Is East only East and West only West?

  • News vom 16.10.2017

    Die Neuen Nachbarn sind auf der Museumsinsel angekommen: Bei einem Vortragsabend in der Alten Nationalgalerie versucht die japanische Caspar-David-Friedrich-Forscherin Yuko Nakama auszuloten, warum der Großmeister der deutschen Romantik in Japan so beliebt ist – und welche Ähnlichkeiten und Unterschiede sich in der Nebeneinanderstellung mit japanischen Stellschirmen ergeben.

    Japanische Stellschirme im Dialog mit Caspar David Friedrich in der Alten NationalgalerieJapanische Stellschirme im Dialog mit Caspar David Friedrich in der Alten Nationalgalerie © Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker

    Sie machen die Herzkammer der altehrwürdigen Nationalgalerie zu einer Art Labor: die beiden mit Tuschezeichnungen von Landschaften versehenen Stellschirme aus dem Japan der Edo-Zeit, die den Sommer im Caspar-David-Friedrich-Saal standen. Auf dem Weg ins Humboldt Forum wurde so ausprobiert, wie diese „Neuen Nachbarn“ zusammen mit den Meisterwerken der Romantik wirken. Ziel des Experiments, so sagt es der Direktor der Alten Nationalgalerie Ralph Gleis, war ein „gemeinsames Sehenlernen“.

    Was es da alles zu sehen gab, wurde bei einem Vortragsabend erklärt – mit der japanischen Caspar-David-Friedrich-Expertin Prof. Dr. Yuko Nakama von der Ritsumeikan University in Kyoto.  Nakama hielt einen Vortrag mit dem Titel: „Das Landschaftsbild bei C. D. Friedrich und Japanischen Meistern: Ein kulturwissenschaftlicher Vergleich“ – und betrachtete „‘unseren‘ Friedrich durch die japanische Brille“, wie Gleis ankündigte.

    Nakama erklärt zuerst die Funktion der leeren Fläche in der japanischen Kunst: Ursprünglich habe diese die allgegenwärtige Lebensenergie „Ki“ repräsentiert. Im Laufe der Zeit sei die leere Fläche auch zur Darstellung meteorologischer Phänomene wie Nebel oder verdampften Regen sowie als Mittel zur Darstellung der Stimmung und der anhaltenden emotionalen Empfindung eingesetzt worden. In dem einen Stellschirm „Ansicht des Westsees“ könne man sehr gut sehen, wie die Wirkung der leeren Fläche in Vollendung verwirklicht sei. Die leere Fläche eines Bildes wurde zu einer der wichtigsten Ästhetiken in der japanischen Malerei über Generationen hinweg. 

    Die japanische Ästhetik wurde aus der Natur geschaffen, indem sie die Menschen in die Natur integriere, so Nakama. Die Vorliebe für Friedrichs Landschaftsmalerei in Japan liege genau in diesem Aspekt begründet. 

    Auf der anderen Seite sei die Ehrfurcht vor der Natur in Friedrichs Landschaften den Japanern nicht vertraut. Die sinnliche Wahrnehmung der Natur ohne jede theoretische Reflektion ist das Fundament der japanischen Haltung gegenüber der Natur, erläutert Nakama weiter. Als Beispiel führt sie Hokusais weltweit bekannt gewordenen Holzschnitt „Große Welle vor Kanagawa“. Hokusai sehe hier zuerst die Dynamik der Natur in den Wellen und weniger die Bedrohung  der Boote. Ganz anders Friedrich, der das Gefühl der Verzweiflung der Menschen, dem Dasein ausgeliefert zu sein, in seiner stürmischen Meereslandschaft im „Mönch am Meer“ zeigt. 

