Großartiges kreieren mit minimalstem Ressourcenaufwand

16.03.2022Großartiges kreieren mit minimalstem Ressourcenaufwand

Seit Oktober 2021 hat die SPK zwei Nachhaltigkeitsbeauftragte: Nina Schallenberg, Kuratorin am Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart und Daniel Naumann von der Stabsstelle Bauplanung der Staatlichen Museen zu Berlin. Warum nachhaltiges Handeln zwingend ist, vor welchen Herausforderungen sie in ihrem neuen Amt stehen und wie sie auf den Neubau der Nationalgalerie am Kulturforum blicken, erzählen die beiden im Interview.

Die Fragen stellte Gesine Bahr

Eine Frau und ein Mann stehend lächelnd vor einer grauen Mauer
Nina Schallenberg und Daniel Naumann, Nachhaltigkeitsbeauftragte der SPK © SPK / Dominik Twillemeier

Was ist eigentlich Nachhaltigkeit? Und warum ist sie so wichtig? Ist sie alternativlos?

Nina Schallenberg: Ich finde eine Definition von Nachhaltigkeit immer noch sehr schlagkräftig, die schon im Brundtlandreport von 1987 steht und besagt, dass ein nachhaltiges Handeln ein Handeln ist, das unsere Bedürfnisse von heute befriedigt – aber ohne dass die zukünftigen Generationen ihre Bedürfnisse einschränken müssen. Das ist der Kern eines nachhaltigen Handelns und Denkens. Und wenn wir diese intergenerationelle Verantwortung ernstnehmen, dann ist ein nachhaltiges Handeln alternativlos.

Daniel Naumann: Es geht um Ressourcen, die ja endlich sind. Und darum, dass wir nicht alles jetzt verbrauchen können. Anders gesagt: Die Gesellschaft basiert auf Wachstum, alle wollen einen besseren Lebensstandard erreichen, das ist ja auch ein hehres Ziel. Und jetzt ist es die Aufgabe, dieses Wachstum vom Ressourcenverbrauch zu entkoppeln. Sprich, durch Nachhaltigkeit darauf hinzuwirken, dass weniger Ressourcen verbraucht werden, trotz Wachstum. Das ist für die Stiftung eine entscheidende Frage: Es wird gesammelt und dafür braucht es immer mehr Flächen. Wie lässt sich diese Entwicklung nachhaltig gestalten?

Auch wenn es ums Ressourcensparen geht, wird Nachhaltigkeit ja immer mit einem mehr an Kosten assoziiert. Können wir uns das leisten?

Naumann: Die Frage ist ja eher: Können wir es uns leisten, nicht nachhaltig zu sein? Ich glaube nicht. Nachhaltigkeit bedeutet nicht, dass etwas zwingend teurer wird, sondern beispielsweise, dass Produkte länger genutzt werden und dadurch im Endeffekt über einen gewissen Zeitraum sich vielleicht sogar Kosten einsparen lassen. Das ist ja auch ein großes Ziel. Nachhaltigkeit umfasst nicht nur ökologische Nachhaltigkeit, sondern auch sozio-kulturelle Nachhaltigkeit, sprich, dass die Arbeits- und Lebensbedingungen passen und es bedeutet ebenso ökonomische Nachhaltigkeit.

Schallenberg: Nachhaltigkeit hängt eng mit der Frage zusammen: Was brauche ich überhaupt an Inhalten, Projekten, Gegenständen, Architekturen usw.? Und wie kann ich meine Vorhaben so umsetzen, dass möglichst wenig Ressourcen genügen. Der zentrale Begriff dafür lautet „Suffizienz“. Wenn ich anfange, so zu denken, dann kann vieles auch weggelassen, also nicht gemacht oder nicht verwendet werden. Durch den Verzicht können lang- und kurzfristig Kosten eingespart werden.

Die belebte Freitreppe der James-Simon-Galerie
Die belebte Freitreppe der James-Simon-Galerie © Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker

Kollidiert das mit dem Stiftungszweck, möglichst viele Besucher*innen aus aller Welt zu noch nie dagewesene Ausstellungen in möglichst große Museen zu holen? Wird die neue Nachhaltigkeitsagenda den Kulturbetrieb auf den Kopf stellen?

