„Wir müssen den Mut zu schwierigen Themen haben“

„Wir müssen den Mut zu schwierigen Themen haben“

Wie gehen wir mit der deutschen Kolonialvergangenheit um? Hermann Parzinger und Ruprecht Polenz suchen Lösungen für Kultur und Politik

Interview: Frederik Schulze

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, und Ruprecht Polenz, Vertreter der Bundesregierung im Versöhnungsprozess zwischen Deutschland und Namibia, loten im gemeinsamen Interview aus, ob und wie das Humboldt Forum zum Prozess der Aussöhnung mit den Nachfolgestaaten der einstigen deutschen Kolonialgebiete beitragen kann.

Herr Polenz, Sie koordinieren für die deutsche Seite den Versöhnungsprozess zwischen Deutschland und Namibia. Wann werden die Verhandlungen abgeschlossen sein?

Ruprecht Polenz: Unser Ziel ist es anfangs gewesen, die Verhandlungen noch in dieser Legislaturperiode abzuschließen. Ob das gelingt, kann ich derzeit nicht sagen. Es hat sich gezeigt, dass die namibische Seite mehr Zeit braucht. Es gibt dort weit überschießende Erwartungen an materielle Entschädigungen.

"Wenn wir einen Dialog der Kulturen wollen, müssen wir auch den Mut zu schwierigen Themen aufbringen", meint Hermann Parzinger
"Wenn wir einen Dialog der Kulturen wollen, müssen wir auch den Mut zu schwierigen Themen aufbringen", meint Hermann Parzinger © Oliver Tjaden
Gemeinsame Mission: Ruprecht Polenz (li.) im Gespräch mit Hermann Parzinger (re.)
Gemeinsame Mission: Ruprecht Polenz (li.) im Gespräch mit Hermann Parzinger (re.) © Oliver Tjaden

Wird Deutschland den Völkermord an den Herero am Ende dieses Prozesses offiziell anerkennen?

Polenz: Wir verhandeln in unseren Gesprächen über mehrere Punkte. Dazu gehört auch ein Resolutionstext, der in beiden Parlamenten verabschiedet werden soll. Dieser wird die Ereignisse von 1904, 1906 und 1908 in klare Worte fassen. Und darin wird auch der Begriff „Völkermord“ nicht fehlen.

Herr Parzinger, für die außereuropäischen Sammlungen in Ihrem Haus hat die Aufarbeitung der deutschen Kolonialvergangenheit weitreichende Konsequenzen. Gibt es Bestände in den Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin, die aus deutschen Kolonialkriegen stammen?

Hermann Parzinger: Das Berliner Ethnologische Museum, das zu den größten weltweit zählt, besitzt zu eher geringen Teilen Objekte aus Kolonialkriegen. Aus Namibia gibt es etwa nur vergleichsweise wenige Objekte, deutlich mehr kommen hingegen aus anderen deutschen Kolonien, und zwar aus Kamerun oder aus dem Pazifikraum. Ein Großteil der Sammlungen, etwa aus Amerika oder Nordasien, ist dagegen nicht mit der deutschen Kolonialgeschichte verbunden. Doch wie auch immer: Provenienzforschung ist für uns sehr wichtig. Wir verfügen über eine der reichsten Sammlungen auch im internationalen Vergleich und wollen keine gestohlenen oder mit Gewalt entwendeten Objekte. Deshalb haben wir ein großes Forschungsprojekt zur Herkunft unserer Bestände aus Tansania begonnen. Dabei werden wir auch mit Historikern und anderen Experten aus Tansania zusammenarbeiten und die schwierige Kolonialgeschichte gemeinsam aufarbeiten. Im Humboldt Forum müssen beide Perspektiven den nötigen Raum bekommen.

Wie sieht es mit menschlichen Überresten und Gebeinen aus?

Parzinger: Wir haben vor einigen Jahren eine große Schädelsammlung von der Charité übernommen. Die über 5.000 Schädel waren in keinem guten Erhaltungszustand. Wir haben sie deshalb gemeinsam mit der Charité konservatorisch behandelt und nun mit der Erforschung ihrer Provenienz begonnen. Wenn ihre Herkunft geklärt ist und sich rechtmäßige Empfänger finden, muss man über eine Repatriierung reden.