    „Die Affinität und Ähnlichkeit des Sujets und der Komposition von Landschaften bei Friedrich und japanischen Malern befinden sich jenseits kultureller Unterschiede.“, führt Nakama weiter aus. „Friedrich, der die Natur im Zyklus der Tage und der Jahreszeiten empfindet, weckt tiefste Sympathie bei den japanischen Betrachtern. Die Sehnsucht, in der Natur zu sein, spiegelt sich direkt im künstlerischen Ausdruck beider Kulturen.“

    Im folgenden Gespräch betrachten Experten drei verschiedener Disziplinen ihre Perspektive auf die „Neuen Nachbarn“ in der Alten Nationalgalerie:  

    Alexander Hofmann, Kurator für Kunst aus Japan am Museum für Asiatische Kunst, war Ideengeber für die Gegenüberstellung.  Er hat die Stellschirme ausgesucht und kommentiert begeistert: „Mit nichteuropäischer Kultur im Tempel der deutschen Kunst in Berlin einzuziehen ist aufregend!“

    Auch Ralph Gleis, Direktor der Alten Nationalgalerie, ist ebenfalls sehr enthusiastisch – auch deswegen, weil sich das Museum mit „Neue Nachbarn“ als Ort des Austausches und als Ort der Forschung positioniere. Und außerdem freute ihn die fast körperliche Reaktion Frau Nakamas angesichts der Friedrich-Bilder: Ein Aufjuchzen und Zusammensacken, wie er es bis jetzt bei wenigen Besuchern gesehen habe.

    Kristina Mösl, die als Chefrestauratorin der Alten Nationalgalerie den Friedrich-Bilder restauratorisch auf den Grund gegangen ist, sieht auch technologische Parallelen zwischen Friedrich und der japanischen Malerei: die hauchdünnen Malschichten seines Frühwerks erinnern an den zarten Farbauftrag der in Asien üblichen wässrigen Tuschemalerei. 

    Und auch umgekehrt scheint es Einflüsse gegeben zu haben: dass die an knorrige Geisterfinger erinnernden Bäume in der „Abtei im Eichwald“ durchaus eine fernöstliche japanische Anmutung haben, könne auch daran liegen, dass Friedrich ein eifriger Besucher der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden gewesen sei, wo er unter anderem chinesische Porzellane gesehen hat. 

    Die in der asiatischen Kunst so geschätzte Leere ist auch bei Friedrich ein Thema: „ ‚Der Mönch am Meer‘ ist eine einzige Weglassung – in vieler Hinsicht“ sagt Restauratorin Mösl. Einerseits, weil es eine Ikone der Einsamkeit sei, deren Nicht-Angebot von Motiv damals revolutionär sei. Diese Weglassung gebe es auch auf anderer Ebene: bei der Restaurierung des Bildes sei sichtbar geworden, dass Friedrich fast nichts von den Motiven ausgeführt hat, die er vorher unterzeichnet hatte – u.a. drei große Segelschiffe.

    Das Thema Weglassen sei die japanischste Qualität überhaupt, führt Alexander Hofmann aus. Man habe sich gern extrem auf wenige Motive konzentriert. „Dass ein Maler im 16. Jahrhundert einfach nur ein paar Kiefern auf ein paar Stellschirme malt, hat gewisse Größe.“ befindet er.

    Hofmann führt weiter aus, dass die japanische Kultur einen Zugang zur Malerei verweigere, der die Natur nur nachzeichne. Vielmehr gehe es um die Darstellung der Natur als lebendigen Kosmos – in dem der Mensch als Betrachter eins werde mit der Natur. Dieses Gefühl des Einsseins mit der Natur sei ein Gedanke, der auch bei Friedrich auftrete, so Hofmann weiter. Anders als bei Friedrich gehe es dabei aber nicht darum, ein komplettes Abbild der Natur zu zeigen. Statt einer Konzentration beispielsweise auf den Himmel werden Naturerscheinungen wie Wind oder Nebel dargestellt. 

    Gastgeber Gleis resümiert, dass die Auffassung der Natur in der Kunst unsichtbare Fäden um den Globus spanne. Es gebe ähnliche Bedürfnisse, mit der Natur umzugehen und diese in Kunst umzuwandeln – auch wenn es dabei natürlich viele Unterschiede gibt und nicht alle Fragen, die sich ergeben, letztgültig beantwortet werden können. „Neue Nachbarn“ ermögliche einen Dialog in der Konfrontation, bei dem es vor allem darum, diese Fragen anzuregen, damit man sich weiter darüber unterhalten könne. 

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