Staatsbibliothek zu Berlin restituiert 13 Bände an die Israelitische Kultusgemeinde Wien

  • Pressemitteilung vom 04.12.2014

    Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat heute 13 Bände aus dem Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin an die Israelitische Kultusgemeinde Wien (IKG Wien) restituiert. Es handelt sich um Druckschriften, die zwischen 1840 und 1914 erschienen sind. Vier Bände stammen aus dem früheren Eigentum der Kultusgemeinde, die übrigen neun gehörten jüdischen Organisationen, deren Rechtsnachfolgerin die IKG Wien ist.

    Die Herkunft der Bücher hatte die Staatsbibliothek zu Berlin im Rahmen ihres kürzlich abgeschlossenen Forschungsprojektes „Transparenz schaffen“ geklärt. Insgesamt wurden dabei rund 11.000 besonders verdächtige Druckschriften aus dem historischen Bestand der Staatsbibliothek überprüft. Kurz nach der Veröffentlichung der Rechercheergebnisse im Online-Katalog der Staatsbibliothek (StaBiKat) wandte sich die IKG Wien mit der Bitte um Rückgabe einiger identifizierter Bücher an die Stiftung.

    Hermann Parzinger, Präsident der SPK, sagt dazu: „Die umfassende Prüfung unserer eigenen Bestände im Hinblick auf NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut ist für uns ein hohes Gut. Dabei kümmern wir uns nicht nur um die Klärung der Herkunft spektakulärer Einzelobjekte, denn Unrecht bemisst sich nicht an der Bedeutung des Objektes. Mühsame Detailarbeit der Forscher ist die Voraussetzung für jede Rückgabe. Umso erfreulicher ist es, wenn diese Arbeit Schritt für Schritt zur Klärung der Eigentumsverhältnisse fraglicher Bestände führt und diese ihren rechtmäßigen Eigentümern zurückgegeben werden können.“

    Der Präsident der IKG Wien, Oskar Deutsch, dankt all jenen Personen, die mit ihrem Engagement die Voraussetzungen für diese Restitution geschaffen haben: „Ich bin froh über diese Rückgabe, weil jedes Buch seine Geschichte hat. Die IKG Wien fühlt sich an den sorgfältigen Umgang mit ehemals gestohlenen Kulturgütern – unabhängig vom jeweiligen Wert des Kulturgutes – gebunden.“

    Die Israelitische Kultusgemeinde Wien besaß bereits Anfang des 19. Jahrhunderts eine eigene Bibliothek, die in den 1930er Jahren auf ca. 35.000 Bände angewachsen war. Der Verbleib ihrer Bibliothek sowie der Bestände diverser jüdischer Vereine, die vermutlich 1938 in das Haupthaus der IKG Wien transferiert worden waren, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Fest steht jedoch, dass sowohl die IKG Wien als auch die von ihr als Rechtsnachfolgerin vertretenen Organisationen die Bücher verfolgungsbedingt im Sinne der Washingtoner Prinzipien verloren.

    Im Zuge des Novemberpogroms 1938 versiegelte die Gestapo die Bibliothek der IKG Wien. Zwischen 1939 und 1941 wurden die Bände auf Anordnung von Adolf Eichmann in das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) in Berlin verbracht. Zumindest Teile wurden infolge der Luftangriffe auf die damalige Reichshauptstadt 1943 nach Niederschlesien und Nordböhmen ausgelagert. Nach 1945 wurde nur ein geringer Anteil der Bestände wieder aufgefunden.

    Die 1942 aufgelöste IKG Wien wurde am 16. Juni 1945 wiedererrichtet. Der Verein Jüdisches Museum Wien, der Verein Israelitische Theologische Lehranstalt Wien und der Verein Bet ha-Midrasch Wien, aus deren Beständen die übrigen restituierten Bücher stammen, bestehen heute nicht mehr. Als örtlich zuständige Kultusgemeinde ist die IKG Wien nach österreichischem Recht ihre Rechtsnachfolgerin.

    Provenienzrecherche an der Staatsbibliothek zu Berlin

    Bei der Staatsbibliothek zu Berlin macht die systematische Prüfung des Historischen Druckschriftenbestandes (drei Millionen Bände) erfreuliche Fortschritte. Über 1.000 Bände konnten mittlerweile an ihre rechtmäßigen Eigentümer beziehungsweise deren Rechtsnachfolger zurückgegeben werden.

    Wie auch im Bereich der Museen erfolgt die systematische Überprüfung der eigenen Bestände im Wesentlichen im Rahmen von Projekten. Möglich wurden die Projekte der Staatsbibliothek durch die vom BKM und der Kulturstiftung der Länder für die NS-Raubgut-Forschung zur Verfügung gestellten Fördermittel. Nach dem bereits erwähnten Projekt „Transparenz schaffen: Recherche, Erschließung und überregionaler Nachweis von NS-Raubgut im Druckschriftenbestand der Staatsbibliothek zu Berlin“, das im Juni 2014 abgeschlossen wurde, startete im August diesen Jahres das Projekt „NS-Raubgut nach 1945: Die Rolle der Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände“. Dieses soll die Wege von NS-Raubgut, das nach dem Zweiten Weltkrieg teilweise an unterschiedliche Bibliotheken verteilt wurde, erforschen. Ende 2013 veröffentlichte die Staatsbibliothek bereits die 400 Seiten-Studie „Beschlagnahmt, erpresst, erbeutet. NS-Raubgut, Reichstauschstelle und Preußische Staatsbibliothek zwischen 1933 und 1945“, die seitdem als Basis für die Suche nach unrechtmäßigen Erwerbungen in den eigenen Beständen dient und auch für die Provenienzforschung in anderen Bibliotheken und Institutionen wichtige Hinweise gibt.

    Die Staatsbibliothek legt großen Wert auf die nachhaltige Dokumentation der Recherche- und Erschließungsergebnisse. Alle nachgewiesenen Fälle von NS-Raubgut werden mit sämtlichen Provenienzspuren zeitnah und umfassend im Online-Katalog StaBiKat und in der Internet-Datenbank Lost Art der Koordinierungsstelle Magdeburg dokumentiert. Die Informationen sind damit weltweit recherchierbar.

    Nach Auswertung der erfassten Besitzvermerke werden mögliche Eigentümer bzw. Rechtsnachfolger ermittelt und nach einer fairen und gerechten Lösung im Sinne der Washingtoner Prinzipien gesucht.

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