Das offene Museum

14.05.2021Das offene Museum

Jacques Herzog und Joachim Jäger über das Museum des 20. Jahrhunderts und die Sammlung der Nationalgalerie

Die Fragen stellte Gerrit Wiesmann

Nordostfassade des Museums des 20. Jahrhunderts (Rendering)
Die nordöstliche Fassade des im Bau befindlichen Museum des 20. Jahrhunderts macht die Offenheit und Durchlässigkeit des neuen Ausstellungshauses deutlich © Herzog & de Meuron

Am Kulturforum rollen die Bagger. Ist die Arbeit des Architekten damit beendet, während sie für die Kuratoren jetzt erst beginnt?

Jacques Herzog: Es ist nicht so, dass wir bis jetzt dran waren und nun abgelöst werden von Joachim Jäger und seinen Kolleginnen und Kollegen. Wir arbeiten seit Jahren als Team. Zusammen haben wir den Wettbewerbsentwurf von 2016 weiterentwickelt und dabei die Offenheit – sowohl der Institution als auch der Architektur – zu einem noch wichtigeren Thema gemacht. Das gilt für die Präsentation der Sammlungen im Innern genauso wie für den Dialog mit den benachbarten Institutionen – den Museen, den Bibliotheken und der Philharmonie.

Westansicht des Museums des 20. Jahrhunderts
Die Westfassade des Neubaus der Neuen Nationalgalerie – Museum des 20. Jahrhunderts © Herzog & de Meuron

Joachim Jäger: Große Bauten einer solchen Qualität kann man nur im Team entwickeln. Wir waren als Nutzer anspruchsvoll. Wir haben zum Beispiel gefordert, dass bestimmte Bereiche auch autark funktionieren müssen, also außerhalb des Museumsbetriebs, etwa die Sonderausstellungen, das Restaurant, der Multifunktionssaal, auch die Boulevards. Wir wollten eine Enthierarchisierung, dass also viel mehr nebeneinander stattfindet als hintereinander. Die Nordfassade visualisiert nun diese Idee: Wir haben Eingang, Ausstellungen, Kulinarisches und Shop nebeneinander sichtbar nach außen gebracht. Das war von Anfang an die Idee, aber es war noch ein Stück Weg, um dahinzukommen.

Jacques Herzog: Ja, die Nordfassade ist ganz wesentlicher Ausdruck dieser „Offenheit“. Sie ist nun gar nicht mehr eine Fassade im konventionellen Sinn, sondern eher eine Art „Ausstülpung“ des Innenlebens des Gebäudes. Auch die großen Tore wenden sich direkt an den Menschen. Nicht bloß symbolisch, durch diese große Geste des Öffnens, die ja an Rolltore bei Hangars erinnert, sondern auch ganz unmittelbar, weil sich der Innenraum großzügig zum Stadtraum hin öffnen lässt. Das gibt es in keinem anderen Museum mit vergleichbarem Anspruch, weder im Centre Pompidou noch im MoMA, nicht einmal bei der Tate Modern.

Die Neue Nationalgalerie – Museum des 20. Jahrhunderts: ein Museum, zwei Bauten. Ist der Neubau Kontrapunkt oder Ergänzung zu Mies van der Rohes Architektur-Ikone?

Joachim Jäger: Er steht im Dialog – in Abgrenzung und Verbindung. Beide Bauten werden die Neue Nationalgalerie – Museum des 20. Jahrhunderts bilden. In absehbarer Zeit, nachdem eine Stromtrasse zwischen den Häusern entfernt ist, werden sie auch unterirdisch miteinander verbunden werden. Doch wird der Neubau eine andere Haltung haben. Der Mies-Bau verkörpert die Museumsvorstellung der 1960er-Jahre. Damals gab es keine Installationskunst, keine Partizipation, keine Performance. Der Neubau muss ganz andere Kunstformen abbilden.

