Friedrich Wilhelm I. „Mehr als nur Soldatenkönig“

News from 06/23/2020

We apologize that this content is available in German only.

„Soldatenkönig“ – Gar nicht nett hatte Georg II. von Hannover und England seinen preußischen Vetter Friedrich Wilhelm I. als sergent tituliert – daraus wurde le roi-sergeant: „Der Unteroffizier auf dem Königsthron“.

Lovis Corinths Farblithograpfie König Friedrich Wilhelms I. aus der Mappe „König Friedrich und sein Kreis“, 1921.
Lovis Corinth, König Friedrich Wilhelm I. Farblithographie (36 x 28 cm) aus der Mappe „König Friedrich und sein Kreis“, 1921; nach einem Ölgemälde im Hohenzollernmuseum (SPSG, GenKat I, 3.683) © Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Dann auch noch der lange Schatten seines glanzvollen Sohnes Friedrichs des Großen, und als obendrein die schier unglaublichen Schilderungen von den derben Zuständen am preußischen Hof in den berüchtigten Mémoires seiner Tochter Wilhelmine, Markgräfin von Bayreuth, 1810 öffentlich wurden, war das Persönlichkeitsbild Friedrich Wilhelms I. (reg. 1713-1740) vollends perdu.

Zwar konnten die Mémoires, verfasst 1741/46, schnell als der verzweifelte Versuch eines Physiogramms einer leidenden, gedemütigten und gefährdeten Tochter, Ehefrau, Fürstin und Schwester identifiziert werden, ein Versuch, der seinerzeit allein in literarischer Form möglich war. Doch gerade das cholerische und exzessive Gebaren Friedrich Wilhelms I. sowie seine religiös unterfangenen Selbstzweifel, von Gicht und Trübsal getrieben, malend, schlaflos Nacht für Nacht vor seiner Staffelei gegen sein Leiden, nämlich seinem wahren Auftrag als Fürst nicht gewachsen zu sein, ankämpfend, ließen diesen Landesherrn im Off der Geschichte verschwinden. Überhaupt auch Königs Wusterhausen: Schauplatz eines höfischen Gegenentwurfs, Experimentierfeld von Reformen, Ort sportlicher Jagdpassion, Synonym für das Drama des Kornprinzen, das Katte mit dem Leben bezahlte. Friedrich Wilhelm I. hatte gar keine Chance, als Persönlichkeit seiner Zeit verstanden zu werden. Er galt als der Inbegriff deutscher Diktatur und preußischen Militarismus. In den Geschichtsbüchern ist nur der „Soldatenkönig“ in Erinnerung geblieben.

Schon Theodor Fontane ließ seinen preußenskeptischen Pastor Lorenzen im „Stechlin“ ein hintergründigeres Bild zeichnen. Ebenso beschrieb Jochen Klepper in seinem biografischen Roman „Der Vater“ andere Leidenschaften und forderte eine kritische Neubetrachtung des tradieren Königsbildes. Zweifellos legte Friedrich Wilhelm I. die Fundamente der preußischen Großmacht. Seine Regierungsbilanz auf Reformen des Militärwesens, der Verwaltung und die Sanierung der Staatsfinanzen zu reduzieren, was weitgehend der gängigen Etikettierung als roi sergeant, „größter innerer König“ oder „Plusmacher“ entspricht, erfasst aber eben nicht das Bild seiner Herrschaftspraxis und Persönlichkeit.

Der vorliegende Sammelband fasst die Beiträge einer vom Geheimen Staatsarchiv PK und der Historischen Kommission zu Berlin e. V. gemeinsam ausgerichteten Tagung zusammen, die mit der freundlichen Förderung der Stiftung Preußische Seehandlung 2017 stattfand. In den Beiträgen werden weitgehend unbeachtete und unvermutete Facetten der Herrschaft Friedrich Wilhelms I. aufgedeckt. Als eine typische Herrscherpersönlichkeit seiner Zeit dachte er selbstverständlich in dynastischen Kategorien, beherrschte die Konventionen der Zeremonialpraxis, und er bewegte sich keineswegs naiv auf dem diplomatischen Parkett. Zuweilen Kunstsinn, auch Genusssucht sind ebenso Seiten dieser Persönlichkeit, die gleichwohl zeigen, dass wir es mit mehr als nur einem „Soldatenkönig“ zu tun haben.

In den Sektionen „Herrschaftsprofilierung“, „Innen-, Außen- und Konfessionspolitik“, „Künstlerische Rezeptionen; weibliche Kontraste“ und „Königliche Leidenschaften“ wurden Vorträge von ausgewiesene Experten und von Doktorandinnen und Doktoranden aus ihren aktuellen Forschungen gehalten. Mit diesen bisher eher randständigen Themenfeldern wird in dem pro und contra historisch-kritischer Bewertung der Versuch unternommen, den Facettenreichtum dieses Königs altpreußischer Geschichte aufzuzeigen. Leider sind nicht alle Beiträge zum Vortrag und zur Verschriftlichung gelangt. Zusätzlich konnte eine Interpretation und Identifikation des Tabakskollegium-Gemäldes hinzugewonnen werden. Von den jetzt siebzehn Aufsätzen sind einige mit Abbildungen illustriert.

Der von Frank Göse, Professor für Landesgeschichte und Geschichte der frühen Neuzeit bei der Universität Potsdam, und Jürgen Kloosterhuis, vormals Direktor des Geheimen Staatsarchivs PK, herausgegebene Sammelband ist in der Reihe „Veröffentlichungen aus den Archive Preußischer Kulturbesitz. Forschungen Band 18“ des Geheimen Staatsarchivs PK erschienen, die im Verlag Duncker & Humblot GmbH Berlin verlegt wird.

To overview

In addition to the technically required cookies, our website also uses cookies for statistical evaluation. You can also use the website without these cookies. By clicking on "I agree" you agree that we may set cookies for analysis purposes.

Please find more information in our privacy statement. There you may also change your settings later.