Naumann: Es geht ja nicht darum, die Internationalität oder irgendwas in Frage zu stellen, sondern man muss sich darauf konzentrieren, was im Rahmen der Möglichkeiten getan werden kann. Besucher*innen z. B. aus den USA kommen ja nicht nur nach Berlin, um sich ein bestimmtes Museum anzuschauen, sondern aus anderen Gründen. Und wir greifen auf diesen Pool zu und bieten ihnen noch eine zusätzliche Möglichkeit an. Wir sollten uns auf Themen konzentrieren, die in unserer Einflusssphäre liegen. Die Stiftung könnte beispielsweise dafür sorgen, dass ihre Einrichtungen gut mit öffentlichen Nahverkehrsmitteln zu erreichen sind. Oder sich die Frage stellen: Wie kommen die Besucher*innen aus Deutschland zu uns?

Schallenberg: Ein Stiftungszweck ist ja auch, dass wir unser Kulturgut für zukünftige Generationen bewahren. Da müssen wir natürlich auch die Welt zukunftsfähig halten. Sonst würden wir unserem eigenen Stiftungszweck widersprechen. Es geht darum, eine Balance zu finden zwischen diesen verschiedenen Aufgaben, die wir in der Stiftung haben. Die Zielsetzung sollte sein: Wie schaffe ich es, etwas Großartiges zu kreieren mit dem minimalsten Ressourceneinsatz? Das ist doch das, was es braucht an Umdenken.

Nachhaltigkeit erfordert ein Umdenken, und geht einher mit Veränderungen, die teilweise auch unbequem sind. Und es funktioniert nur, wenn die Mehrheit mitmacht. Wie schafft man das?

Schallenberg: Indem man die Notwendigkeit vor Augen führt. Indem eine transparente Kommunikation geschaffen wird und indem man klarmacht, dass es durch das Umdenken sehr viel zu gewinnen gibt. Wir sollten uns immer fragen: Was verlieren wir, wenn wir das jetzt nicht machen? Die SPK verlöre zum Beispiel enorm an gesellschaftlicher Relevanz, weil ein nachhaltiges Handeln in der Zukunft leider noch existenzieller werden wird, als es jetzt schon ist. Diese Notwendigkeit müssen wir kommunizieren und hoffen, dass es die Leute motiviert, auch Ungewohntes und Unbequemes in Kauf zu nehmen.

Naumann: Innerhalb der Stiftung müssen wir natürlich alle mitnehmen. Das ist ein ganz wichtiges Ziel unserer Arbeit als Nachhaltigkeitsbeauftragte. Grundsätzlich stehen wir ja noch relativ am Anfang, müssen erstmal die Struktur und eine gemeinsame Arbeitsgrundlage schaffen, die dann kommuniziert wird und auch Möglichkeiten der Beteiligung einräumt.

Ihr seid jetzt seit einem knappen halben Jahr im Amt, was waren eure ersten Schritte als Nachhaltigkeitsbeauftragte?

Schallenberg: Wir haben ja zu zweit eine halbe Stelle, was angesichts der Größe der Stiftung mit über 2000 Mitarbeiter*innen und vor allen Dingen auch angesichts der vielen Gebäude und unterschiedlichen Einrichtungen eine sehr große Herausforderung ist. Diese Aufgabe können wir nicht alleine stemmen und deswegen gehört es zu den ersten Schritten, dass wir, auch gemeinsam mit der Taskforce Nachhaltigkeit / Green Culture und den Nachhaltigkeits-AGs, ein tragfähiges Netzwerk innerhalb der Stiftung aufbauen. Wenn die Nachhaltigkeit in die DNA der Stiftung eingehen soll, dann müssen wir in jeder Einrichtung, in jedem Bereich Expertise dafür aufbauen.

Menschen sitzen auf einem Platz mit Bäumen
Performance auf der Piazzetta des Kulturforums zur Ausstellung „Food Revolution 5.0“ 2018 im Kunstgewerbemuseum © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum

Naumann: Wir sind dabei, ein Nachhaltigkeitsteam aufzustellen, um diese Struktur in der Stiftung zu verankern. Dort werden aus allen Einrichtungen und aus allen Initiativen Mitwirkende versammelt, um den Prozess der Nachhaltigkeit gemeinsam zu bewältigen.

Schallenberg: Die Stiftung hat ja auch beschlossen, dass das europäische Eco-Management and Audit Scheme (EMAS) eingeführt wird. Dieser Prozess kanalisiert all unsere Nachhaltigkeitsaktivitäten. Das Nachhaltigkeitsteam, mit dem wir das realisieren möchten, ist ein wichtiger erster Schritt in dem Prozess.

Das konkrete Ziel lautet: Die SPK will klimaneutral werden. Wie kommt man da hin?

