Einzigartig in Berlin und darüber hinaus

21.01.2022Einzigartig in Berlin und darüber hinaus

Am Kulturforum vereinen sich einzigartiges Potential und große städtebauliche Herausforderungen. Dagmar Hirschfelder, neue Direktorin der Gemäldegalerie, tritt mit konkreten Ideen für den Ort und seine Anrainer-Institutionen an.

Das Interview führte Sven Stienen

Eine Frau steht in einem Ausstellungsraum mit Gemälden
Dagmar Hirschfelder, neue Direktorin der Gemäldegalerie, tritt mit konkreten Ideen für den Ort und seine Anrainer-Institutionen an. © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / David v. Becker

Wo sehen Sie Chancen und Herausforderungen für das Kulturforum als Standort?

Hirschfelder: Eine große Chance sehe ich in dem Zusammenkommen von so vielen, so breitgefächerten Sammlungen an einem Ort. Wir haben am Kulturforum mit Gemäldegalerie, Kupferstichkabinett, Kunstbibliothek, Kunstgewerbemuseum, Neuer Nationalgalerie und Musikinstrumentenmuseum eine enorme Dichte an Museen, bei denen es in Bezug auf Künstler*innen und Werkzusammenhänge viele Überschneidungen gibt, aber auch eine große Vielfalt mit unterschiedlichen Objektgattungen und Epochen. Besonders mit dem Kupferstichkabinett hat die Gemäldegalerie, was Künstler*innen, Zeiten und Regionen angeht, große Schnittmengen. Es gibt hier also einen außergewöhnlichen Reichtum an Sammlungsgut, mit dem man unterschiedlichste Kooperationen und gemeinsame Ausstellungen realisieren kann. Das geschieht ja bereits an vielen Stellen, wir müssen das Rad nicht neu erfinden, aber hier sehe ich für die Zukunft noch viele weitere Chancen für das Kulturforum. Mich interessiert vor allem die Zusammenarbeit mit Häusern, die ganz andere Themen und Epochen fokussieren, wie das Musikinstrumentenmuseum oder die Neue Nationalgalerie. Ich möchte übergreifend arbeiten und neue Themen aufnehmen, die gerade in der Diskussion sind: zum Beispiel Gender, kulturelle Identität, Fremdheitserfahrung …

Ansammlung von modernen Gebäuden an einem Platz
Am Kulturforum vereinen sich einzigartiges Potential und große städtebauliche Herausforderungen. © Staatliche Museen zu Berlin / Maximilian Meisse

Und die Herausforderungen?

Hirschfelder: Es ist durchaus eine Herausforderung, das Kulturforum als Ort attraktiver zu machen und Besucher*innen hierher zu ziehen, gerade auch mit der Baustelle des Neubaus der Nationalgalerie vor unserer Tür. Das Kulturforum hat ja leider momentan eher den Ruf, als Ort nicht sehr attraktiv zu sein. Das stimmt aber meines Erachtens gar nicht, die Akkumulation von großen, auch architektonisch sehr spannenden Häusern und die lange, wechselvolle Geschichte dieses Ortes sind einzigartig in Berlin und darüber hinaus. Wir sollten dies sichtbar machen, wie es etwa die Ausstellung „Utopie Kulturforum“ getan hat, und Synergieeffekte nutzen. Gut wäre auch, die Piazzetta am Kulturforum noch stärker durch Veranstaltungen und Events zu beleben, zum Beispiel durch Konzerte, Feste, Aufführungen und dergleichen, und so auch den Außenbereich als Ort der Begegnung zu pflegen.

Sie sind nun ganz frisch an diesem Standort – haben Sie eine Vision für das Kulturforum in der nahen Zukunft?

Hirschfelder: Ich wünsche mir eine weitere Öffnung in die Gesellschaft hinein. Ich möchte Projekte initiieren die an aktuelle, gesellschaftlich relevante Debatten anknüpfen und auch junge Leute ansprechen. In diese Richtung müssen wir uns bewegen, sei es mit themenübergreifenden Projekten oder mit einer Vernetzung in die Stadt hinein. Ich würde zum Beispiel gern mit der Berlin Biennale zusammenarbeiten und durch die Gegenüberstellung zeitgenössischer Kunstwerke mit unseren Objekten einerseits neue Perspektiven auf die Alte Kunst ermöglichen, andererseits auch die Auseinandersetzung zeitgenössischer Künstler*innen mit ihr befördern. In der Gegenwartskunst lässt sich immer wieder eine intensive Beschäftigung mit der Bildtradition, auch mit den Alten Meistern, beobachten. Und das ist ja auch nichts Neues: Auch Dürer, Tizian, Rembrandt und ihre Zeitgenossen stützen sich auf ältere Vorläufer.

Sie sprachen bereits über mögliche Kooperation unter den Anrainern am Kulturforum – welche Synergien betrachten Sie als besonders erfolgversprechend?

