Wandel ist vorprogrammiert

10.07.2021Wandel ist vorprogrammiert

Jonathan Fine, Leiter des Ethnologischen Museums der Staatlichen Museen zu Berlin, erzählt die Geschichte der Benin-Bronzen und erklärt, wieso kulturelles Erbe weit mehr ist als Objekte in Ausstellungen

Die Fragen stellte Philipp Hindahl

Ein Mann steht mit FFP2-Maske in einem leeren Ausstellungsraum
Jonathan Fine © SHF / David von Becker

Herr Fine, die Benin-Bronzen sind emblematisch geworden für die Debatten um die Restitution von Objekten aus der Kolonialzeit. Worum handelt es sich bei den besagten Bronzen?

Jonathan Fine: Das ist ein Sammelbegriff für historische Objekte aus dem Königreich Benin. Viele davon stehen im Zusammenhang mit dem Leben am Hof des Obas, des Königs. Am bekanntesten sind die Reliefplatten, die wahrscheinlich aus der Mitte des 16. Jahrhunderts stammen. Damit wurde ein Empfangshof im Palast geschmückt, und sie bilden Szenen aus der Geschichte und dem Leben am Hof ab. Aber nicht alle sind aus Bronze, zahlreiche der Metallobjekte sind aus Eisen oder Gelbguss – ein Verfahren, bei dem Wachsformen zum Einsatz kommen. Darüber hinaus gibt es sehr viele andere Objekte, vor allem aus Elfenbein, Koralle und Holz, die auch sehr eng mit dem prächtigen Leben der Dynastie verbunden waren.

Benin war also ein kulturelles Zentrum?

Ja, nur wurde in der Kolonialzeit ein Bild von Afrika konstruiert, in dem es als von der Weltgeschichte abgetrennt dargestellt wurde. Damit wurde auch der Kolonialismus gerechtfertigt, denn eine Region, die als gleichberechtigt gilt, hätte man wohl nicht missioniert und kolonialisiert.

Das Königreich gab es also schon sehr lange vor der Kolonialisierung?

Die Geschichte Benins, im heutigen Nigeria gelegen, reicht fast 1000 Jahre zurück. Die Dynastie des jetzigen Königs ist seit etwa 500 Jahren Throninhaber und damit eine der ältesten Herrscherfamilien der Welt. Benin war lange sehr mächtig und hat sich ab dem 16. Jahrhundert am weltweiten Handel mit Elfenbein und Gewürzen, aber wahrscheinlich auch mit versklavten Menschen beteiligt. 1897 wollten die Briten Benin in ihr Kolonialreich eingliedern, sind einmarschiert, haben erobert und geplündert.

Bronzefigur eines Kopfes
Gedenkkopf einer Königinmutter aus dem Königreich Benin © Foto: Ethnologisches Museum der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz / Martin Franken

Dabei wurden zahlreiche Kunstwerke geraubt. Wie kamen so viele davon so schnell nach Deutschland?

Das Interesse in Deutschland ist durch Justus Brinckmann, den Gründungsdirektor des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe, geweckt worden. Felix von Luschan, damals Kurator im Berliner Museum für Völkerkunde, hörte einen seiner Vorträge. Er war begeistert und kaufte rasch viele Objekte in London, aber er schrieb auch seine Kontakte in Afrika an, ob sie nicht nach solchen Stücken suchen könnten. Unter anderem hat der deutsche Konsul in Lagos etwa 80 Objekte in den Handel gebracht, die von Luschan dann kaufte. Ich würde sagen, ein Großteil der Berliner Bestände wurde vor 1910 erworben. Aber ohne die Eroberung durch die Briten wäre der Handel mit den Schätzen aus Benin undenkbar gewesen. Deswegen haben wir vor kurzem mit Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien, beschlossen, dass es zu substanziellen Rückgaben kommen muss.

Die Objekte galten also schon als wertvoll, als sie erworben wurden?

