Wir zeigen keine Originalobjekte

16.09.2021Wir zeigen keine Originalobjekte

Wie die Zusammenarbeit mit Partner*innen aus Namibia die Ausstellung im Humboldt Forum geprägt hat: Ein Interview mit Julia Binter, Provenienzforscherin am Zentralarchiv der Staatlichen Museen zu Berlin und Leiterin des Kooperationsprojekts zu den Sammlungen aus Namibia am Ethnologischen Museum

Das Gespräch führte Oliver Hoischen

Drei Frauen in weißen Kasacks untersuchen ein Museumsobjekt
Nehoa Hilma Kautodonkwa, Cynthia Schimming und Julia Binter im Depot des Ethnologischen Museum Berlin. Filmstill aus „Tracing Namibian-German Collaborations“, ein Film von Moritz Fehr © Staatliche Museen zu Berlin 2020

Frau Binter, wenn im Humboldt Forum jetzt die Räume des Ethnologischen Museums öffnen – was ist dort über Namibia zu sehen, der ehemaligen Kolonie „Deutsch-Südwestafrika“?

Julia Binter: Die Ausstellung gibt einen Einblick in den aktuellen Forschungsprozess und ist in enger Zusammenarbeit mit unseren namibischen Forschungspartner*innen, allen voran der Museums Association of Namibia, entstanden. Ziel des Kooperationsprojekts war es, einen möglichst offenen Forschungsprozess zu etablieren, bei dem die Bedürfnisse und Wünsche aller Beteiligten gehört werden. Wir im Berliner Team sahen uns in der Verantwortung, die kolonialen Kontexte zu verstehen, in denen die knapp 1400 Objekte aus Namibia in der Sammlung des Ethnologischen Museums erworben wurden. Insbesondere war es uns wichtig zu analysieren, ob Objekte in direktem Zusammenhang mit dem Völkermord stehen, den Deutschland von 1904 bis 1908 an den Ovaherero und Nama begangen hat. Gleichzeitig war es unseren Forschungspartner*innen, darunter Wissenschaftler*innen, Kurator*innen und Künstler*innen, wichtig, über die Zukunft der Objekte nachzudenken.

Was haben sie vorgeschlagen?

Binter: Sie hatten sofort Ideen, was man von den Objekten lernen, wie man mit ihnen künftig kreativ umgehen kann. Unsere Diskussionen und unser Wissensaustausch waren so intensiv und teilweise auch emotional, dass uns bald klar war, dass wir im Humboldt Forum keine Originalobjekte zeigen, sondern unseren gemeinsamen Forschungsprozess thematisieren möchten. Was bedeutet es, mit Objekten zu arbeiten, die teilweise aus höchst gewaltvollen Kontexten stammen? Welche Informationen über die Herkunft und die Beziehungsgeschichten von Objekten kann ich als Provenienzforscherin aus den europäischen und dadurch sehr einseitigen Archiven rekonstruieren? Welche historischen und kulturellen Bedeutungen, welche persönlichen Erfahrungen haben unsere Forschungspartner*innen mit den Objekten verknüpft? Und wie kann die Zukunft der Objekte aussehen?

Was bedeutet das konkret für die Ausstellung?

Binter: Die Ausstellung besteht aus drei Teilen: Zum einen ist da der Film von Moritz Fehr, der einen einfühlsamen Blick hinter die Kulissen gibt. Der Berliner Filmemacher hat uns bei unserer Forschung mit den Objekten im Depot des Ethnologischen Museums in Berlin begleitet. Moritz Fehr ist aber auch mit uns nach Namibia gereist und hat die Allgegenwärtigkeit der kolonialen Vergangenheit – von deutschen Straßennamen bis hin zu namenlosen Massengräbern des Völkermords – mit seiner Kamera eingefangen. Sein Film zeigt damit auch, wie die deutsche Kolonialgeschichte nicht nur die Sammlungen in Berlin, sondern auch das Land Namibia und den Alltag der Menschen dort bis heute prägt.

Worauf können die Besucher*innen darüber hinaus gespannt sein?
 
Binter: Wir haben eine Form gesucht und hoffentlich auch gefunden, die unsere intensiven Diskussionen und Wissensaustausch versinnbildlicht – ein sogenanntes Netzwerk des Wissens. Wir haben in der Vitrine im Humboldt Forum sprichwörtlich ein Netzwerk aus  Leder- und Stoffbahnen gespannt, an dem Fotos von einigen jener 23 Objekte aus der Namibia-Sammlung des Ethnologischen Museums angebracht sind, die im kommenden Frühjahr auf Wunsch unserer Partner*innen für weitere Forschung nach Namibia reisen werden. Mit dieser Installation zeigen wir, was wir gewinnen, wenn wir auf die Bedürfnisse unserer Forschungspartner*innen eingehen und Objekte loslassen und reisen lassen. Wir gewinnen so viel – an Wissen, an Wertschätzung, an gegenseitigem Verständnis. Neben den Objektabbildungen sind auch historische und gegenwärtige Fotos und vor allem viele unterschiedliche Stimmen auf Texttafeln in das Netzwerk eingeflochten. Die Installation verweigert den einfachen Konsum von schönen Dingen und stellt die Menschen und ihre Beziehungen zu Objekten in den Mittelpunkt. Ich bin gespannt, wie die Besucher*innen darauf reagieren werden.