Schallenberg: Neben dem EMAS-Prozess gab es den Beschluss, dass die SPK die Klimaneutralität vor 2035 anstrebt. Zwischenzeitlich hat die Bundesregierung das Ziel der Klimaneutralität der Bundesbehörden bis 2030 formuliert. Angesichts der aktuellen Situation ist es absolut notwendig, sich diese ambitionierten Ziele zu setzen und die Schritte dorthin konzentriert zu steuern.

Bei der Umsetzung fahren wir zweigleisig: Auf der einen Seite machen wir eine „grüne Inventur“ für die gesamte Stiftung – so detailliert, wie das jetzt am Anfang möglich ist, die dann in Zukunft immer mehr verfeinert wird. Auf der anderen Seite verfolgen wir bereits die Planung und Realisierung konkreter Maßnahmen.

Naumann: Diese grüne Inventur und der EMAS-Prozess bilden die Klammer, die die Nachhaltigkeitsbemühungen der Stiftung zusammenbinden wird. Es handelt sich um einen ständigen Verbesserungsprozess inklusive Evaluierung – damit beschlossene Maßnahmen umgesetzt und die gewünschten Wirkungen überprüft werden.

Blick auf den begrünten Kolonnadenhof der Museumsinsel mit historischen Gebäuden
Weltkulturerbe Museumsinsel © Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker

Im ersten Schritt geht es darum, Ressourcen wie beispielsweise Energie einzusparen und im nächsten Schritt das, was nicht eingespart oder durch regenerative Energien ersetzt werden kann, auf andere Art und Weise zu kompensieren. Für den Baubereich bedeutet das, dass man sich den Bestand anschauen muss. Ein großer Bestand, der hochrangige Denkmale und Welterbebauten umfasst, die hinsichtlich des Ressourceneinsatzes und im Kontext restauratorischer und klimatischer Anforderungen für den Betrieb große Herausforderungen darstellen.

Gemeinsam mit den Bauverwaltungen wie dem BBR sind Lösungen zu entwickeln, die Nachhaltigkeit gleichrangig neben anderen Belangen, z.B. den kuratorischen, konservatorischen und denkmalpflegerischen, verankern. Das wird ein schwieriger Prozess, das sind dicke Bretter, die da gebohrt werden müssen.

Schallenberg: Im Bereich der etwas mobileren Güter gehen wir ähnlich vor, da gibt es auch die „grüne Inventur“ und parallel dazu erste konkrete Maßnahmen. Gemeinsam mit der AG Ressourcenschonendes Arbeiten sind wir beispielsweise im Gespräch mit Expert*innen der Staatsbibliothek und des Geheimen Staatsarchivs zum Thema Papier. Also welche Papiere verwenden wir eigentlich in der Stiftung zu welchem Zweck, wo könnte Recyclingpapier zum Einsatz kommen und bei welchen Dokumenten empfiehlt sich eine andere, archivbeständige Art von Papier. Das ist ein kleineres Thema, allerdings ist der Papierverbrauch in der Stiftung sehr hoch. Ein anderes Thema sind die ganzen Ausstellungsmöbel, vor allem die der Wechselausstellungen: Was passiert eigentlich damit, wenn sie nicht mehr gebraucht werden? Wie können sie in einem Weiterverwendungskreislauf, in einer sogenannten Kreislaufwirtschaft gehalten werden? Wie können wir das innerhalb der SPK organisieren? Und wenn wir das innerhalb der Stiftung nicht verwenden können, wie könnten wir das dann nach außerhalb geben? Da sind wir zum einen mit der AG Recycling und Wiederverwendung im Austausch und zum anderen mit einem berlinweiten Zusammenschluss von Kulturinstitutionen und Materialinitiativen.

Kritik an der SPK gibt es ja wegen eines großen Projekts, nämlich wegen des Neubaus der Nationalgalerie für die Kunst des 20. Jahrhunderts, der zu wenig klimafreundlich sei. Ihr beide seid ja auf verschiedene Weisen mit dem Projekt verbandelt – Nina von der Kuratorinnenseite, Daniel in seiner Funktion in der Stabsstelle Bauplanung. Was sagt ihr zu den Vorwürfen? Muss man was besser machen? Wenn ja, was?