Auf dem Markt haben sie anfangs nicht viel gekostet. Dann aber haben deutsche Wissenschaftler*innen sie zu wichtigen Zeugnissen antiker Zivilisationen in Afrika erklärt. Man hat dadurch gleichzeitig die Kunstfertigkeit in Benin am Ende des 19. Jahrhunderts deklassiert: Es hieß, man wäre dort nicht mehr in der Lage, so zu arbeiten wie einst. Das bekräftigte rassistische Stereotype von Afrikaner*innen als unterlegen und ihrer Zivilisation als degeneriert.

Der nigerianische Schriftsteller Wole Soyinka hat gesagt, wenn er diese Bronzen sehe, dann komme ihm gleich das Bild einer antiken Zivilisation in den Sinn.

Das Großartige ist, dass diese Zivilisation noch lebendig ist. Künstler*innen in Benin City gießen noch heute – und das mit großer Kunstfertigkeit. Dazu sind neue Medien gekommen, und die Universität in Benin City ist eine sehr bedeutende Kunstschule in Nigeria. Aber Soyinkas Aussage verweist auch darauf, dass viele der historischen Objekte weit weg von den Menschen sind, die heute in Benin City und in Nigeria leben. Wie geht man damit um? Ist es richtig, dass man nach London, Paris oder Berlin reisen muss, um den Hauptteil dieses künstlerischen Erbes zu sehen? Für viele ist das nicht möglich.

Raubkunst ist untrennbar mit der Entstehung des modernen Museums verbunden. Zum Beispiel wurden im Louvre in Paris viele Hauptwerke der italienischen Renaissance zusammengetragen. An diesem Ort sollte alles Wichtige versammelt werden.

In gewissem Sinne ist der Louvre das Urmuseum. Dort sind die Dinge aufbewahrt, die Napoleon in Europa und Nordafrika geplündert hat. Damit ist klar, dass Sammlungen nicht neutral sind und dass sie immer im Aushandlungsprozess politischer Verhältnisse stehen. Wir leben in einer Zeit, in der wir versuchen, diese Verhältnisse, für die Museen seit Jahrhunderten standen, neu zu verhandeln. Das ist ein ungeheuer wichtiger Prozess.

Welche Rolle soll das Humboldt Forum dabei spielen?

Im besten Fall wird das Humboldt Forum diese Debatten auf die Spitze treiben und für ein breites Publikum gesellschaftlich relevant machen. Nicht nur in akademischen Kreisen, nicht nur in Feuilletons, sondern für Menschen, die in Berlin ins Humboldt Forum kommen.

Soll es dabei ein Universalmuseum sein, so wie der Louvre?

Ich denke nicht. Der Anspruch kann nicht sein, die ganze Welt zu repräsentieren. Aber das Humboldt Forum kann eine Plattform für viele Akteure bieten, um Antworten auf Fragen der Sammlungen zu suchen.

Eine dieser Fragen lautet: Brauchen Museen in Afrika nicht eigene Sammlungen, um als gleichwertige Partner mit Museen in Europa in Austausch zu treten?

Wir haben oft betont, dass wir bereit sind, über Rückgaben zu sprechen. Gleichzeitig finde ich es schade, dass im Kontext der Diskussion um Rückgaben häufig ein Bild der kulturellen Landschaft in Afrika gezeichnet wird, das der Realität nicht gerecht wird. Zum Beispiel hat das National Museum in Lagos die besten Sammlungen aus Nigeria weltweit, das lässt New York, London, Paris, Berlin weit hinter sich. Es stimmt auch nicht, dass in Benin City keine Benin-Kunstwerke zu sehen sind. Außerdem ist das Museum, so wie wir es hier in Europa kennen, nicht die einzige Möglichkeit, Kultur lebendig zu machen.

Zwei Männer unterhalten sich in einem leeren Ausstellungsraum
Jonathan Fine im Gespräch © SHF / David von Becker
Bronzeobjekt in Form einer Glocke
Durchbrochen gearbeitete Glocke mit menschlichem Kopf aus dem Königreich Benin © Foto: Ethnologisches Museum der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz / Martin Franken

Warum?