Joachim Jäger

Der Kunsthistoriker leitet seit 2011 die Neue Nationalgalerie. Er kuratierte in den vergangenen Jahren u. a. Wolfgang Tillmans’ „Lighter“ im Hamburger Bahnhof sowie die viel beachtete Sammlungspräsentation „Der geteilte Himmel“. Seit 1. November 2020 ist er kommissarischer Direktor der Nationalgalerie

Jacques Herzog am Rednerpult
Jacques Herzog © SPK / photothek.net / Felix Zahn

Jacques Herzog: Der Mies-Bau ist von einem fast klassizistischen Ausdruck geprägt. Als solitärer Bau beansprucht er im Stadtraum totale Autonomie, sagt sich los von allen Zwängen der Stadt ringsum und der Kunst innendrin. Wir leben aber heute im 21. Jahrhundert. Die Menschen begegnen Architektur nicht mehr mit Ehrfurcht. Allenfalls schon eher mit Respekt, wenn diese einen Ort bestimmt, der mit Sorgfalt kuratiert und bespielt wird. Architektur soll deshalb einladend sein und vielfältig – und die Kunstformen und Diskussionen einer Gesellschaft ausdrücken. Unser Bau ist nicht autark, sondern so geformt, dass er sich öffnet – hin zu den benachbarten Institutionen. Unser Museum des 20. Jahrhunderts ist eine Plattform für die Begegnung von Mensch und Kunst – jeden Tag offen, für alle.

Der Neubau sollte von Beginn an eine archaische Form haben, „ein Haus ganz direkt und konkret“, wie Herr Herzog es beschrieben hat. Warum Backstein und Satteldach?

Jacques Herzog: Unser Wettbewerbsprojekt mit dem großen Satteldach hat viele Kollegen und Kritiker provoziert. Wie könnt ihr eine so – ja, was eigentlich? – banale, alltägliche Form da hinbauen wollen? Die vertraute Form des Hauses mit Dach ist aber nicht banal. Sie hat noch immer eine Gültigkeit in uns allen, sie drückt etwas Alltägliches, aber auch etwas Archaisches aus. Etwas, das keine Erklärung braucht, keine formale Rivalität sucht. Gerade deshalb passt sie so perfekt, neben Mies und Hans Scharouns Philharmonie. Wir waren selbst beinahe schockiert, als wir das im Entwurfsprozess während des Wettbewerbs entdeckten. Schlicht und einfach ein Haus und damit offen für verschiedenste Arten von Interpretationen und Programmierungen. Ja, das könnte ein Hangar sein oder eine Bahnhofshalle, eine Kirche oder eine Scheune. Oder gar ein großer Aldi, wie einzelne Stimmen das Projekt – durchaus mit beleidigender Absicht – kritisierten. Sie hatten aber recht, unser Projekt ist so gedacht, als Ort, der möglichst vielen Menschen und gesellschaftlichen und kulturellen Aktivitäten offen stehen soll.

Jacques Herzog

Der Schweizer Architekt wurde 1950 in Basel geboren. Ab 1970 studierte er an der ETH Zürich und gründete 1978 zusammen mit Pierre de Meuron das Architekturbüro Herzog & de Meuron. Zu den bedeutendsten Bauten der beiden Architekten zählen die Hamburger Elbphilharmonie, das Miami Art Museum und der Anbau der Tate Modern in London

Also ein „heterotopischer“ Ort. Nicht nur Vielfalt im kulturellen, kommerziellen und gastronomischen Angebot – dank Restaurant, Bars, Shops, Events und Ausstellungsflächen. Sondern ein Ort mit „Brüchen“: sowohl architektonisch und räumlich, ebenso wie durch die Präsenz der Kunstwerke, in welchen die dramatische Geschichte des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart zum Ausdruck gelangt. Das alles wollten wir unter einem gemeinsamen Dach vereinen. Ja, vielleicht nicht unähnlich einem Bauernhaus mit Scheune, Stall für Tiere, Schober, Wohnzimmer und Küche mit zentralem Kamin für alle.

Das Haus durchkreuzen zwei rechtwinklig zueinander verlaufende Boulevards. Herr Herzog, wie kamen Sie auf diese Idee?

