Heinz Berggruen oder eine Erzählung der Moderne

News vom 21.02.2017

Berlin verdankt dem Mäzen und Sammler ein wunderbares Museum und eine große Geste der Versöhnung. Am 23. Februar 2017 jährt sich der Todestag von Heinz Berggruen zum zehnten Mal.

Heinz BerggruenHeinz Berggruen am 5. Oktober 2000 in der Ausstellung „Cézanne in Berlin“ © Staatliche Museen zu Berlin/ Andreas Kilger

Am 2. März 2007 versammelten sich Bundespräsident und Bundeskanzlerin, Außenminister und Kulturstaatsminister, Picasso-Enkelin, Kunstsammler Flick und weitere Größen aus Kultur und Politik auf dem Dahlemer Waldfriedhof zum Ehrenbegräbnis von Heinz Berggruen. Peter-Klaus Schuster, der damalige Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, fasste in seiner Trauerrede die Geschichte von Berggruen und dessen besondere Bedeutung für Berlin in einen Satz: „Mit größtem Ernst und zugleich heiterer Gelassenheit war er mit den Meisterwerken seiner Sammlung genau dahin zurückgekehrt, wo man ihn und ebenso die von ihm gesammelte Kunst einst hatte verbieten, beseitigen und ausweisen lassen.“ 

„Er“ ist Heinz Berggruen, „dahin zurückgekehrt“ ist auf seine Geburtsstadt Berlin bezogen, die „gesammelte Kunst“ sind 160 bedeutende Schlüsselwerke der Klassischen Moderne, darunter Werke von Picasso, Klee, Giacometti oder Matisse. Mehr als zwanzig Jahre ist diese Rückkehr nun her. Mittlerweile hat sich das Museum Berggruen, der Stüler-Bau, in dem die Sammlung seit 1996 gezeigt wird, als Ausstellungsort moderner Kunst etabliert: Will man in Berlin die großen Namen der Klassischen Moderne sehen, geht man hierhin. 

Die Moderne und ihre Geschichten 

Moderne Kunst wurde natürlich schon vorher ausgestellt. Der Berliner Senat hatte direkt nach 1945 mit der Sammlung der „Galerie des 20. Jahrhunderts“ begonnen, die von den Nazis als „entartet“ diffamierte und verfolgte Erzählung der Moderne wiederaufzunehmen. Sie bildet als Dauerleihgabe seit 1968 den Grundpfeiler der Neuen Nationalgalerie – und wird perfekt durch die Sammlung Berggruen ergänzt. Deren Übereignung an die SPK für einen überaus  freundschaftlichen Betrag im Jahr 2000 war aber gerade auch deswegen so ein großes Geschenk, weil sie gleichzeitig ein Zeichen der Versöhnung ist – ein Zeichen, dass die Kunst stärker ist, als der Hass der Nationalsozialisten.   Und nicht nur das, Berggruen bewegte überdies seinen Freund Helmut Newton dazu, seine Foto-Sammlung nach Berlin zu bringen.

Genau genommen ist eigentlich Heinz Bergruens Leben, Wirken und Wollen selbst so eine Erzählung der Moderne: Sohn eines Charlottenburger Schreibwarenhändlers mit journalistischen Ambitionen, von den Nationalsozialisten vertrieben, wird kosmopoliter Kunsthändler in Paris und New York, Kollege von Erich Kästner, persönlicher Freund von Pablo Picasso und Henri Matisse.

Klee und Kahlo schlagen ein

Beeinflusst wurde Heinz Berggruens Liebe zur europäischen Avantgarde übrigens ausgerechnet durch Arnold Böcklin, einen von Adolf Hitlers Lieblingsmalern: In einem Interview erzählte der Sammler einst, wie sein Lehrer ihn mit Diskursen über Böcklin auf die Nerven gegangen sei und dessen Bilder mit ihrer verschwommenen spätromantischen Atmosphäre ihn immer schon abgestoßen hätten: „Mein späteres Kunstverständnis war auch eine Reaktion auf Arnold Böcklin“, so Berggruen. Er selbst sprach von zwei „Blitzschlägen“, die ihn endgültig dazu brachten, sein Leben der modernen Kunst zu widmen. Der erste traf Berggruen 1936, als er in San Francisco das erste Mal Bilder von Paul Klee sah: „Die haben mir eine neue Welt geöffnet. Das hat mich sehr aufgeregt“, sagte der Heinz Berggruen sehr viel später im fortgeschrittenen Lebensalter im Interview. Dort erklärte er auch, was ihn so berührt hatte, was Kunst tut: Nämlich die Dimension des Alltäglichen, dessen, was uns ständig umgibt, durch eine Dimension zu bereichern. Diese habe er bei Klee immer sehr stark empfunden: „Es gibt über die Realität hinaus, die von so vielen guten Malern, aber auch schlechten, gemalt wird, noch etwas anderes. Etwas, das einen weiterführt. Und so ist es bei Klee. Klee führt einen viele Schritte weiter. Er nimmt einen an die Hand und sagt: Hier, das ist meine Welt.“

Der zweite Blitzschlag war 1940 die Begegnung mit der beeindruckenden Malerpersönlichkeit Frida Kahlo, die dem jungen Berggruen, der damals als Assistent ihres Mannes Diego Rivera arbeitete, schien, als sei sie gerade aus einem großen Bild herausgestiegen. Dass nicht nur er von der mythischen Aura Frida Kahlos beeindruckt war, zeigt auch die Resonanz auf diese Geschichte: In Interviews sei er immer auf die darauffolgende, kurze Affäre angesprochen worden und sogar Madonna habe bei im angerufen, um Details für ein Filmprojekt zu erfragen.

Die Vermittlungsabteilung träumt

Wie auch immer, im selben Jahr, 1940, kaufte Heinz Berggruen für 100 Dollar sein erstes Bild: Das Aquarell „Perspektiv-Spuk“ von Paul Klee, das in 40 Jahre als Talisman begleiten sollte. Das war der Anfang einer großen Sammlerkarriere, deren Früchte im Charlottenburger Stüler-Bau der Öffentlichkeit zugänglich sind. Wie verbunden Heinz Berggruen mit seinen Bildern war, zeigte sich übrigens auch darin, dass er im Stüler-Bau über dem Museum wohnte. Von Zeit zu Zeit mischte sich der fast 90-jährige Ehrendirektor unter den Besucherstrom, und begann mit einer feinen Ironie über die Bilder und ihre Geschichten zu erzählen – ein wahrgewordener Traum wahrscheinlich jeder Vermittlungsabteilung.

Heinz Berggruens Zeichen der Versöhnung war auf jeden Fall bewusst gesetzt und kein naives Augenverschließen. 1996, als die Bilder noch als Dauerleihgabe in Berlin waren, erzählte er im Interview: „Sollten sich die Dinge in Deutschland politisch verändern im schlechten, negativen Sinne, sollte – was wir nicht wollen, nicht hoffen und hoffentlich auch nie geschehen wird – Deutschland wieder in eine harte diktatorische Rechtsströmung verfallen, dann nehme ich meine Bilder wieder weg. Ich bin mir bewusst, dass so etwas sein könnte, ich beschäftige mich damit. Ich wäre sehr unglücklich, wenn es geschähe.“

Text: Gesine Bahr-Reisinger

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