Man kann Museen kritisch hinterfragen. Sie sind in ein westliches Verständnis von Kultur und gesellschaftlicher Relevanz eingebettet. Die afrikanischen Kolleg*innen überlegen, in welcher Form sie dieses Konzept für sich übernehmen oder umwandeln möchten. Ihre Antworten müssen nicht wie Museen in Europa, Nordamerika oder Australien aussehen.

Man liest aber oft, dass sich ein großer Teil der Kulturgüter Afrikas nicht auf dem Kontinent befindet.

Das zeigt, dass man nicht versteht, wie reich Afrika an Kultur ist, und es stellt materielle Kulturgüter in den Mittelpunkt. Dabei verliert man Immaterielles aus dem Blick – Musik, Tanz, Dichtung, Erzählungen. Die Sammlungen afrikanischer Kunst und Kultur in Europa sind Momentaufnahmen der Kulturproduktion zu bestimmten Zeitpunkten. Damit spiegeln sie die europäischen Vorstellungen von Kunst zu diesen Zeitpunkten wider. Aber es wurde weiter Kunst produziert. Die Aussagen zu den angeblich kaum vorhandenen Kulturgütern stärken – leider – eine Vision europäischer Überlegenheit, die nicht zu rechtfertigen ist.

Sie sind Mitglied der Benin Dialogue Group, einer seit 2010 bestehenden Initiative, die sich diesen Fragen widmet. Was ist dort Ihre Aufgabe?

Ich habe das Ethnologische Museum der Staatlichen Museen zu Berlin in dieser Gruppe vertreten. Das ist das erste Mal, dass Akteure der europäischen Museumslandschaft multilateral mit Kolleginnen und Kollegen aus Nigeria zusammengekommen sind, um zu besprechen, was mit dem verstreuten kulturellen Erbe aus dem Königreich Benin passieren soll. Dabei sind Dinge möglich geworden, die vor fünf oder zehn Jahren nicht möglich gewesen wären, und der Austausch hat dazu geführt, dass viele Museen jetzt bereit sind, Werke zurückzuführen.

Die Rhetorik um Restitution erinnert bisweilen an die Rhetorik um den Klimawandel: Es geht um die Verantwortung und Gerechtigkeit für künftige Generationen, dringende Themen also, die man schnell klären sollte.

Den Bedarf, dringend zu handeln, gibt es zweifelsohne – Schluss mit der Verzögerung! In den Sammlungen in Europa, die aus anderen Erdteilen stammen, werden auch langfristig menschliche, politische, kulturelle Beziehungen ausgehandelt. Als Wissenschaftler und Kurator muss ich mich für den Dialog öffnen und den Wünschen und Prioritäten der Partner*innen nachgehen.

Wie wird die Ausstellung über das Königreich Benin im Humboldt Forum aussehen, wenn einige der Objekte nicht mehr da sind?

Die Frage der Rückführung war von Anfang an Teil der Ausstellung. Diese behandelt zentral die Ereignisse von 1897 in Benin, und warum diese Objekte überall auf der Welt zu sehen sind. In Deutschland gibt es einen Konsens, dass viele von den Werken zurück müssen. Die Präsentation soll auch dazu dienen, den Prozess der Aushandlung transparent zu machen. Wenn Objekte zurückgehen, kann man sie durch Bilder oder 3-D-Modelle ersetzen oder die Leerstellen kommentieren. Für mich ist das Spannende an dieser Ausstellung im Humboldt Forum immer gewesen, dass sie die Prozesse, in die diese Objekte eingebettet sind, darstellen soll: historische, künstlerische, gesellschaftliche. Und wenn man sich das Ziel setzt, einen Prozess darzustellen, ist Wandel schon vorprogrammiert.

Das Interview erschien zuerst im Magazin des Humboldt Forums

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