Jacques Herzog: Die sich überkreuzenden Boulevards prägten unsere Entwürfe schon ganz früh. Wie Vektoren, entlang derer sich das Projekt entfaltete. Bei jedem Besuch vor Ort spürten wir, wie beziehungslos die großartigen, aber beinahe autistischen Architekturen von Mies und Scharoun – und Friedrich August Stülers St. Matthäus-Kirche – nebeneinanderlagen. Das zu ändern, sahen wir als eine Hauptaufgabe unseres Entwurfs. Das Kulturforum sollte ein Stück Stadt werden, mit Dichte und Nähe, mit Verbindungswegen oder eben Boulevards, mit einer Aufenthaltsqualität für Museumsbesucher, aber auch für Menschen auf ihrem Weg zur Arbeit oder zum Vergnügen.

Joachim Jäger: Die Boulevards haben in der Tat viel mit dem Kulturforum zu tun. Viele Dinge, mit denen die Kunst heute in Verbindung steht, sind am Kulturforum vertreten: Literatur, Musik, Mode, Design. Auch werden benachbarte Einrichtungen wie die Kunstbibliothek und das Kupferstichkabinett im neuen Bau ihre Sammlungen präsentieren. Das Haus soll nicht eindimensional erfahrbar sein, sondern sich zu allen Seiten hin öffnen. Es hat verschiedene Eingänge, es hat verschiedene Durchwegungen, setzt auf Verknüpfungen am Kulturforum. Man wird auf einer öffentlichen Straße weit in dieses Gebäude eindringen und durchqueren können.

Es soll ein Ort werden, wo man sich erst mal mit anderen Menschen, aber von Anfang auch auf die Kunst trifft. An den Boulevards wird es Kunstwerke geben, von ihnen aus wird man in die Ausstellungsbereiche blicken können. Es wird kein Tempel, sondern ein Haus, das viele Möglichkeiten bietet, sich der Kunst zu nähern.

Portrait Joachim Jäger
Joachim Jäger © Christoph Mack

Welchen Einfluss hatten die für den Neubau vorgesehenen Werke und Sammlungen auf die Architektur? Könnte die Architektur auch die Sammlungen beeinflussen?

Joachim Jäger: Unsere Sammlung ist geprägt von den Brüchen und Wechseln des 20. Jahrhunderts, und diese wollten wir architektonisch abgebildet sehen. Es sollte kein Kontinuum ähnlicher Räume geben, sondern die Architektur soll diese Brüche abbilden. Unsere Sammlung ist von zwei unterschiedlichen politischen Systemen sehr geprägt worden. Wir haben eine große Sammlung, die aus der DDR stammt, und eine große Sammlung, die im Westen zusammengestellt wurde. Die Sammlung ist eine wiedervereinigte und birgt damit schon eine starke Reibung in sich. Das soll auch in diesem Haus ein Thema sein, weshalb Besucherinnen und Besucher auf unterschiedliche Raumqualitäten und -atmosphären stoßen werden.

Die Sammlung ist sehr groß, und der Neubau erlaubt uns, endlich mehr von ihr zu zeigen. Auch möchten wir sie unter neuen Blickwinkeln betrachten und ergänzen. Es gibt Werke in der Sammlung, die sich für gewisse Orte besonders eignen. Wir haben durch die Sammlung Marx beispielsweise die sehr bedeutende Beuys-Arbeit „Das Kapital Raum 1970–1977“ zur Verfügung gestellt bekommen und haben dafür nun, gemeinsam mit Architekten, einen sehr spezifischen Ort dafür geschaffen. Entlang der Boulevards haben wir wiederum große Wandflächen vorgefunden, die sich gut eignen für die Wand-Editionen, die wir vor einigen Jahren erworben haben – zum Beispiel für eine Arbeit von Sarah Morris, die sich auf die Olympiade in München von 1972 bezieht.

