„Noch immer sind viele Depeschen nicht dechiffriert“

28.02.2020„Noch immer sind viele Depeschen nicht dechiffriert“

Am Geheimen Staatsarchiv widmet man sich jetzt den letzten Rätseln der preußischen Diplomatenpost – mit Hilfe der Kryptographie.

Von Oliver Hoischen

Liste mit französischen Wörtern und entsprechenden Zahlen
Detail aus einem Chiffre-Chiffrant für die preußische Gesandtschaft in Paris aus dem Jahr 1800 © Christine Ziegler/Bildstelle GStA PK

Vor Franziska Mücke stapeln sich die Depeschen. Es sind Berichte aus Rom, Paris und Sankt Petersburg, die Girolamo Lucchesini nach Berlin geschickt hat. Lucchesini war der letzte Vorleser und Vertraute Friedrichs des Großen, bevor er eine glänzende Diplomatenkarriere einschlug. „Der Marquis Lucchesini berichtete besonders fleißig“, sagt Franziska Mücke und blättert in den wertvollen Dokumenten. Wenn sie mit ihrem Finger hier auf einen interessanten Kommentar und dort auf eine ungewöhnliche Schrift hinweist, dann wirkt das so gar nicht ehrfürchtig, wie man es eigentlich erwartet, sondern sehr vertraut. Franziska Mücke macht das jeden Tag. Sie ist Archivarin - mit einem geräumigen Amtszimmer im Parterre des Geheimen Staatsarchivs in Dahlem. Elftausend Bände umfasst allein die hier verwahrte diplomatische Korrespondenz, die die preußischen Gesandten nach Berlin geschickt haben, vom frühen 16. Jahrhundert bis in das Jahr 1806, als der preußische Staat zusammenbrach. Die meisten dieser Briefe waren verschlüsselt, wie die von Lucchesini. Und auch von Wilhelm von Humboldt sind verschlüsselte Texte erhalten, aus der Zeit, als der preußische Gelehrte als Gesandter an der päpstlichen Kurie in Rom stationiert war.

Schließlich geriet die Post unterwegs manchmal in falsche Hände. Damit Spione sie nicht verstanden, nutzte der italienische Adelige Lucchesini Zahlenkombinationen: Vier Zahlen standen für ein bestimmtes Wort. Um diesen Code zu knacken, brauchte man Entschlüsselungstabellen, sogenannte Nomenklatoren. Und die besaßen neben dem Gesandten nur die zuständigen Sekretäre in Berlin. Franziska Mücke schiebt einen solchen Nomenklator mit dem Titel „1800. Chiffre-Déchiffrant avec le Ministre du Roi Marquis de Lucchesini à Paris“ über ihren großen Schreibtisch. Sie muss lachen, weil das Heft rechts unten so abgegriffen ist. Wer da wohl alles immer wieder den Daumen angefeuchtet und dann verzweifelt geblättert hat? Denn wer wissen wollte, was Girolamo Lucchesini vom napoleonischen Hof berichtete, musste ordentlich hin und her wälzen.

Als Archivarin beschäftigt sich Franziska Mücke auch mit der Kryptographie, der Wissenschaft von den verschlüsselten Nachrichten. „Die Kryptographie ist noch immer ein Orchideenfach“, sagt sie. Ob Liebesbotschaften, Militärgeheimnisse, Diplomatenpost, spirituelle Literatur - schon die Menschen in der Antike wussten, wie man Informationen vor den Augen anderer versteckte. Die Spartaner zum Beispiel umwickelten einen Stab mit einem schmalen Streifen aus Leder, auf den sie eine Nachricht schrieben. Wenn man das Leder abwickelte, war der Text nicht mehr zu verstehen. Der Empfänger brauchte also einen Stab mit gleicher Dicke, um die Nachricht lesen zu können. Und so geht es weiter mit der Kunst der Kryptographie, bis zum Zweiten Weltkrieg, in dem komplexe Maschinen eingesetzt wurden, um Funksprüche zu verschlüsseln - und noch komplexere, um sie zu entschlüsseln. Immer wieder wurden neue Verschlüsselungsverfahren erfunden. Und heute gilt das erst recht. Ob beim Online-Shopping, beim Messenger-Dienst oder beim Geldüberweisen: Das richtige Passwort, die aktuelle PIN, die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung  entscheidet. Digitale Kommunikation ist ohne Cybersecurity nicht denkbar.

Schon Lucchesini war ein Meister des Geheimen. Ein eigens engagierter Bote überbrachte seine Schreiben. Jeweils ein Exemplar erhielt der König, ein anderes ging an das zuständige Ministerium. „Mein Eindruck ist, dass es jedes Jahr einen neuen Code gab“, sagt Franziska Mücke. Aber hat Lucchesini seine Briefe selbst verschlüsselt oder geschah das nur unter seiner Aufsicht? Darauf wissen die Forscherinnen und Forscher noch keine Antwort. Und warum hat er die Chiffrenbücher nach seinem Ausscheiden aus dem Dienst eigentlich nicht vernichtet, wie es Vorschrift gewesen wäre? Sicher ist, dass er nicht der einzige war, der in dieser Hinsicht nachlässig war.

