Unheimlich schön

06.05.2022Unheimlich schön

Das Musikinstrumenten-Museum zeigt, wie sehr E.T.A. Hoffmann mit seinen ambivalenten Technikbetrachtungen unser Zeitgenosse ist

Von Irene Bazinger

Blick in eine Ausstellung mit Musikinstrumenten
Anlässlich des 200. Todestags von E. T. A. Hoffmann 2022 ergänzt das Staatliche Institut für Musikforschung unter dem Titel „Zeitgenosse Hoffmann? – E. T. A. Hoffmann und die Musik“ die Dauerausstellung im Musikinstrumenten-Museum um thematische Spotlights. Foto: SPK / Elena Then

Ein riesiger hölzerner Kasten mit einem kleinen Manual, aus dem Melodien strömen, ohne dass jemand die Tasten berührt? Gesetzt den Fall, man würde dies heute in einer Gaststube oder in einem Wohnzimmer erleben und das Licht der Kerzen wegen der schlecht abgedichteten Fenster leicht schwanken, wäre das doch immer noch ganz schön unheimlich. Oder unheimlich schön? So eine Orchestrelle jedenfalls gab es am Ende des 19. Jahrhunderts tatsächlich, und es war nicht der früheste Musik-Automat dieser Art. Derlei Erfindungen waren en vogue und lösten Projektionen von einer traumhaften wie alptraumhaften Zukunft aus. Eindrucksvoll nachlesen lässt sich das in den Werken von E.T.A. Hoffmann, seines Zeichens Jurist und preußischer Regierungsbeamter, aber vor allem ein vielfältig begabter Künstler, der als Literat, Zeichner, Dirigent, Musikschriftsteller und Komponist Erfolge feierte.

Musikautomaten

Das Spiel von Musikautomaten regte viele Künste an, so auch die Literatur E. T. A. Hoffmanns. Auf der Website des Staatlichen Instituts für Musikforschung finden Sie Hörbeispiele.

Nicht übertrieben ist es zu sagen, dass sein Herz besonders der Musik gehörte. 1795 schrieb er an einen Schulfreud: „Wenn ich von mir selbst abhinge, würd’ ich Componist.“ Und 1813, wieder in einem Brief: „Ich mag mich nicht nennen, indem mein Nahme nicht anders als durch eine gelungene musikalische Composition der Welt bekannt werden soll.“

Geboren wurde Hoffmann am 24. Januar 1776 in Königsberg, gestorben ist er am 25. Juni 1822 in Berlin, mithin vor 200 Jahren. Aus diesem Anlass widmet sich nun das Musikinstrumenten-Museum mit einer Spotlight-Ausstellung E.T.A. Hoffmann und der Musik und fragt: „Zeitgenosse Hoffmann?“ Denn mit der Thematik von Menschen- oder Maschinenmusik, an der er sich abarbeitete, sind wir noch im 21. Jahrhundert nicht fertig. Man denke nur an die schwedische Popband Abba, die 2022 in London als Avatare auf der Bühne stehen. Oder an das 1920 erfundene Theremin – ein Ätherwelleninstrument, das ohne direkte Berührung bloß durch die Bewegung der Hände zwischen zwei Hochfrequenzsendern betätigt wird. Oder man erinnere sich an Computer respektive Künstliche Intelligenz, die Beethovens 10. Symphonie nach vorhandenen Skizzen und mit speziellen Algorithmen ergänzte (die Uraufführung fand am 9. Oktober 2021 mit dem Beethoven Orchester Bonn unter der Leitung von Dirk Kaftan statt). E.T.A Hoffmann hätte wohl seinen Spaß daran gehabt. Neugierig hätten ihn derlei Möglichkeiten gewiss gemacht.

Heutzutage werden wahrscheinlich ähnlich viele elektronische Instrumente verkauft wie herkömmliche akustische, schätzt Benedikt Brilmayer, der die abteilungsübergreifende Ausstellung zusammen mit Simone Hohmaier, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Ressort „Musiktheorie und Musikgeschichte“, kuratiert hat. Es geht also eine ungebrochene Faszination von Automaten und Musik-Apparaten aus. Ist das, was letztere produzieren, Kunst oder Mechanik, Absicht oder Zufall? „Diese Problematik ist ein zentraler Topos in Hoffmanns Werken“, so Brilmayer: „Er ließ sich gründlich auf die Frage ein, ob die Automatenmusik lediglich eine technische Spielerei sei oder neue künstlerische Inhalte zu schaffen vermag.“

Großes orgelähnliches Tasteninstrument aus Holz
Scheola (Kunstspielharmonium) mit pneumatischer Selbstspielvorrichtung, Schiedmayer Pianofortefabrik Stuttgart, um 1926. Foto: SPK / Elena Then

Oft diskutieren die Protagonisten in seinen Romanen und Erzählungen darüber kontrovers. In „Die Automate“ (1814) etwa heißt es ablehnend: „Durch Ventile, Springfedern, Hebel, Walzen und was noch alles zu dem mechanischen Apparat gehören mag, musikalisch wirken zu wollen, ist der unsinnige Versuch, die Mittel allein dasjenige vollbringen zu lassen, was sie nur durch die innere Kraft des Gemüths belebt […] und doch wird der geist- und empfindungsloseste Spieler noch immer mehr leisten, als die vollkommenste Maschine.“ Hingegen wird der Vorteil von Automaten(frauen) in „Der Sandmann“ (1816) durchaus gewürdigt: „Aber auch noch nie hatte er eine solche herrliche Zuhörerin gehabt. Sie stickte und strickte nicht, sie sah nicht durchs Fenster, sie fütterte keinen Vogel, sie spielte mit keinem Schoßhündchen, mit keiner Lieblingskatze, sie drehte keine Papierschnitzchen oder sonst etwas in der Hand, sie durfte kein Gähnen durch einen leisen erzwungenen Husten bezwingen – kurz! – stundenlang sah sie mit starrem Blick unverwandt dem Geliebten ins Auge, ohne sich zu rücken und zu bewegen, und immer glühender, immer lebendiger wurde dieser Blick. Nur wenn Nathanael endlich aufstand und ihr die Hand, auch wohl den Mund küßte, sagte sie: ‚Ach, ach!‘ – dann aber: ‚Gute Nacht, mein Lieber!‘ – ‚O du herrliches, du tiefes Gemüt,‘ rief Nathanael auf seiner Stube, ‚nur von dir, von dir allein wird' ich ganz verstanden.‘“

