Diese Simons!

News vom 23.02.2016

James Simon ist unbestreitbar einer der großen Mäzene der Staatlichen Museen zu Berlin. Jetzt hat sich seine Urenkelin Chris, eine preisgekrönte amerikanische Filmemacherin, auf seine Spuren begeben. Sie will von ihrer verschütteten Familiengeschichte in einer Dokumentation erzählen.

Die US-amerikanische Filmemacherin Chris Simon auf der Museumsinsel© SPK / Birgit Jöbstl

Chris Simon wundert sich. Fast jeder in Berlin scheint mehr über ihren Urgroßvater zu wissen als sie selbst. James Simon, der große Freund und Förderer der Staatlichen Museen, ist ein Begriff nicht nur auf der Museumsinsel. Der durch Baumwollhandel millionenschwer gewordene Unternehmer sammelte ebenso leidenschaftlich Kunst, wie er sie großzügig an die Museen weiterverschenkte – so auch die weltberühmte Büste der Nofretete. Und auch als stiller, aber überaus wichtiger Förderer im sozialen Bereich hat sich James Simon in die Berliner Geschichte eingeschrieben. Bis ein Jahr nach seinem Tod die Nationalsozialisten die Macht übernahmen und versuchten, jede Erinnerung an den Mäzen auszulöschen. Denn James Simon war Jude. Auch das erfuhr seine Urenkelin Chris Simon erst spät. „Als ich 18 Jahre alt war, hat meine Großmutter Kitty meinem Vater einen Text über James Simon gegeben. Der war auf Englisch. Meine Mutter hat ihn auch gelesen, und das erste was sie sah, war ‚jüdischer Finanzier‘ und sie sagte ‚Wie bitte? Du hast vergessen, mir etwas zu erzählen, Peter!‘“, berichtet die 64 Jahre alte amerikanische Filmemacherin mehr als vierzig Jahre später.

Chris Simons Vater Peter war der Sohn von Heinrich Simon, James' einzigem Sohn. Der 1915 geborene Peter ging erstmals 1933 in die Vereinigten Staaten, um bei Albert Einstein zu studieren. Dort erkrankte er schwer und musste 1937 nach Deutschland zurückkehren. Hier erlebten die Simons, wie sich das nationalsozialistische Terrorregime immer weiter verfestigte. Peter Simon  versuchte erfolglos, seine Eltern zur Flucht zu überreden und ging allein zurück nach Amerika. 1939, fast im letzten Moment, verließen Heinrich und Kitty Simon ihre Heimat: Während Gestapo-Beamte durch die Vordertür die Wohnung betraten, flüchteten sie durch die Hintertür und konnten per Flugzeug in die Schweiz gelangen, erfuhr Chris von ihrer Großmutter Kitty. Dabei mussten sie aber all ihr Hab und Gut zurücklassen. Heinrich starb 1946 und Kitty zog zu ihrem Sohn nach Amerika. Peter Simon lernte dort kurz nach dem Krieg seine Frau kennen, eine Farmerstochter aus einfachsten Verhältnissen, gründete eine Familie – und schwieg über seine Vorfahren.

Chris Simon hat für dieses Schweigen zwei Erklärungen. Vielleicht habe er, der aufgrund einer schweren Krankheit Teile seines Gedächtnisses verloren hatte, sich einfach nicht erinnern können. Wahrscheinlicher sei es aber, dass er sich einfach nicht erinnern wollte. Keine Seltenheit bei Emigranten in dieser Zeit. Als säkular eingestellter Mensch, der sein Judentum nicht praktizierte, fühlte sich Peter für einen Glauben verfolgt, der nicht der seine war. Das Erinnern sei wahrscheinlich  zu schmerzhaft für ihn gewesen, erklärt Chris Simon.

Und so kam es, dass Chris Simon die eigene Familiengeschichte erst Stück für Stück entdeckte: Durch einen ersten Berlin-Besuch 1989 mit einer Führung vom damaligen Direktor Dietrich Wildung durch das Ägyptische Museum. Oder durch den James-Simon-Forscher Olaf Matthes, der Chris und ihre Schwester Pam darüber aufklärte, dass es in den Vereinigten Staaten noch mehr Verwandtschaft gab. 1998 arrangierte Matthes ein Treffen mit dem Cousin Amos Yahil, einem Professor für Astronomie in New York. Und schließlich war da noch ein Privatdetektiv, der 2008 herausfand, dass Chris und ihr bis dato unbekannter Cousin Tim Simon nur 20 Meilen entfernt voneinander wohnten. Tim – der laut Chris Simon sogar über eine gewisse Ähnlichkeit mit dem großen James verfügt – hatte im selben Jahr eine Ausstellung zu James Simon in San Francisco geplant, in diesem Zuge über Dietrich Wildung von seiner Cousine erfahren und sie suchen lassen. Doch immer noch liegt vieles für sie im Dunkeln.

Auch die öffentliche Erinnerung an den einzigartigen Förderer und Stifter der Berliner Kulturlandschaft ist außerhalb der Staatlichen Museen nach dem Zweiten Weltkrieg lange sehr zurückhaltend geblieben. Erst vor rund 15 Jahren wurde begonnen, Gedenktafeln anzubringen und einen Park sowie ein Schwimmbad nach ihm zu benennen. So liegt es nur auf der Hand, dass das neue Eingangsgebäude auf der Museumsinsel für immer seinen Namen tragen wird: Die James-Simon-Galerie, bei der am 13. April Richtfest gefeiert wird, wird künftig als Eingangsgebäude die Besucher in Empfang nehmen. Inzwischen ist Chris Simon in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt, um eine Förderung für ihre filmische Spurensuche zu bekommen. Wenn alles gut läuft, könnte ihre Dokumentation im selben Jahr fertig werden, wenn die James-Simon-Galerie zum ersten Mal ihre Türen öffnet.

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