„Scharniermuseum“ mit Ambitionen: Ein Gespräch mit dem Direktor des Kupferstichkabinetts

News vom 08.03.2016

Wer war eigentlich Schinkel? In der Ausstellung „Karl Friedrich Schinkel. Geschichte & Poesie“ ging es dem Kupferstichkabinett 2012 erstmals dem Menschen hinter dem großen Namen. Dafür und für ihre neuen wissenschaftlichen Ansätze wurde die Schau nun mit dem Schinkel-Preis der Fontanestadt Neuruppin ausgezeichnet. Wir sprachen mit dem Direktor des Kabinetts, Heinrich Schulze Altcappenberg über das Rütteln an Ikonen, Experimente im Museum und die Rolle des Kupferstichkabinetts im Museum des 20. Jahrhunderts.

Prof. Dr. Schulze Altkappenberg vor einem Bühnenbildentwurf Karl Friedrich Schinkels für die Oper „Die Zauberflöte“ (1815)
© Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett

Ikonenkult? Gern, aber nicht ohne Kontext

Statt mit dem großen architektonischen Wurf begann die Ausstellung „Karl Friedrich Schinkel. Geschichte & Poesie“ (2012/13) mit fahrigen Skizzen des pubertierenden 15-jährigen Schinkel. Eine bewusste Entscheidung, wie Heinrich Schulze Altcappenberg, Direktor des Kupferstichkabinetts, erklärt: „Die Zeit war für uns reif für eine Neuinterpretation. In der Literatur wurde Schinkel oft zum Genie überhöht, die Person an sich ging hinter dem enormen Werk unter, war eigentlich nie fassbar. Seit der letzten großen Schinkel-Ausstellung 1982 gab es neue Fragen zu beantworten. Als wir ab 2009 Schinkels zeichnerischen Nachlass im Kupferstichkabinett erforschten, interessierten wir uns für Schinkels Handeln im Kontext seiner Zeit. Der Mensch stand dann auch im Zentrum der Ausstellung – gespiegelt etwa in seinen extrem frühen Skizzen, bis hin zum Obduktionsbericht nach seinem Tod.“

Dafür habe man auch Kritik geerntet – etwa weil Schinkels Wirken als Designer und Bühnenbildner auf Augenhöhe mit seinen Architekturkonzepten behandelt wurde. „Wir wollten Schinkel jenseits des Ikonenkults zeigen.“ Dazu habe auch gehört, Schinkels berühmte Projekte offen mit einigen Fragezeichen zu versehen: „Welche Rolle hatte Schinkels Team bei der Ausführung seiner Entwürfe? Wie lief die Arbeit im Atelier ab? Das Genie Schinkels ist ja dadurch nicht wegzudenken, der Kult aber lässt sich relativieren.“

Das Scharniermuseum zwischen Moderne und Mittelalter

Ikone und Kontext zusammen denken müsse man laut Schulze Altcappenberg auch im baulichen Umfeld des Kulturforums. Hier entsteht künftig das Museum des 20. Jahrhunderts. Zusammen mit der Neuen Nationalgalerie wird es die noch zersplitterten Sammlungen zur Kunst des 20. und frühen 21. Jahrhunderts bündeln. Ein Ideenwettbewerb – beendet im Februar 2016 – hat nicht nur erste Entwürfe, sondern auch eine öffentliche Debatte um den richtigen städtebaulichen Ansatz hervorgebracht. „Es gibt Stimmen, die sich ein reines Gehäuse wünschen, das nur von innen heraus für die Kunst lebt und in keine allzu große Konkurrenz zum Mies-Bau und Scharouns Philharmonie tritt. Andere meinen, die bisherigen Entwürfe seien alle nur geduckt und versteckten sich ängstlich bis hin zum Verschwinden unter der Erde. Sie wollen eine große Marke gesetzt sehen. Bekommt  man am Ende die drei Erwartungen zusammen – einen Bau, der sich städtebaulich vernetzt, sich auf Mies und Scharoun einlässt und zugleich eine eigene Ikone ist – wäre das phantastisch. Eines allein ist nichts.“

Dass er mit dem Kupferstichkabinett künftig in festen Räumen an dem mit großen Erwartungen versehenen Gebäude beteiligt sein wird, sieht Schulze Altcappenberg gelassen. Als bloße Filiale am anderen Ende der Straße will er seine Flächen im Museumsneubau aber nicht sehen: „Allein das Kupferstichkabinett ist sowohl auf der anderen Seite des ‚alten‘ Kulturforums vertreten, als auch ein wichtiger Mitspieler im Neubau. Dadurch haben wir ganz automatisch die Aufgabe, Querverbindungen herzustellen“, so der Direktor. „Die Dualität zwischen den beiden Standorten ist doch spannend! Im Mies-Bau und im Neubau geht es um die Kunst des 20. Jahrhunderts, um die Kunst der Moderne. Die Gemäldegalerie versammelt Werke vom 13. bis ins 17. Jahrhundert. In seiner räumlichen Lage und mit seinen übergreifenden Sammlungen  kommt dem Kupferstichkabinett die Rolle eines wichtigen Scharniermuseums zu.“

