„Und wir verabschiedeten uns vom Zauber dieses Augenblicks, der sich nie mehr wiederholen würde...“

News vom 03.12.2021

Erinnerungen des brasilianischen Schriftstellers Rubem Fonseca an Berlin 1989

Ein Mann steht vor einer bemalten Mauer
© Ute Hermanns

Rubem Fonseca (1925–2020), Schriftsteller, Journalist und Drehbuchautor aus Rio de Janeiro, kam im Oktober 1989 als Stipendiat des DAAD nach Berlin und wurde so Zeitzeuge des Mauerfalls aus Westberliner wie aus Ostberliner Perspektive.

1985 war er mit der Goethe-Medaille für seinen Roman "A Arte Grande" ausgezeichnet worden, verbunden mit einer Einladung nach Deutschland. Fonseca wählte für seinen Aufenthalt Berlin, kannte die Stadt also bereits. In der legendären Paris Bar in der Kantstraße lernte die Übersetzerin Ute Hermanns ihn damals kennen. Für eine Studienarbeit über brasilianische Kurzgeschichten hatte sie kurz zuvor Rubem Fonsecas Werk in der Bibliothek des Ibero-Amerikanischen Instituts entdeckt. Für sie war Rubem Fonseca, der in den 1960er Jahren die brasilianische Kurzgeschichte revolutioniert hatte, ein Meister dieser Form. Seine Erzählungen spielen oft im Detektiv-, Polizei- und kriminellen Milieu. Sein realismo feroz, sein „wilder Realismus“ führte dazu, dass sein Erzählband Feliz Ano Novo 1975 von der brasilianischen Zensurbehörde beschlagnahmt wurde wegen Verstoßes gegen die Moral und die guten Sitten.

In Ost-Berlin war Rubem Fonseca mit Erhard Engler, Romanist und Dozent für Brasilianistik an der Humboldt-Universität befreundet, der trotz zahlreicher Einladungen keine Reisegenehmigung nach Brasilien erhielt. Da auch die aus dem Westen per Post versandten Bücher ihn nie erreichten, begann Fonseca, die Literatur in einem dicken Mantel über den Grenzübergang Friedrichstraße zu schmuggeln und erlangte darin offenbar einige Routine.

Diese und andere Berlin-Erfahrungen ließ er unter anderem in seinen Kriminalroman "Vastas Emoções e Pensamentos Imperfeitos (Grenzenlose Gefühle, Unvollendete Gedanken)" einfließen, in dem der Protagonist in Berlin untertaucht und in den Schmuggel eines überaus wertvollen unveröffentlichten Isaak-Babel-Manuskripts aus Ost-Berlin verwickelt wird.

„Ich möchte gern eine öffentliche Bibliothek besuchen“

Seine Erinnerungen an Berlin hat Rubem Fonseca 2007 in den "Reminiscências de Berlim" festgehalten. Ute Hermanns hat den Text in diesem Jahr ins Deutsche übersetzt.
Das Ibero-Amerikanische Institut hat den Band samt einer Literaturliste aller im IAI verfügbaren Werke von Rubem Fonseca veröffentlicht.

Darin beschreibt Fonseca eindrücklich seine Erinnerungen an den Mauerfall: „Am Abend des 9. November, einem Donnerstag, arbeitete ich in meiner Wohnung, als ich Rufe und Gehupe von der Straße vernahm. [...] Vor fünf Tagen hatte ich in West-Berlin eine Demonstration auf dem Kurfürstendamm – oder wie er im Volksmund heißt: Ku’damm – von hunderttausenden von Leuten erlebt, die den Slogan ‚Wir sind das Volk‘ von der Oktoberdemonstration in Leipzig skandierten. So war ich gewissermaßen auf diesen Ruf in den Straßen vorbereitet, der Freiheiten forderte, wie die Reisefreiheit, zum Beispiel. Wenn Trabis auf dem Ku’damm fuhren, musste die neue Regierung unter Egon Krenz in irgendeiner Weise nachgegeben haben.“

Just am Tag darauf sind Rubem Fonseca und Ute Hermanns mit Erhard und Christina Engler in Ost-Berlin verabredet. Kurzentschlossen laden sie die beiden nach West-Berlin ein. Es herrscht vor allem Verkehrschaos, aber tatsächlich können beide zum ersten Mal in den Westteil der Stadt reisen.

An diesem denkwürdigen 10. November führt sie einer ihrer ersten Wege auf ausdrücklichen Wunsch Erhard Englers („Ich möchte gern eine öffentliche Bibliothek besuchen“) in die Bibliothek des Ibero-Amerikanischen Instituts. Am Ende des Tages „winkten [wir] zum Abschied, während die beiden sich entfernten, als würden wir uns nie mehr wiedersehen. In Wahrheit aber verabschiedeten wir uns von dem Zauber dieses Augenblicks, der sich nie mehr wiederholen würde.“

Anlässlich des 60. Jahrestages des Baus der Berliner Mauer stellte Ute Hermanns am vergangenen Montag im Ibero-Amerikanischen Institut den Autor und Freund Rubem Fonseca und seine "Erinnerungen an Berlin" vor und erzählte von ihren gemeinsamen Erlebnissen in den Tagen des Mauerfalls. In einer zweisprachigen Lesung und im Gespräch begab sie sich zusammen mit Douglas Pompeu (Staatsbibliothek zu Berlin) auf die Spuren, die Berlin und der Fall der Mauer in Fonsecas Werk hinterlassen haben. Friedhelm Schmidt-Welle (Ibero-Amerikanisches Institut) moderierte das Gespräch, in dem es auch um die Stellung Fonsecas in der brasilianischen Literatur, seinen Einfluss auf nachfolgende Generationen von Schriftsteller:innen und die Rezeption seiner Werke in Deutschland ging.

Weiterführende Links

zur Übersicht

Auf unserer Website werden neben den technisch erforderlichen Cookies noch Cookies zur statistischen Auswertung gesetzt. Sie können die Website auch ohne diese Cookies nutzen. Durch Klicken auf „Ich stimme zu“ erklären Sie sich einverstanden, dass wir Cookies zu Analyse-Zwecken setzen.

In unserer Datenschutzerklärung finden Sie weitere Informationen. Dort können Sie Ihre Cookie-Einstellungen jederzeit ändern.