Handschriftliche Zeilen mit Zahlenreihen
Detail eines verschlüsselten Schreibens von Girolamo Lucchesini aus Paris vom 30. Januar 1801 © Christine Ziegler/Bildstelle GStA PK

Nicht nur Diplomaten beherrschten die Kunst der Kryptographie: Das Geheime Staatsarchiv, das „Gedächtnis Preußens“, bewahrt auch Briefe der Prinzessin Sophie Dorothea von Celle auf, der Großmutter Friedrichs des Großen mütterlicherseits, die gegen ihren Willen mit dem  späteren englischen König Georg I. verheiratet wurde – und vor allem deshalb in die Geschichte einging, weil sie ein Liebesverhältnis mit dem Grafen Philipp Christoph von Königsmarck hatte, was zu nichts weniger als einer Staatsaffäre führte. Die verliebte Prinzessin schrieb ihrem Schwarm viele hundert Briefe – zum großen Teil verschlüsselt. Gelegentlich benutzte sie sogar Geheimtinte . „Großer Gott, welche Wonne und welches Entzücken, immer bei Ihnen zu sein! Je mehr man Sie sieht, desto mehr findet man Sie allen Männern der Welt überlegen“, ist da zu lesen. Doch die Briefe wurden abgefangen, die Chiffren entziffert, die Ehe geschieden und die Prinzessin auf Schloss Ahlden in der Lüneburger Heide gebracht, wo sie den Rest ihres Lebens gefangen war.

Tag der Archive

Das Geheime Staatsarchiv lädt am Samstag, dem 7. März, zum Tag der Archive ein. Von 9:30 Uhr bis 16 Uhr gibt es Führungen, Präsentationen und Lesungen aus Briefen Alexander von Humboldts und Heinrich von Kleists. Für Kinder wird ein großes Mitmachprogramm geboten. Wer möchte, kann die aktuelle Kleist-Ausstellung besuchen oder sich beim Lesen alter Handschriften helfen lassen. Und natürlich sind auch die verschlüsselten Schreiben aus dem diplomatischen Schriftverkehr zu sehen! mehr

Franziska Mücke kann begeistert erzählen: von Zahlen, die zwar unterschiedlich sind, aber alle den gleichen Buchstaben darstellen, von Zahlen, die für einzelne Silben stehen oder für ein ganzes Wort, von Zahlen, die unterstrichen wurden. Sie kennt die Tricks, mit denen die Gesandten arbeiteten, ihre Verwirrungstechniken, die zu ganzen Absätzen voll inhaltsleeren Zahlenkolonnen führten. Sie kennt Geschichten von Depeschen, die falsch entziffert wurden - und solchen, die den Gegnern in die Hände fielen, woraufhin man alle Codes aufwendig ändern musste. Nicht ohne Grund ermahnte Friedrich der Große seine Gesandten wenige Monate nach seinem Regierungsantritt, nicht träge zu sein und fleißig die Post zu verschlüsseln. Das Papier, auf denen die Briefe verfasst sind, heißt übrigens Hadernpapier, es wurde aus einem Lumpenbrei gemacht. Und die Tinte heißt Eisengallustinte, weil sie aus Galläpfeln ist.

Die Kryptographie gehört bisher offiziell nicht zu den Hilfswissenschaften der Archivkunde, anders als die Paläografie – die Lehre von den alten Schriften, die Chronologie – die Lehre von den Datierungen, die Siegelkunde und die Aktenkunde. Am Geheimen Staatsarchiv rückt die Kryptographie nun stärker in den Blick. Sie liefert das Handwerkszeug zum besseren Verständnis der historischen Quellen. Schließlich umfasst das Archiv 38.000 laufende Meter an Urkunden, Akten, Amtsbüchern und Karten. Und gerade in der diplomatischen Korrespondenz der preußischen Gesandten finden sich immer wieder verschlüsselte Schriftwechsel, die bis heute Rätsel aufgeben. „Da schlummern noch viele Überraschungen. Wir stehen erst am Anfang“, sagt Franziska Mücke. Erst wenn die Texte dechiffriert sind, werden sie zu einer interessanten historischen Quelle.

Zu entschlüsseln gibt es einiges. In jeder Hinsicht: Die Archivarin zeigt auf ein ziemliches Gekrakel, den Kommentar des Königs Friedrich Wilhelm I., unter einer verschlüsselten Depesche aus dem Jahr 1729. „Sollen suchen es zu dechiffrieren“, hat der „Soldatenkönig“ da eigenhändig seine Sekretäre angewiesen. Er verstand nicht, was ihm berichtet werden sollte. Der Schlüssel war verschwunden. Bis heute ist er nicht aufgetaucht. Aber auch das Gekrakel des Königs ist schwer zu entziffern, denn Friedrich Wilhelm I. hatte von Natur aus eine ‚kryptische‘ Handschrift: „Die ist wirklich schlimm“, sagt Franziska Mücke „und kaum zu entziffern!“

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