Mit einer Sammlung von 55.000 Werken allein zur Kunst des 20. Jahrhunderts sei das „Kabinett“ in der Lage, Akzente zu setzen: einerseits in räumlicher Nähe zum Mies-Bau, der das frühe 20. Jahrhundert abdeckt, und andererseits in dem Bereich desMuseumsneubaus, der die „Späte Moderne“ und zeitgenössischen Kunst beherbergt. Gerade zum frühen 20. Jahrhundert sei das Museum auch international sehr gut aufgestellt – etwa mit Werken zur russischen Kunst, zum niederländischen De Stijl, oder auch mit sehr bedeutenden Beständen an Graphik von Edvard Munch und Pablo Picasso. Im Zusammenspiel mit der Gemäldegalerie kommt die noch wesentlich umfangreichere Sammlung an Kunstwerken des klassischen Europa zum Einsatz. „Diese Achsenfunktion kann und soll man noch über das Kulturforum hinaus denken. Zur Museumsinsel passen unsere historischen Skizzenbücher voller Antikenstudien und die große Sammlung zum 19. Jahrhundert inklusive den Nachlässen von Schinkel, Adolph Menzel und Carl Blechen. Außerdem besitzen wir die größte Sammlung an Landschaftszeichnungen aus aller Welt, geschaffen von den Künstlern um  Alexander von Humboldt. Damit sind wir ideell auch nicht so fern vom Schloss. Überspitzt gesagt, könnten wir mit unseren Kunstsammlungen vom 11. Jahrhundert bis hin zum Plotterdruck von gestern die ganze Museumsinsel tapezieren. Dieses Volumen erlaubt es uns, in so einige Register zu greifen.“

Wider den tierischen Ernst

Wie breit dieses Spektrum angelegt ist, zeigen bereits die Sommerausstellungen des Kupferstichkabinetts. Seit zwei Jahren erzählen sie Themen aus der Kulturgeschichte, die bewusst populär gehalten sind, aber hochkarätige Künstler vereinen. So ging es 2014 in „Wir gehen Baden“ um das Bildmotiv des Badens als Bühne gesellschaftlicher Fantasien. 2015 spürte das Kabinett mit „Wir kommen auf den Hund!“ dem besten Freund des Menschen als symbolgeladene Projektionsfläche in der Kunst aus fünf Jahrhunderten nach.

Die Ausstellung künftig zur Museumsinsel touren zu lassen, kann sich der Direktor dann aber doch nicht vorstellen: „Die Sommerausstellung ist inzwischen so stark mit dem Kulturforum verbunden, dass wir sie gerade hier weiterführen wollen. Unserer Experimentierfreude tut das keinen Abbruch. Humor und ein unaufdringlicher Gegenwartsbezug waren uns wichtig, als wir das Format hier eingeführt haben und das soll auch so bleiben. Es geht ja auch darum, was man in einem Museum darf und was man noch könnte. „Wir kommen auf den Hund“ war in diesem Sinne nicht nur ein Abriss zur Rolle des Vierbeiners in der Kunst, sondern auch ein ironisch flektierter Querverweis auf das andächtige Wandeln im Museum – Hundeführungen und Exponate auf Schnauzenhöhe inklusive.

„Als unser Publikum mit ihren Hunden in die ‚heiligen Hallen‘ am Kulturforum durfte, wurde das Museum plötzlich zu einem ganz anderen sozialen Treffpunkt. Betrachtet man die Werke mal ganz unverkrampft, verlieren sie doch nicht gleich an Tiefe. Letztlich darf man es aber auch nicht überspitzen, das haben wir im letzten Jahr auch gelernt. Berlin besteht nicht unbedingt zu 90% nur aus frenetischen Hundeliebhabern und vorlautes Gekläffe zwischen Rembrandt und Dix war einigen dann doch zu viel.“ Man müsse aufpassen, so Schulze Altcappenberg, welches Bild vom Museum man vermittle. Räume für eine kleine, spezifische Gruppe zu öffnen kann immer auch bedeuten, für eine andere Gruppe als zu parteiisch zu erscheinen. „Unsere Experimente sind neue Ufer und nicht immer gibt es Applaus, aber die Erfahrungen sind es wert.“

Aufgezeichnet durch Silvia Faulstich

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