is political“ und der sozialen Verantwortung von Museen, aktiv progressives Denken anzuregen.

Nach der Keynote und einer auflockernden Bewegungseinheit mit der Choreografin Patricia Woltmann gibt es in drei Sessions diverse Best-Practice-Beispiele, wie man Museen verändern kann. Jede Session nimmt sich dafür einen spezifischen Ansatzpunkt vor: Geht es einmal darum, wie eine diverse und antirassistische Museumspraxis aussehen kann, wird ein anderes Mal anhand diverser Beispiele gezeigt, was passiert, wenn es Platz für Workshops, Kooperationsprojekte und künstlerisches Arbeiten mitten im Museum gibt. In einer dritten Session steht die gesellschaftliche Öffnung der Museen im Mittelpunkt: Hier stellt Marion Ackermann das „Start Up“ ihrer Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, das Japanische Palais vor, wo multiperspektivisch, transkulturell und kostenlos versucht wird, die Nutzer*innen in den Fokus zu stellen. Beispielsweise mit dem „museum of untold stories“, für das unter anderem die Museumsaufsichten befragt wurden, mit der partizipativen Kinderbiennale oder mit der Ausstellung „Die Erfindung der Zukunft“, in deren Vorfeld Jugendliche und junge Erwachsene nach ihren Sorgen befragt wurden und deren Antworten dann zur Basis der Schau wurden.  Ackermann berichtet, dass das Japanische Palais mit seinen Öffnungsexperimenten ein Publikumsmagnet sei, und aber auch auf die anderen, konventionelleren Einrichtungen der SKD befruchtend und befreiend wirke.  

Dann ist Matthias Mühling vom Münchner Lenbachhaus an der Reihe, der in dem Ausstellungsprojekt "Gruppendynamik" die eigene Sammlung zum Blauen Reiter auf völlig neue, globale und dekolonisierende Weise befragt hat. Schließlich zeigt Stefanie Dathe vom Museum Ulm anhand der Plattform nextmuseum.io, wie Museen die Möglichkeiten des digitalen Raums ausloten und so zu einem neuen Ort mit neuen Zielgruppen werden kann.

Im Nachmittagsteil des Symposiums geht es dann nochmal ausführlich um lab.Bode: die Teilnehmenden des Volontär*innenprogramms lassen die letzten fünf Jahre Revue passieren. Und es ist bemerkenswert, dass die Lernarbeit vice versa funktionierte: Nicht nur Schüler*innen hätten in den Museen neue Erfahrungen gemacht, auch das Museum habe durch die Schulen sehr viel gelernt, so ein Resümée. Dann geht es in die Online-Workshops, wo nochmal die Schulprojekte von lab.Bode veranschaulicht wurden. Alle eint, dass sie alternative, diskriminierungsbewusste Ansatzpunkte für neue Erzählungen und somit zukunftsweisende Vermittlungsarbeit gesucht und gefunden haben.

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