Eine Werkstatt, keine Baustelle

15.09.2022Eine Werkstatt, keine Baustelle

Jetzt ist es also endlich so weit: Das Humboldt Forum eröffnet komplett – ein guter Zeitpunkt, den Direktor des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst Lars-Christian Koch nach seinem Blick auf die Dinge zu fragen.

Die Fragen stellten Gesine Bahr und Ingolf Kern.

Lars-Christian Koch spricht vor einer Gruppe von internationalen Gästen
Direktor Lars-Christian Koch, Foto: SPK/photothek.de/Liesa Johannssen

Mit der Eröffnung des Ostflügels ist das Humboldt Forums komplett. Sie arbeiten – seit mittlerweile vier Jahren als Direktor von Ethnologischem Museum und Museum für Asiatische Kunst – auf dieses Ereignis hin. Was bedeutet dieser Abschluss für Sie ganz persönlich?

Lars-Christian Koch: Die Arbeit beginnt jetzt! Wir wollen in Zukunft auch weiterhin unter Beweis stellen, dass das Humboldt Forum nur im Dialog und im Austausch erfolgreich sein kann. Deshalb ist es ein wunderbarer Vertrauensbeweis, dass etwa 80 internationale Gäste, mit denen wir sehr intensiv an unseren Sammlungen arbeiten, nach Berlin gekommen sind. Das wird in den nächsten Jahren noch intensiver. Wir werden sehr stark in neue Kooperationen einsteigen und die Ausstellungen als Ausgangspunkt nehmen, um diese wirklich sehr intensive kollaborative Arbeit weiterzuführen.

Ist das Humboldt Forum also eine Baustelle, wie es Kulturstaatsministerin Roth formuliert hat?

Koch: Ich würde eher sagen, dass wir eine Werkstatt sind. Wir wollen die Dinge immer wieder neu formen und immer wieder neue Fragen an die Sammlungen richten.

Gab es in der langen Zeit der Vorbereitung bei Ihnen und den Kurator*innen eigentlich auch Zweifel an diesem Projekt?

Koch: Wenn Sie keine Zweifel haben, machen Sie was falsch. Zweifel gehören dazu. Zweifel sind genau der Antrieb, um neue Perspektiven zu suchen, Zweifel eröffnen neue Felder der Forschung und der Präsentation. Ich glaube, dass Zweifel gerade in der Zusammenarbeit mit unseren internationalen Partner*innen viel ausgelöst haben. Wenn es beispielsweise um problematische Herkunftsgeschichten unserer Objekte ging, war schnell klar, dass eine Restitution kein Schlussstrich sein kann. Es ist keine Lösung, die Objekte einfach nur zurückzugeben. Wir wollen gemeinsam mit unseren Partner*innen daran arbeiten und stellen uns dabei zusammen die Frage: Welche Bedeutung werden diese Objekte in Zukunft bekommen? Und vor allem: Was lösen wir damit aus? Was passiert in den Communities, wenn wir Objekte zurückgeben?

Mehrere Menschen in Kitteln und mit Masken in einem Depot an Objekten
Im Depot mit Kooperationspartner*innen, Foto: SPK/photothek.de/Liesa Johannssen

Wenn man nochmal an den Weg zum Humboldt Forum zurückdenkt, beispielsweise an das Humboldt Lab von Martin Heller, wo bereits ab 2011 Multiperspektivität oder die Zusammenarbeit mit den Herkunftsgesellschaften betont wurden – fühlen Sie sich jetzt durch die Erfolge dieser intensiven internationalen Kooperationen darin bestätigt, dass die ursprüngliche Idee aufgegangen ist?

Koch: Um Bestätigung geht es mir nicht. Aber es soll schon deutlich werden, dass wir Museumsleute auf dem richtigen Weg sind. Es war doch immer klar, dass wir diese ganzen Herausforderungen nur gemeinsam lösen können. Natürlich gibt es auch Communities, die erstmal kein Interesse an der Zusammenarbeit haben. Aber auch denen bieten wir an, dass wir ihnen zuhören.

Haben Sie den Eindruck, dass sich die Debatte um das Humboldt Forum durch die Dinge, die Sie tun, ein bisschen versachlicht hat?