Hirschfelder: Da gibt es, wie gesagt, sehr viele Anknüpfpunkte. Achim Bonte, der neue Generaldirektor der Staatsbibliothek zu Berlin, ist zum Beispiel in Sachen Digitalisierung ein Vorreiter, davon können wir alle gemeinsam profitieren. Die nachhaltige Sicherung und die Verarbeitung digitaler Daten ist für die Gemäldegalerie und die anderen Institutionen am Kulturforum ein wichtiges Thema. Auch müssen wir im Bereich der digitalen Vermittlung, Social Media usw. noch viel sichtbarer werden und können hier aus gemeinsamen Verbundprojekten wie zum Beispiel museum4punkt0 großen Gewinn ziehen. Dafür bedarf es aber auch einer Aufstockung und Verstetigung personeller Ressourcen, diesbezüglich verspreche ich mir viel vom aktuellen Reformprozess der SPK.

Eine Frau steht in einem Ausstellungsraum mit mittelalterlichen Gemälden
Dagmar Hirschfelder leitet seit November 2021 als Nachfolgerin von Michael Eissenhauer die Gemäldegalerie. © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / David v. Becker
Ein großes Plakat hängt an einem Gebäude, zu dem eine Treppe hinaufführt
"Gerade die Gemäldegalerie kann mit großen, aufsehenerregenden Ausstellungen in besonderer Weise auf den Standort aufmerksam machen", sagt Dagmar Hirschfelder.© Staatliche Museen zu Berlin / David v. Becker

Wo sehen Sie die Rolle der Gemäldegalerie im Gesamtensemble des Kulturforums?

Hirschfelder: Die Sammlung der Gemäldegalerie ist weltweit herausragend für die Alte Kunst, auch im Vergleich mit internationalen Häusern in London, Amsterdam oder Wien. Darin steckt ein großes Potential, viele Besucher*innen anzuziehen. Daher denke ich, dass die Gemäldegalerie ein Magnet sein kann, auch zusammen mit der Neuen Nationalgalerie, dem zweiten großen Haus für Malerei am Kulturforum. Gleichwohl müssen wir noch mehr tun, um auch über Fachkreise hinaus in die breite, internationale Öffentlichkeit hinein zu kommunizieren und der Sammlung gerecht zu werden. Gerade die Gemäldegalerie kann mit großen, aufsehenerregenden Ausstellungen in besonderer Weise auf den Standort aufmerksam machen. Aber natürlich haben auch die anderen Sammlungen am Kulturforum viel zu bieten, und ich wünsche mir, dass es ein Zusammenspiel der verschiedenen Sammlungen gibt und jedes einzelne Haus mit eigenen Projekten Erfolg hat, der dann wieder auf das Gesamtensemble zurückwirkt.

Welche Rolle spielt das Kulturforum als Standort in Berlin?

Hirschfelder: Neben der Museumsinsel und dem Humboldt Forum ist das Kulturforum einer der zentralen Orte in Berlin, wo Kultur stattfindet. Es gibt ja gerade die Idee der Clusterbildung bei der Neuordnung der SPK. Wenn es dazu kommt und es zukünftig inhaltlich und räumlich definierte Cluster gibt, wird das Kulturforum mit seiner Vielstimmigkeit eine wichtige Stimme in der Berliner Kulturlandschaft sein. Es bleibt also spannend, wie es weitergeht, wie die Struktur des SPK sich verändern wird und wie die einzelnen Häuser in Zukunft zusammenarbeiten werden, um die großen Fragen, die die Kultur in den nächsten Jahren beschäftigen werden, im Verbund anzugehen.

Abschließend eine persönliche Frage: Worauf freuen Sie sich im neuen Jahr am meisten?

Hirschfelder: Ich freue mich sehr auf die Arbeit mit der Sammlung und auf die Ausstellungen, die jetzt anstehen. Im September eröffnet unsere große Donatello-Ausstellung, die exzeptionell sein wird: Zum ersten Mal seit 40 Jahren wird eine Ausstellung in dieser Größe sich dem Renaissance-Künstler widmen. Er war einer der wichtigsten Wegbereiter der italienischen Renaissance, der die folgende Entwicklung, Bildhauer*innen und Maler*innen, entscheidend geprägt hat.

Ausstellungsraum mit Gemälden
Ausstellungsräume in der Gemäldegalerie am Kulturforum. © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / David v. Becker

Und es gibt viele weitere Projekte, die uns im nächsten Jahr beschäftigen werden. So sind wir gerade dabei, ein neues Beleuchtungssystem in der Galerie zu installieren, das uns neue Möglichkeiten der Präsentation bieten wird und auch unter konservatorischen und ökologischen Gesichtspunkten eine große Verbesserung darstellt. Wir werden in vier Bauabschnitten arbeiten, sodass stets Dreiviertel unserer Sammlung für die Besucher*innen zugänglich bleiben. Ich freue mich sehr darauf, wenn im April der erste Bauabschnitt fertiggestellt sein wird und unsere Werke in neuem Licht erstrahlen.

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