Die bis heute ungebremste Begeisterung für neue technische Erfindungen ist bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert angelegt, erläutert Simone Hohmaier:

„Die Menschen beschäftigten sich damals intensiv mit Automaten wie den zwei Spieluhren, die bei uns zu sehen sind, und außerdem mit gerade modernen Strömungen wie dem Magnetismus und dem Mesmerismus. Denken Sie an Mozarts Oper ‚Così fan tutte‘, da wird der Magnetismus schon, wenngleich ironisch gebrochen, angewendet.“

Drei Personen posieren in einer Musikinstrumentenausstellung für ein Foto
Zum E. T. A.-Hoffmann-Jahr 2022 machen Staatliches Institut für Musikforschung und die Staatsbibliothek zu Berlin gemeinsame Sache: Benjamin Schlodder, Simone Hohmaier und Benedikt Brilmayer (v.l.n.r.). Foto: SPK / Elena Then
Blick in eine Ausstellung mit Musikinstrumenten
Blick in die Ausstellung: Zwei Geigen, eine Viola und ein Violoncello, gebaut in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Werkstatt von Anton Bachmann. Daneben befindet sich eine reich geschmückte Einfachpedalharfe von Pierre Krupp aus Paris. Foto: SPK / Elena Then

Über diese Entwicklungen und deren praktische Manifestationen kann man sich in der Ausstellung bestens informieren und die künstlerisch-technischen Wurzeln unserer aktuellen Geräte verfolgen. Zur schlaglichtartigen Vergegenwärtigung von E.T.A. Hoffmanns musikalischem Kosmos werden natürlich auch herkömmliche Instrumente gezeigt, die aus seiner Epoche und meistens aus Berlin stammen. Er könnte sie also gekannt haben. Den symbolischen Mittelpunkt bildet sein bekanntes „Harfenquintett c-Moll“ (1807). Dafür wird das entsprechende Handwerkszeug präsentiert: Zwei Geigen, eine Viola und ein Violoncello, gebaut in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Werkstatt von Anton Bachmann, einem frühen, innovativen und nicht billigen Berliner Instrumentenbauer. In seinem „Musikalischen Almanach“ (1782) schrieb Johann Nikolaus Forkel über Bachmann: „Er verfertigt nicht nur sehr gute neue Violinen, […] sondern reparirt [sic] auch alte Instrumente mit dem besten Erfolg.“

Daneben befindet sich eine reich geschmückte Einfachpedalharfe (inzwischen ist die Doppelpedalharfe gebräuchlich) von Pierre Krupp aus Paris. Benedikt Brilmayer verweist besonders auf die goldenen Chinoiserien am Hals der Harfe sowie die floralen Schnitzereien an Kopf und Kapitell. Darunter verbirgt sich freilich die komplizierte Mechanik des Instruments, durch die unsichtbar aus Holz und Saiten, Luft und Bravour ihre fein gesponnenen Töne entstehen: „Hoffmann hat Klavier, Geige und Harfe gespielt. Als Geiger verstärkte er in seinen Bamberger Jahren zwischen 1808 und 1813 manchmal sogar das Opernorchester. An der Harfe hingegen bezeichnete er sich als Liebhaber, nicht als Profi, und nutzte sie gern zum spontanen, assoziativen Musizieren. Da konnte er seinen Geist frei walten lassen.“

Für die genaue Spurensuche gibt es eine interaktive Karte, die an die historischen Orte von Hoffmanns Wirken in Berlin führt. Und ab 17. August wird die Ausstellung „Unheimlich Fantastisch – E.T.A. Hoffmann 2022“ in der Staatsbibliothek Unter den Linden eröffnet, die weitere Bereiche in seinem Leben und Werk zugänglich machen wird.

Blick in eine Ausstellung mit Musikinstrumenten
Blick in die Ausstellung: Reich geschmückte Einfachpedalharfe von Pierre Krupp aus Paris. Foto: SPK / Elena Then

Und mit originalen Akten, so deren Kurator Benjamin Schlodder vom E.T.A. Hoffmann Portal der Staatsbibliothek, wird dann auch auf dessen juristische Tätigkeit eingegangen, etwa im Fall des 1819 im Zuge der Demagogenverfolgung inhaftierten Friedrich Ludwig Jahn, des späteren Turnvaters: „Hoffmann hielt ihn für einen Phantasten, seine Handlungen aber nicht für strafbar. Jedoch konnte er sich damit nicht durchsetzen. Jahn blieb deshalb bis 1825 im Gefängnis.“

Jetzt aber können wir E.T.A. Hoffmann im Musikinstrumenten-Museum begleiten und nachvollziehen, was dieses Multitalent auf seinen vielen künstlerischen Wegen umgetrieben hat. Und wie aufregend das klang!

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