Koch: Ja, sie hat sich versachlicht und sie hat sich auch geöffnet. Es war eine Zeit lang sehr emotional. Emotionen sind immer noch da, das ist auch gut so. Emotionen werden immer eine große Rolle spielen, aber die Sachlichkeit hat auch ihren Platz gefunden und genau das merken wir jetzt in den letzten Tagen hier: Das Humboldt Forum ist ein Ort der Multiperspektivität.

Gab es Momente, wo Sie sich zu Unrecht an den Pranger gestellt gefühlt haben?

Koch: Sicherlich gab es Anwürfe, die mich auch persönlich getroffen haben. Und zwar immer dann, wenn ein Vorsatz konstruiert wurde. Aber letztlich entscheide ich als Wissenschaftler und als Direktor der Museen. Natürlich habe ich in vielen Bereichen auch eine private Meinung, die diese professionelle Haltung zwar beeinflusst, aber nicht überschatten darf. Diese Herausforderung habe ich sehr zu schätzen gelernt in den letzten Jahren:  den Umgang mit der Multiperspektivität im Inneren.

Wird im Humboldt Forum eine Geschichte erzählt, die Ihnen besonders am Herzen liegt? Wo Sie sagen, da ist fantastisch gelungen, das freut Sie besonders?

Koch: Wenn ich durch die Ausstellung gehe und bei einem Modul denke ‚Das ist ein Highlight!‘ und dann weitergehe ins nächste Modul, dann denke ich wieder „Das ist das Highlight!“ Nur ein Beispiel: die Ausstellung, die Zubeni Lotha zusammen mit Roland Platz und den Partner*innen aus der Stiftung Humboldt Forum kuratiert hat – wunderbar! Ein absolutes Highlight, wo alles zusammenkommt: zeitgenössische Künstlerin, historische Sammlung usw. Dann geht man eine Etage tiefer und ist bei der Omaha-Ausstellung und denkt wieder: ‚Genauso muss es sein, das ist herausragend!‘ und so kann man das ganze Humboldt Forum durchgehen. Dieses ständige Entdecken neuer Highlights, das ist das, was mir im Moment am meisten Freude macht.

Blick in einen modernen Ausstellungsraum
Ansicht des Ausstellungsbereichs „Ein Rundhaus als Spiegel der Welt. Vom Ursprung und Leben der Dinge in Amazonien" des Ethnologischen Museums im Humboldt Forum. © Staatliche Museen zu Berlin / Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss / Alexander Schippel

Man kuratiert ja immer für die Besucher*innen. Welche Art von Besucher*innen würden Ihnen besonders gut gefallen?

Koch: Die Besucher*innen, die die Vielstimmigkeit wahrnehmen können. Zugegeben: Wir verlangen den Besucher*innen einiges ab. Eine Ausstellung zu sehen und dann auch wirklich zu genießen, zu verstehen, ist durchaus mit Arbeit verbunden. Aber diese Arbeit können wir nicht abnehmen.  Ich erhoffe mir, dass wir diese Besucher*innen an unterschiedlichen Punkten abholen können, dass wir sie mitnehmen können, ihnen die Geschichten erzählen können, so dass jeder, der hier drin war, mit zumindest einer neuen Geschichte das Haus verlässt.

Zurück zum Thema Werkstatt statt Baustelle: Wie soll sich die Entwicklung in den nächsten Jahren vollziehen? Was würden Sie sich da wünschen?

Koch: Unser Fahrplan ist eigentlich schon mehr oder weniger beschlossene Sache: wir wollen noch stärker kollaborativ arbeiten, wie wollen viel mehr residencies vor Ort haben, wir wollen zusammen mit unseren internationalen Partner*innen Interventionen in den Dauerausstellungen ermöglichen und wir wollen neue Netzwerke entwickeln. Wenn man sich die Sammlungen ansieht, gibt es noch viele Bereiche, wo wir erst minimale Kontakte zu den Herkunftskulturen oder zu unseren Partner*innen oder unseren wissenschaftlichen Communities haben. Beispielsweise in dem großen Bereich, wo man mit vielen unterschiedlichen Communities zu tun hat, wie Nordamerika. Oder Papua-Neuguinea. Man kann das bei Zubeni Lotha sehen: Die Naga werden als eine Einheit, sind aber eigentlich 30 unterschiedliche Gruppen. Man kann nicht mit allen sprechen, dann wird es wirklich sehr vielstimmig, aber man muss das Ziel haben, mit vielen sprechen zu können.

Also man sieht einen glücklichen Herrn Koch vor der Eröffnung?

Koch: Das kann man so sagen, ja.

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