Polenz: Auch bei den Gesprächen mit Namibia spielt die Rückführung von Gebeinen eine wichtige Rolle. Wir versuchen, der namibischen Seite dabei zu helfen herauszufinden, wo in Deutschland derzeit noch solche Sammlungen existieren. Das wird vermutlich nicht abschließend geklärt werden können. In Namibia ist auch die Frage noch offen, was dort mit den Gebeinen am Ende geschehen wird. Die Überreste sollen für die Öffentlichkeit sichtbar bleiben. Aber man sucht noch nach den geeigneten Wegen für ein solches Vorhaben.

Parzinger: Die Gebeine aus Namibia stehen eindeutig im Zusammenhang mit einem Kolonialverbrechen. Anders ist das im Pazifikraum. Dort hat man offenbar auch Dorffriedhöfe geplündert, da man wusste, dass die Schädel in ganz Europa Abnehmer finden würden. Auch dem muss man nachgehen.

Hermann Parzinger: "Natürlich muss man zeigen, wie die Sammlungen einst zustande gekommen sind"
Hermann Parzinger: "Natürlich muss man zeigen, wie die Sammlungen einst zustande gekommen sind" © Oliver Tjaden

Warum übernimmt Deutschland eigentlich erst so spät Verantwortung für seine koloniale Vergangenheit?

Polenz: In Namibia hat das sicherlich politische Gründe. Eine echte Möglichkeit der Bearbeitung gab es erst seit der Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1990. Vielleicht hat der späte Zeitpunkt aber auch damit zu tun, dass Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts derart viele Verbrechen angehäuft hat, dass man sich nach 1945 erst einmal der damals jüngsten Vergangenheit angenommen hat.

Namibia ist das eine, aber warum gibt es keine vergleichbaren Versöhnungsschritte in Bezug auf Tansania und den Maji-Maji-Krieg?

Polenz: Ich denke, dass im politischen Bewusstsein der Deutschen der Herero-Aufstand eine größere Rolle gespielt hat als der Maji-Maji-Krieg.

Ruprecht Polenz (li.) hofft auf einen "gemeinsamen Rückblick auf unsere Welt"
Ruprecht Polenz (li.) hofft auf einen "gemeinsamen Rückblick auf unsere Welt" © Oliver Tjaden

Ruprecht Polenz

Geboren 1946. Jurastudium. 1994–2013 Mitglied des Deutschen Bundestages (CDU). 2005–2013 Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses. Seit 2015 Vertreter der Bundesregierung für den Dialog mit Namibia.

Parzinger: Ja, die Verbrechen an den Herero und Nama sind bereits Teil unseres historischen Bewusstseins geworden, in Bezug auf die Gräueltaten im Maji-Maji-Krieg ist das dagegen noch nicht der Fall. Gerade die Museen können jedoch eine Menge dazu beitragen, die Öffentlichkeit darüber aufzuklären. Das gilt besonders für das Humboldt Forum, das zwar kein Kolonialmuseum werden soll, aber trotzdem wird die koloniale Vergangenheit hier ein wichtiges Thema sein. Wenn wir einen Dialog der Kulturen wollen, müssen wir auch den Mut zu schwierigen Themen aufbringen.

Polenz: In den Verhandlungen mit Namibia schlagen wir eine  namibische Zukunftsstiftung vor. Diese soll unter anderem die Aufgabe haben, eine gemeinsame Erinnerungskultur zu pflegen. Dabei geht es nicht nur um gemeinsame Forschungsprojekte. Es geht auch um die Darstellung der Ereignisse in Schulbüchern und darum, wie der Vergangenheit im öffentlichen Raum gedacht werden kann.

Ein interessanter Punkt. Wann kommt das Herero-Mahnmal in Berlin?

Polenz: Das kann Ergebnis der Arbeit einer solchen Stiftung sein. Bisher ist das in den Gesprächen kein Forderungspunkt gewesen. Aber wir könnten ja auch selbst auf die Idee kommen. Ich finde, dass da durchaus noch Luft nach oben ist.

Ohne historisches Bewusstsein sind wir in der globalen Welt orientierungslos Ruprecht Polenz

Parzinger: Es wird auch im Umfeld des Humboldt Forums genügend Freiraum geben, wo man eine neue Erinnerungskultur wagen kann.

Kolonialismus, Sie erwähnten das vorhin, Herr Parzinger, spielt für die Entstehung zahlreicher Museen in Europa eine zentrale Rolle. Gerade ethnologische Sammlungen sind einst aus der Idee heraus entstanden, die Welt sammel-, ausstell- und nach Wertigkeiten sortierbar zu machen. Wird dieser allgemeine koloniale Kontext der Museen im Humboldt Forum thematisiert werden?

