Den Tibetteppich am Schädel hauen

07.06.2017Den Tibetteppich am Schädel hauen

Spätestens seit Thomas Bernhard ist bekannt: In Wien ist das Schimpfen eine Kunst. Das zeigt sich auch in den Briefwechseln der Wiener Schule.

Von Wolfgang Behrens

Konnte gut schimpfen und komponieren: Anton Webern (2.v.r.) mit Otto Klemperer, Arnold Schönberg und Hermann Scherchen 1924 in Donaueschingen
Konnte gut schimpfen und komponieren: Anton Webern (2.v.r.) mit Otto Klemperer, Arnold Schönberg und Hermann Scherchen 1924 in Donaueschingen © bpk

„Wenn es so etwas gibt wie den berühmten Wiener Charme, dann besteht dieser zu einem guten Teil aus uncharmanten Äußerungen“ , heißt es im Vorwort eines Büchleins mit dem Titel „Schimpfen wie ein echter Wiener“. Und weiter: „Denn das kunstvolle Schimpfen hat in Wien Tradition.“

Vielleicht gilt gar der Umkehrschluss: Wer einem nicht ab und an „mitn Oasch ins Gsicht fohrt“, wer also nicht auch mal jegliche Höflichkeitsübereinkünfte aufzukündigen vermag, der kann kein echter Wiener sein. Der Schriftsteller Thomas Bernhard – zumindest zeitweilig ein Wahlwiener – hat mit seinen berühmten Schimpftiraden insofern nur einen Faden weitergesponnen, der in Wien ohnehin ausgelegt war: „Wien ist eine fürchterliche Genievernichtungsmaschine […] eine entsetzliche Talentezertrümmerungsanstalt.“

Auch im Berliner Staatlichen Institut für Musikforschung kennt man Schimpftiraden zur Genüge. Dort wird nämlich der Briefwechsel der Wiener Schule herausgegeben, wobei es sich bei der Wiener Schule nicht um einen Club unflätiger Literaten handelt, sondern um den Musikerkreis, der sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts um den durchaus skandalumwitterten Komponisten Arnold Schönberg bildete. Nicht zuletzt sein Schüler Anton Webern neigte dazu, sich in seinen Briefen zum echten Wiener – der er tatsächlich war – zu qualifizieren: Er ließ etwa gegenüber seinem Freund und Komponistenkollegen Alban Berg oft derartig Dampf ab, dass selbst Thomas Bernhard anerkennend genickt hätte. Immerhin war Webern nicht so taktlos, den Briefpartner ins Visier zu nehmen: Er schimpfte über Dritte. Da aber war er nicht zimperlich und schreckte auch vor Größen nicht zurück.

Ein zwischen Alban Berg und Anton Webern gewechseltes Schreiben
Ein zwischen Alban Berg und Anton Webern gewechseltes Schreiben © Alban Berg Stiftung

Im August 1912 ist Webern etwa noch ganz begeistert von seinem Studium des 1. Satzes der 3. Symphonie von Gustav Mahler. Und plötzlich feuert er eine Breitseite gegen Richard Strauss ab:

„Wie Schuppen fiels mir von den Augen. Es gibt überhaupt keine schnelle Musik. Die gibt’s nur bei Strauß, damit der Trek [= Dreck] sich nicht setzen kann. So was unsympathisches wie z. B. die ‚Feuersnot‘ [eine Oper von Strauss] […] Ich schaute sie neulich an. Mahler sagte von Strauß, er sei der Lindpaintner unserer Zeit […] Ich weiß nicht wer der war. Jedenfalls für mich ist Strauß etwas ganz u. gar unsympathisches. Geschäftsmann, wenn nicht ärgeres. Ich will nichts mehr wissen von ihm.“

Zu wirklicher Hochform läuft Webern auf, als es im Januar 1912 gegen die Dichterin Else Lasker-Schüler geht. Diese hatte dem Maler Max Oppenheimer in der expressionistischen Zeitschrift „Der Sturm“ vorgeworfen, Oskar Kokoschka zu kopieren. Kurz zuvor hatte Karl Kraus das Gedicht „Ein alter Tibetteppich“ („Deine Seele, die die meine liebet / Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet“) in seiner Zeitschrift „Die Fackel“ nachgedruckt. Grund genug für Webern, seine Meinung über Dichterin und Gedicht deutlich kundzutun:

„Fall Oppenheimer: Ich bin empört über diese Angriffe. Nicht weil ich mit dem Oppenheimer halte, nein durchaus nicht; (wahrscheinlich hat er Schweinereien gemacht.) Sondern weil ich sie für sinnlos halte. Ja, warum soll Opp. nicht den Kokoschka kopieren? Es kann doch nur wieder ein Oppenh. herauskommen. Deswegen halte ich es für eine Beleidigung dem Kokoschka gegenüber, wenn die E. Lasker-Schüler, dieses verblödete Weib, der ich am liebsten den ganzen ‚Teppichtibet‘ mit sammt dem ‚Tibetteppich‘ am Schädel hauen möchte, von Oppenheimers Bildern sagt, es hängen lauter Kokoschkas da. Das braucht sich der doch nicht gefallen lassen. Man kann also die Bilder von beiden nicht unterscheiden? Nun, dann sind sie gleich gut oder schlecht. Aber das ist nicht so und darum ist die Schüler ein idiotisches Weib […] Etwas Dümmeres als das was dieser ‚Tibetteppich‘ (die E. L. Schüler mein ich) schreibt, gibt es bestimmt nicht mehr. Und das druckt der Kraus ab! Beachte den Satz: ‚oder gehören Sie zu jenen Menschen die die Gebärden jener nachahmen, in die sie verliebt sind‘ (so heißt es ungefähr) […] Ja, warum soll man das nicht thun? Das ist doch nur ein Vorzug! Nein, nein, mein Lieber, das ist alles lauter Blödsinn.“

In seiner Antwort ließ sich sogar der sonst eher zurückhaltende Alban Berg aus der Reserve locken: „Ich bin natürlich wie vor u. eh’ der Meinung daß die Lasker ein Fiech ist“. Wenn die Berliner Musikwissenschaftler all diese Wiener Ausbrüche, die heute getrost als Hate-Mails durchgingen, lesen, dürfen sie sich indes nicht in sicherer Distanz wähnen: Auch Berlin bekommt sein Fett weg. Denn Webern berichtet im Dezember 1911 aus „Treks-Beaaaarlin“ folgende Anekdote:

„Eine Frau sagte, sie hätte bloß bis 9h Zeit, im Vorübergehn sei sie bis zu dieser Zeit da ins Konzert gekommen. Die hatte offenbar keine Ahnung, um was es sich handle. Statt in Aschingers-Bierhalle setzte sie sich ins Konzert […] Eine Kulturlosigkeit; eine Pöbelhaftigkeit. Trek, nichts als Trek. Diese Loblieder auf Berlin! Unerhört! Wenn Kraus diese Trekstadt wirklich kennen würde. Jammer; Jammer.“

In Wien mag nicht alles zum Besten stehen – aber anderswo ist’s halt noch schlimmer.

„Schönberg bezeichnete gestern Berlin als Unkunst-Stadt. Ja, Berlin ist ohne Kultur; und die scheinbar so große Zivilisation ist lauter Holler!“

Der wissenschaftlichen Genauigkeit der Herausgeber tun diese Beschimpfungen keinen Abbruch. Da ja nicht jeder in Preußen weiß, was mit Holler (Holunder) gemeint ist, vermerkt die Fußnote jedenfalls getreulich: „Österreichisch: Unsinn“. Insgeheim aber mag man denken: „Wos Sie da sogn, Herr Webern, is a aufglegter Schas!“

Im Rahmen der Jubiläumsfeier lesen Jörg Gudzuhn und Christian Grashof am 24. Juni 2017 um 16 Uhr im SIM-Café aus dem von Simone Hohmaier und Rudolf Stephan herausgegebenen Band des Briefwechsels zwischen Alban Berg und Anton Webern.

100 Jahre SIM - Das große Jubiläumswochenende

Das SIM begeht sein 100. Jubiläum an zwei Festtagen: Am 23. Juni gibt es einen Festakt, Festvortrag und Chopin-Konzert mit dem Pianisten Hardy Rittner. Der 24. Juni ist zum Publikumstag ausgerufen: Führungen, Podiumsdiskussion, Orgelkonzert, Kinderprogramm und Lesung geben Einblicke in die aktuelle Arbeit und die Geschichte des Hauses. Besonderer Höhepunkt ist das Konzert der Elektro-Pioniere von „Tangerine Dream“.

Programm

 

Schulführung im Musikinstrumenten-Museum, im Vordergrund Cembali aus dem 18. Jahrhundert
© SPK / Pierre Adenis

Staatliches Institut für Musikforschung

Das Staatliche Institut für Musikforschung ist das größte außeruniversitäre Forschungszentrum für Musikwissenschaft in Deutschland. Es widmet sich der historisch-theoretischen Reflexion über Musik und deren Vermittlung. Hierfür präsentiert es in seinem Musikinstrumenten-Museum die Entwicklung der europäischen Kunstmusik vom 16. bis zum 21. Jahrhundert für ein breites Publikum. Bereits 1888 gegründet, besitzt das Museum über 3.000 historische Musikinstrumente und bietet vielfältige Veranstaltungen – vom wissenschaftlichen Symposium, über Konzerte, bis hin zu interaktiven Klanginstallationen.

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