Zitat

„Unsere Sammlung ist eine wiedervereinigte und birgt eine starke Reibung in sich“ Joachim Jäger

Für die Schenkung von Ulla und Heiner Pietzsch, eine sehr feine, vielfältige Sammlung zur Kunst des Surrealismus, wünschten wir uns eher kleinere, intensivere Räume. Die Architektur führt in der Tat zu Rückkopplungen und beeinflusst unser kuratorisches Denken. Wichtig bleibt, dass die Räume in der Nutzung jeweils offen und flexibel bleiben, dass spätere Kuratorinnen und Kuratoren ihre eigenen Perspektiven auf die Sammlung erarbeiten können. Genauso ist übrigens auch der Gerhard-Richter-Raum angelegt, als ein offener, immer wieder wandelbarer Raum.

Jacques Herzog: Als wir die ersten Räume für Kunst Ende der 80er-Jahre planten und bauten, war es uns ein Hauptanliegen, einen ganz konkret auf die ideale Wahrnehmung des Menschen hin konzipierten Raum zu schaffen. Oft in enger Zusammenarbeit mit unserem Freund Rémy Zaugg, der zu dem Thema neue und bahnbrechende Überlegungen publizierte, wie zum Beispiel „Die List der Unschuld“. Das war völlig schräg in der damaligen Museumslandschaft, wo Museen wie die Staatsgalerie in Stuttgart oder das Museum Abteiberg in Mönchengladbach entstanden, die zwar in Mode waren, aber von den Künstlerinnen scharf abgelehnt wurden, weil es da kaum irgendwelche, vernünftigen White-Cube-Räume gab. Das wollten wir besser machen, etwa mit unserem ersten wichtigen Projekt für die Kunst, der Sammlung Goetz in München. Als die Projekte größer wurden, spätestens aber mit der Tate Modern, als wir auch Reste von Bestandsbauten integrieren wollten, begannen wir, Museen wie heterotope Landschaften zu konzipieren: mit Ausstellungsräumen ganz unterschiedlicher Dimension, Materialität, Form und Lichtführung. Und eben auch mit komplexen Durchwegungen, die nicht nur Bewegungszonen sind, sondern sich auch für die Präsentation von Kunst anbieten. Wir wollen den Kuratoren und Künstlerinnen eine große Vielfalt für immer neue kuratorische Spielformen anbieten.

Luftbild des Kulturforums mit dem Modell des Museums des 20. Jahrhunderts
Ein Luftbild aus der Zukunft: Das Areal am Kulturforum nach dem Lückenschluss durch das neue Museum des 20. Jahrhunderts von Herzog & de Meuron © Geoportal Berlin / Digitale farbige Orthophotos 2015 (DOP20RGB) / Herzog & de Meuron

Das Gebäude bietet viele Zugänge und Blickbezüge ins Innere. Wie weit kann man diese Idee der Öffnung und Offenheit treiben?

Jacques Herzog: Man wird ja sehen, was aufgrund der finanziellen Ressourcen und der Sicherheitsfragen möglich ist. Aber klar, wir wünschen uns ein Kulturforum, das auch nachts begeh- und bespielbar ist. Im Selbstverständnis unserer westlichen Demokratien haben Museen klar eine soziale Funktion, kulturelle Angebote in einem geschützten öffentlichen Raum zu bieten.

Joachim Jäger: Und so könnte es auch möglich sein. Wir können nicht täglich von morgens bis nachts immer geöffnet sein. Aber die Boulevards und auch Teile des vorderen Bereiches am Nordeingang könnten sehr lange aufbleiben – theoretisch könnten das Restaurant und Veranstaltungsräume zu jeder Tages- und Nachtzeit auf sein. Alles hängt auch von den Programmideen ab. Uns ist es ein großes Anliegen, dass dieser Neubau das Kulturforum verändern wird. Auch die Kirche dürfte dort eine zentrale Rolle spielen, weil sie wieder einen Kirchplatz bekommen wird. Dieser Platz zwischen dem Neubau und dem, was wir heute die Museen am Kulturforum nennen, dürfte ein sehr entscheidender städtischer Platz werden, der zum ersten Mal seit Langem wieder zum Verweilen einlädt. Ich glaube, dass dieser Platz, der mit sehr viel Leben erfüllt sein wird, eine ganz neue Qualität haben wird.

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