Hermann Parzinger

Geboren 1959. Archäologiestudium in München, Saarbrücken und Ljubljana. Ab 2003 Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts. Seit 2008 Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Parzinger: Natürlich muss man zeigen, wie die Sammlungen einst zustande gekommen sind und sie in die  Entstehungsgeschichte der Museen einordnen. Im Humboldt Forum wird es einen Bereich geben, in dem wir uns mit der Geschichte der Museen beschäftigen werden. Gerade Berlin ist in der Vergangenheit ein bedeutendes Zentrum des Sammelns gewesen. Das 19. Jahrhundert war geprägt von einem systematischen, enzyklopädischen Sammeln, nicht nur von Objekten. Jede Expedition, die damals Berlin verließ, bekam ein Phonogramm-Aufnahmegerät mit auf den Weg. Auf Wachswalzen zeichnete man Sprachen, Gesänge und Musik von Völkerschaften auf, die heute zum Teil gar nicht mehr existieren. Wir haben diese Aufnahmen inzwischen weitgehend digitalisiert, und im Humboldt Forum wird man die Welt nicht nur sehen, sondern auch hören können.

Bietet sich hier eine Chance, weltweit neue Wege in der Präsentation von Objekten zu gehen?

Parzinger: Das Humboldt Forum wird ein dynamisches Museum sein, die Ausstellungen müssen sich verändern können. Dabei werden wir auch mit den Herkunftsländern eng  zusammenarbeiten. Die außereuropäischen Sammlungen sollen im Humboldt Forum ferner mit solchen anderer Museen zusammengebracht werden. Wir wollen die Objekte nicht mehr isoliert betrachten. Das werden wir schon jetzt auf der Museumsinsel vorexerzieren. Im Bode-Museum etwa werden wir im kommenden Jahr eine Ausstellung zeigen, in der afrikanische und christliche Skulpturen in einen Dialog gebracht werden. Für uns beginnt das Humboldt Forum also bereits im Jahr 2017.

Orientierungswissen ist eine der entscheidenden Aufgaben des Humboldt Forums, zur Förderung von Toleranz und Respekt ebenso wie zum Abbau von Vorbehalten und Ängsten. Hermann Parzinger

Polenz: Die große Herausforderung, vor der wir heute alle stehen, ist die Globalisierung. Wenn ich da das Humboldt Forum richtig verstehe, dann wird hier ein gemeinsamer Rückblick auf unsere Welt möglich werden. Diese Welt wächst heute immer enger und schneller zusammen. Das Humboldt Forum kann hierfür ein gemeinsames Bewusstsein schärfen. Das ist eine enorme Chance. Ich glaube, dass wir ohne historisches Bewusstsein noch orientierungsloser in der globalisierten Welt sein werden.

Parzinger: Orientierungswissen ist eine der entscheidenden Aufgaben des Humboldt Forums, zur Förderung von Toleranz und Respekt ebenso wie zum Abbau von Vorbehalten und Ängsten, und zwar im besten Humboldt‘schen Sinne: durch erfreuen und belehren.

Was wäre ein angemessener Zielpunkt einer solchen „Belehrung“?

Polenz: Wir leben heute in einer Welt von 7,3 Milliarden Menschen. Diese sind mit einer jeweils individuellen Menschenwürde ausgestattet. Meine Hoffnung wäre es, dass wir in Zukunft besser mit all den Unterschieden zwischen den Kulturen umgehen können als in der Vergangenheit.

Parzinger: Dazu will das Humboldt Forum einen entschiedenen Beitrag leisten.

Polenz: Ich glaube, das ist heute wichtiger denn je. In der Zeit von Trump, AfD, Front National gibt es starke Renationalisierungstendenzen. Differenzen werden nach außen überbetont, während sie nach innen eingeebnet werden. Das ist eine ganz gefährliche Mischung.

Parzinger: Um mit Alexander von Humboldt zu schließen. Er hat in Bezug auf Naturvölker am Orinoco sinngemäß gesagt: Es ist wichtig, die kulturellen Entwicklungen selbst in den entlegensten Regionen der Welt zu verstehen, um diese eine Welt in ihrer Gesamtheit zu begreifen. Besser kann man es nicht sagen.

Humboldt Forum

Wie kann man die universalen Themen und globalen Entwicklungen der Menschheit im Museum präsentieren? Nichts weniger will das Humboldt Forum, das derzeit in Berlins historischer Mitte entsteht. Rückgrat des Mammutprojekts: die außereuropäischen Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin.

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