„Ein geistiges Abenteuer besonderer Art“

News vom 17.05.2018

Was haben uns die Sammlungen der SPK zu erzählen? Wer Antworten sucht, findet sie seit dem 17. Mai nicht nur in Museen, Bibliotheken und Archiven – sondern auch im Kino. Für den Film „Schatzkammer Berlin – Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz“ hat sich der Regisseur Dag Freyer mit der Kamera durch die Stiftung gefräst. Wir haben mit ihm gesprochen.

Dag Freyer bei Dreharbeiten zur "Schatzkammer Berlin" in China
Dag Freyer bei Dreharbeiten zur "Schatzkammer Berlin" in China © SPK/Stefan Müchler

Herr Freyer, wie kamen Sie auf die Idee, einen Film zur SPK zu machen?

Dag Freyer: Die Idee ist schon älter als meine Teilnahme am Projekt.  Ursprünglich entstanden ist sie bei der Deutschen Welle, die gesagt hat, die Einrichtung der SPK ist doch wirklich ziemlich einmalig in der Welt. Man guckt immer auf Orte wie das British Museum oder das Metropolitan Museum. Wir haben ja eigentlich etwas gleichermaßen Faszinierendes, was aber in seinem einzigartigen Konstrukt nicht ganz so bekannt ist. Das war der Ausgangspunkt für das ganze Projekt und das schon vor mehreren Jahren. Ich bin 2016 zum Projekt dazugestoßen. Der Produzent Stefan Pannen erzählte mir damals, dass man den Versuch unternehmen wolle, in 90 Minuten einen Rundgang durch die Menschheitsgeschichte anhand von Museumsobjekten zu erzählen. Dieser Ansatz schien mir gleich so sympathisch größenwahnsinnig, dass mich das sehr angezogen hat.

Wie kann man denn die Menschheitsgeschichte filmisch darstellen? Wie schafft man es, diese Objekte lebendig werden zu lassen, sie erzählen zu lassen?

Wenn man einfach diese 5,5 Millionen Objekte gesichtet und versucht hätte, die spektakulärsten oder interessantesten rauszufiltern, wäre man schon bei der Auswahl seines Lebens nicht mehr froh geworden. Darum haben wir uns zuerst gefragt: Was sind die großen Menschheitsthemen? Was sind die Fragen, die uns seit jeher alle beschäftigen und bewegen? Von den großen philosophischen Fragen wie „Gibt es ein Leben nach dem Tod?“ über Alltagsfragen wie „Sehe ich heute gut aus?“, „Was ist überhaupt Schönheit?“  oder „Was finden wir attraktiv?“, bis hin zu heute sehr relevanten Fragen wie: „Wie können wir unsere Ressourcen nachhaltig nutzen?“ und zu Identitätsfragen: „Wer bin ich eigentlich? Was macht mich aus? Was charakterisiert mich?“.  Ausgehend von diesen Fragen haben wir Objekte gesucht. So sind wir zur Auswahl der Objekte gekommen. Wie man diese dann filmisch zum Leben erweckt, ist ein bisschen dem Einzelfall geschuldet. In Dahlem ist wegen des Umzugs ins Humboldt Forum ja gerade ziemlich viel in Bewegung, so dass einige Objekte ja praktisch zu Actiondarstellern. Mit anderen Objekten wie der „Höhle der Ringtragenden Tauben“ haben wir Reisen unternommen und sind an die Ursprungsorte gefahren, was unglaublich faszinierende Einblicke erbracht hat. Da haben wir ganz vielfältige Wege gefunden, die Objekte zu präsentieren.

Können Sie sagen, welches Objekt Sie besonders beeindruckt hat?

Schwer zu sagen sagen, ich habe sie irgendwie alle sehr lieb gewonnen. Es ist äußerst faszinierend, wenn man bedenkt, wieviel Menschheitsgeschichte allein in einem 4000 Jahre alten, fingergroßen Rollsiegel steckt, dessen Schrift- und Drucktechniken von einer Medienrevolution zeugen. Für mich war vielleicht die Reise nach Kamerun auf den Spuren des Throns Mandu Yenu ganz besonders augenöffnend und erkenntnisreich. Über dieses Objekt wird ja derzeit sehr viel geschrieben, aber mir ist kein Autor eines Artikels bekannt, der tatsächlich mal angerufen hätte beim kamerunischen Palastmuseum um nach der Meinung am Herkunftsort zu fragen. Insofern war ich sehr gespannt, wie man es dort sieht, dass dieses Objekt hier in Berlin ist. Als wir dann in Kamerun erfahren haben, dass man sich wieder einen intensiveren kulturellen Austausch mit Deutschland wünscht und unter welchen Vorzeichen man diesen sieht, fand ich das ungeheuer interessant. Insofern hat sich auch mein Bild, die aktuelle Provenienz- und Kolonialismusdebatte betreffend etwas gewandelt. Mein Eindruck nach dieser Reise war, dass diese Objekte eben nicht nur „problematisch“ sind, sondern sind eben auch sehr leistungsfähig, weil sie in der Lage sind, uns – wenn wir es wirklich wollen–  mit den Herkunftsgesellschaften in einen ungeheuer interessanten Dialog zu bringen.  Dass es darum geht, den Ball aufzunehmen und eben nicht der letzte Satz in einem fertigen Kapitel zu sein, sondern der erste Satz in einem neuen. 

Sie haben ja nicht nur Objekte gezeigt, sondern auch die zugehörigen Experten berichten lassen dazu. Was war interessanter – die Forscher oder die Objekte?

Wir haben den Experten, die mit diesen Objekten arbeiten und fast leben, über die Schulter geschaut bei ihrer Arbeit, bei ihren Forschungen, bei ihren Restaurierungen. Für mich war dieser Schulterblick hinter die Kulissen des Museums sehr interessant. Den Leuten zuzuschauen, in deren Obhut diese Objekte sich befinden und zu sehen: Was passierte da eigentlich im Museum? Wie werden die Objekte erforscht? Restauriert? Konserviert? Wie ziehen sie denn um? 

Es gibt ja nicht nur die Debatte um Kolonialismus, sondern die SPK als solches steht derzeit als „unbeweglicher und veralteter Tanker“ in der Kritik. Was sagen Sie dazu, nachdem Sie sich monatelang mit der Kamera durch die Stiftung gefräst haben? 

Zu Organisationsstruktur der SPK als „großer Tanker“ kann ich relativ wenig sagen, aber generell ist die Organisation in ihrer Vielfalt natürlich schon ein Faszinosum. Schaut man sich beispielsweise dieses Bild „Porträt des Kaufmanns Giese“ aus der Gemäldegalerie an, wo der Kaufmann hinter einem Tisch  steht, auf dem ein unglaublich kostbarer Teppich liegt und auf dem ausgebreitet  kunstgewerbliche Preziosen zu sehen sind. Und dann weiß man, dass man einfach nach nebenan ins Kunstgewerbemuseum gehen und viele von diesen Dingen im Original bewundern kann, oder ins Museum für Islamische Kunst gehen und nahezu einen identischen Teppich im Original sehen kann –dass praktisch alles dadurch vernetzt ist, dass es die kulturellen Hinterlassenschaften eines untergegangenen Staates sind, die nach wie vor durch diese große Organisation zusammengefasst sind, ist es natürlich schon ein geistiges Abenteuer der besonderen Art.

Schatzkammer Berlin ist ab dem 17. Mai 2018 in ausgewählten Kinos zu sehen.

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