Naumann: Nach meinem Verständnis gibt es nichts, was man nicht noch besser machen kann. Da sind wir dran. Das Thema Nachhaltigkeit hat übrigens von Anfang an bei diesem Gebäude eine große Rolle gespielt hat. Wir haben schon in der Wettbewerbsauslobung 2016 darauf hingewiesen, dass wir ein energieeffizientes Gebäude erwarten. Dann ist das sogenannte BNB, also ein Bewertungssystem für nachhaltige Bundesbauten, angewandt worden. Nach dessen Richtlinien wird angestrebt, dass das Gebäude den Standard „Silber“, das ist der zweithöchste Standard, erreichen soll. Das war damals vorgesehen. Silber bedeutet, dass das Gebäude von der Nachhaltigkeit her besser ist als ein nach gesetzlichen Vorschriften gebautes Gebäude. Ein guter Ansatz – aber wie die Reaktionen in der Presse gezeigt haben, kann und muss man da auch noch besser werden. Derzeit gibt es wesentliche Schritte, die in diese Richtung gehen. Es wurden beispielsweise Klimaanforderungen noch einmal hinterfragt und geändert, zusammen mit den Restaurator*innen. Es wurde von den Planern auch überprüft, welche alternativen technischen Möglichkeiten zur Erreichung der klimatischen Anforderungen bestehen. Und es gibt neue Bemühungen, regenerative Energien einzubeziehen. Der Vorschlag wurde bisher wegen baulicher Mehrkosten abgelehnt. Jetzt gibt es auch politisch neue Ansätze wie das Klimaschutzgesetz, was die Berücksichtigung regenerativer Energien beim Bau forciert. Diese Punkte zusammengenommen führen dazu, dass wir in einem stetigen Verbesserungsprozess das Gebäude noch nachhaltiger werden lassen. Grundsätzlich bleibt natürlich die Frage: Ist ein Neubau eines Museums, die endlose Erweiterung des Stiftungsbestands, eine nachhaltige Angelegenheit? Diese Frage muss sich die Stiftung stellen.

Schallenberg: Und das ist wiederum eng mit der Frage verknüpft, wie die Programmatik in einem solchen Haus gefahren werden kann. Das eine ist es, ein schönes, großes neues Gebäude zu errichten, das einen bestimmten Betrieb hat – jetzt rein vom Baulichen her. Aber das andere ist, dass dieses Gebäude seine Berechtigung überhaupt nur über eine Benutzung und Bespielung bekommt, die bedeutsam ist. Grundsätzlich ist in dem Gebäude ja Vieles angelegt, was ein Museum im 21. Jahrhundert auszeichnet: Räume der Vermittlung inner- und außerhalb der Ausstellungsräume, optimal ausgestattete und teilweise offene Restaurierungswerkstätten. Wenn in diesem Gebäude Programme und Forschungsprojekte stattfinden, die sich gerade auch vor dem Hintergrund der Historie seines Standorts der Kunst des 20. Jahrhunderts in ihren vielen Facetten widmet, dann könnte das Museum auch für die gesellschaftliche Reflexion unserer Gegenwart ein wichtiger Ort sein. Dann wären sein Bau und sein Betrieb gerechtfertigt. Dies beschäftigt mich aus kuratorischer Perspektive.

Die neue Kulturstaatsministerin Claudia Roth hat als einen ihrer drei Themenschwerpunkte den Kampf gegen die Klimakrise genannt, was ja ökologische Nachhaltigkeit beinhaltet. Was versprecht ihr euch von dieser neuen Ausrichtung?

Schallenberg: Politische Unterstützung versprechen wir uns davon. Auf dieser Ebene müssen wir jetzt wohl kaum grundlegende Überzeugungsarbeit leisten. Inwiefern wir über den ideellen Austausch hinaus Unterstützung bei der Umsetzung unserer Ziele verlangen und erhalten, wird sich zeigen. Ohne ein Mehr an personellen und finanziellen Ressourcen werden sich die Nachhaltigkeitsziele der Stiftung kaum realisieren lassen. Andererseits würde der reflexhafte Ruf nach Mehr einer Idee von Wachstum folgen, die es ja sehr grundsätzlich in Frage zu stellen gilt. Insofern erhoffe ich mir von unserer obersten Dienstherrin, dass wir konstruktive Gespräche über die Maßnahmen führen können, die uns unseren Nachhaltigkeitszielen näherbringen. Zudem hoffe ich, dass sie bundesweite Initiativen wie das Aktionsnetzwerk Nachhaltigkeit oder jene der Kulturstiftung des Bundes in dem Bereich weiterhin unterstützt und ausbaut.

Naumann: Kulturstaatsministerin Roth will ja den Klimaschutz nicht nur dem Umweltministerium überlassen. Das finde ich einen guten Ansatz, um die anstehenden Aufgaben, die ja riesig sind, anzugehen – auch weil man von dieser Seite offenbar auf Unterstützung hoffen kann.

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