Von den Artefakten der Namibia-Sammlung des Ethnologischen Museum wird also wirklich keines gezeigt?

Binter: Nein, sie wurden auch in Dahlem nicht gezeigt. Und unsere Partner*innen haben zurecht die Frage gestellt, warum die Objekte gerade jetzt im Humboldt Forum gezeigt werden sollen, wenn es in Namibia so viele Menschen gibt, die ein historisch und kulturell gewachsenes Interesse daran haben, mit den Objekten zu arbeiten und für sie zu sorgen. Unsere namibischen Kolleg*innen haben bei ihrem mehrmonatigen Forschungsaufenthalt 2019 in Berlin 23 historisch, kulturell und ästhetisch bedeutenden Objekte ausgewählt – in vielen Gesprächen mit Fachleuten daheim, mit Interessengruppen und Vertreter*innen ganz unterschiedlicher Institutionen. Ziel ist es, die Objekte in Namibia mit dem Wissen von Community-Verteter*innen, Künstler*innen und Wissenschaftler*innen wiederzubeleben. Ein so großes Folgeprojekt können wir nur dank der Förderung durch die Gerda-Henkel-Stiftung durchführen.

Worum handelt es sich bei diesen Objekten eigentlich?

Binter: Ein Großteil der Berliner Namibia-Sammlung besteht aus Kleidungs- und Schmuckstücken. Sie sind darum nicht nur Zeugnisse historischer Ereignisse und Beziehungen. Unsere namibischen Partner*innen verstehen sie auch als Inspirationsquelle, etwa für heutiges Modedesigns und künstlerisches Schaffen. Es ist großartig, dass die Museums Association of Namibia in Otjiwarongo bald das neue Museum of Namibian Fashion eröffnet wird, in dem Historiker*innen ebenso wie Modedesigner*innen und Community-Verteter*innen die Geschichte und Identitäten Namibias anhand von Kleidung ganz selbstbewusst und neu erzählen werden. Als Inspirationsquelle dienen nicht nur die historischen Objekte aus Berlin, sondern auch Sammlungen des Nationalmuseums in Windhoek. So bringen wir verschiedene Erkenntnisse aus Vergangenheit und Gegenwart zusammen, kombinieren sie – und schaffen etwas Neues.

People on a table talking
Filmstill from „Tracing Namibian-German Collaborations“, a film by Moritz Fehr © Staatliche Museen zu Berlin 2020

Jetzt müssen Sie aber noch verraten, was das dritte Namibia-Element ist, das es im Humboldt Forum zu sehen gibt?

Binter: Es ist eine textile Arbeit, ein Kunstwerk der namibischen Modeschöpferin Cynthia Schimming, die 2019 mit uns zusammen die Dahlemer Sammlung gesichtet und ihr Potenzial für künftige Projekte ausgelotet hat. Cynthia Schimming hat unsere Sammlung von Anfang an als Archiv der namibischen Design- und Modegeschichte verstanden und einmal gesagt: Ihr sprecht soviel, ich produziere lieber.

Wie sieht die Arbeit aus?

Binter: Cynthia Schimmings Kunstwerk besteht aus zwei Teilen, die Körper und Landschaft als Orte kolonialer Erfahrungen spürbar machen.  Sie schuf ein Herero-Kleid, in das ihre Forschung zu vorkolonialer Mode eingeflossen ist. Der Schnitt mit Puffärmeln und weitem Petticoat ist viktorianischen Kleidern nachempfunden. Die Kopfbedeckung ahmt die Form von Rinderhörnern nach und verweist auf die stolze Vergangenheit der Ovaherero als Viehzüchter*innen. Der zweite Teil ihrer Installation nimmt ein anderes Schlüsselobjekt in den Sammlungen in den Fokus: eine von Nama-Künstlerinnen gefertigte Patchworkdecke aus Leder. Sie stammt aus dem Nachlass von Gustav Nachtigal, der 1886 dem Museum in Berlin übergeben wurde. Nachtigal war „Reichskommissar“ für die deutschen Kolonien in Westafrika. Vermutlich hat er die Decke erworben, als er sogenannte „Schutzverträge“ mit Vertretern der Nama abschloss. Cynthia Schimming hat das Muster dieser Patchworkdecke auf eine lange Stoffbahn übertragen und mit historischen Fotografien aus unserem Archiv bedruckt. Das Ergebnis ist wirklich beeindruckend. Das Werk zeigt die Philosophie der Künstlerin: Es geht nicht nur darum, Geschichte zu schreiben und zu verstehen. Wir tragen die Geschichte immer auch mit uns.

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