Stiftung Preußischer Kulturbesitz restituiert Werke aus der Sammlung Buchthal

  • Pressemitteilung vom 15.08.2017

    Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz gibt neun Werke aus dem Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin an die Erben des jüdischen Unternehmers und Sammlers Eugen Moritz Buchthal zurück. Eines davon, die Radierung „Fehmarnhäuser mit großem Baum“ (1908) von Ernst Ludwig Kirchner, kauft die Stiftung für das Kupferstichkabinett zurück.

    Hermann Parzinger, Präsident der SPK, sagt: „Wie bei fast allen Restitutionsfällen der letzten Jahre konnten wir auch in diesem Fall eine faire und gerechte Lösung finden. Ich danke den Erben von Eugen Buchthal sehr, dass sie uns den Erwerb des Kirchner-Druckes für das Kupferstichkabinett ermöglicht haben.“

    Lothar Fremy (Rechtsanwälte Rosbach & Fremy), der die Erben nach Eugen Buchthal vertritt, sagt: „Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat sich sehr darum bemüht, zusammen mit den Erben von Eugen Moritz Buchthal eine gerechte Lösung hinsichtlich der dem Sammler verfolgungsbedingt entzogenen Werke zu finden und hat damit ein weiteres Beispiel dafür gesetzt, wie derartige Angelegenheiten im Rahmen einer wechselseitigen und respektvollen Zusammenarbeit zu einer fairen Lösung gebracht werden können. Die Buchthal-Erben danken der Stiftung sehr für ihren verantwortungsvollen Umgang mit dieser noch heute weitgehend ungelösten Problematik.“

    Eugen Moritz Buchthal, geboren am 11.3.1878 in Berlin, war Mitinhaber der Seeler-Herrmann-Damenmäntel- und Kleiderfabrik & Co. Er war verheiratet mit Therese Wolff, mit der er drei Kinder hatte. 1922/23 ließ das Ehepaar in Berlin-Westend von Hans und Wassili Luckhardt sowie Franz Hoffmann eine repräsentative expressionistische Backsteinvilla (1928 umgebaut im Stil der Neuen Sachlichkeit) errichten, die heute zu den Baudenkmälern Berlins zählt. Eugen Buchthal war außerdem passionierter Sammler zeitgenössischer Kunst. Zu seiner Sammlung zählten etwa Werke von Otto Müller, Emil Nolde, Lyonel Feininger, Wilhelm Lehmbruck oder Franz Marc, häufig direkt von den Künstlern erworben.

    Eugen Buchthal und seine Familie wurden als Juden von den Nationalsozialisten verfolgt. Buchthals Sohn Hugo, der bei Panofsky studiert hatte, emigrierte bereits 1934 nach London, wo er an der Warburg Library tätig war, seine Tochter Anne Gerda im April 1936, später folgte auch der jüngste Sohn Wolfgang. Im Mai 1936 veräußerte Buchthal den Familienwohnsitz in der Lindenallee 22, blieb jedoch dort wohnen bis er ebenfalls auswanderte. Bereits im Januar 1936 hatte er in größerem Umfang grafische Werke aus seiner Kunstsammlung bei der Galerie Nierendorf eingeliefert. Einige davon wurden noch im selben Monat von den Staatlichen Museen zu Berlin erworben. 1938 emigrierte schließlich auch Buchthal mit seiner Frau nach London, wo er 1954 starb.

    Das Kupferstichkabinett hatte 16 Werke aus Eugen Buchthals Sammlung über die Galerie Nierendorf erworben. Im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“ wurden einige davon 1937 beschlagnahmt, sodass heute nur mehr neun vorhanden waren: 2 Lithographien von Erich Heckel, 3 Radierungen von Wilhelm Lehmbruck, eine Radierung von Paula Modersohn-Becker, ein Holzschnitt von Emil Nolde, eine Lithographie von Otto Müller sowie eine Radierung von Ernst Ludwig Kirchner.

    Bei dem zurückgekauften Werk handelt es sich um den blauen Probedruck einer Radierung (Bild: 26,7 x 34,7 cm, Blatt: 36,6 x 47,8 cm). Im Sommer 1908 reiste Ernst Ludwig Kirchner erstmals auf die Ostseeinsel Fehmarn. Anlässlich dieses Aufenthaltes entstanden unter anderem mehrere Radierungen, von denen meist nur wenige Exemplare erhalten sind. Eine der Besonderheiten von „Fehmarnhäuser mit großem Baum“ ist, dass die Radierung zu den wenigen graphischen Werken gehört, die Kirchner in Blau drucken ließ. Neben dem Blatt in Berlin, einem von Kirchner signierten und als solchen bezeichneten Probedruck, gibt es nur mehr drei weitere blaue Exemplare. Die Druckplatte hat sich in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe erhalten, das motivisch identische Gemälde befindet sich als Leihgabe aus Privatbesitz im Frankfurter Städel. Stilistisch ist der Druck kein „typischer“ Kirchner, sondern eher dem Post-Impressionismus zuzuordnen. Damit stellt das Werk auch in der an Kirchner-Werken so reichen Sammlung des Kupferstichkabinetts eine Besonderheit dar – es ist ein „Kirchner vor Kirchner“. In der Sammlung ist es die perfekte Ouvertüre für eine Reihe von Werken, die in den folgenden Jahren gleichfalls auf Fehmarn entstanden.

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