Stellungnahme zur Kritik an den Umzugsplänen der Gemäldegalerie

  • Pressemitteilung vom 04.07.2012

    Hermann Parzinger weist die in den vergangenen Tagen geäußerte Kritik an den als „Rochade“ bezeichneten Umzugsplänen der Gemäldegalerie und der Nationalgalerie entschieden zurück.

    Die folgenden Punkte erläutern die Gründe für die Umzugspläne der Gemäldegalerie mit Errichtung eines Neubaus sowie für die Schaffung einer Galerie des 20. Jahrhunderts" am Kulturforum:

    1. Das 20. Jahrhundert hat bisher keinen passenden Ort in Berlin. Die hochkarätige und berühmte Sammlung der Nationalgalerie ist seit Jahrzehnten nur in Ausschnitten zu sehen. Das Haus von Mies van der Rohe (Neue Nationalgalerie) ist seit Jahrzehnten zu klein – mit und ohne die in Aussicht gestellte Sammlung Pietzsch, die die Platznot lediglich noch zusätzlich unterstreicht. Nach der Barbarei der Nazis, die besonders die Sammlung der Nationalgalerie traf (Aktion „Entartete Kunst"), wurde eine exzellente Sammlung aufgebaut. Dix, Grosz, Kirchner und viele anderen Werke – dafür steht Berlin für die Freunde der Kunst des 20. Jahrhunderts heute weltweit. Und nirgendwo sonst können die künstlerischen Positionen in Ost und West aus den Zeiten des Kalten Krieges besser nachvollzogen werden als in der wieder vereinten Nationalgalerie in Berlin. Doch all dies ist immer nur zeitweise und ausschnittweise zu sehen – zum großen Verdruss vieler Besucher.
    2. Die Räume der Gemäldegalerie in unmittelbarer Nähe sind für die Werke des 20. Jahrhunderts sehr gut geeignet. Der Aufwand für die Herrichtung zur neuen Nutzung ist überschaubar, er beschränkt sich auf technische Details, es müssen keine Wände versetzt werden.
    3. Die Museumsinsel bleibt ohne die Alten Meister unvollendet. Sie gehören in den Kontext der vormodernen Kunst und Kultur Europas. Ohne die Malerei ist die europäische Kunstentwicklung nicht zu verstehen. Sie ist das Leitmedium über viele Jahrhunderte.
    4. Die Bestände der Gemäldegalerie und der Skulpturensammlung sind simultan und aufeinander bezogen gesammelt worden. Dieses Berliner Modell Wilhelm von Bodes, einem der profiliertesten Museumsdirektoren seiner Zeit, hatte internationale Strahlkraft. Sie prägt bis heute die Sammlungen und das Bode-Museum ist genau für eine solche gattungsübergreifende Präsentation gebaut worden.
    5. Die aktuelle Situation ist unbefriedigend. Die Besucherzahlen der Gemäldegalerie entsprechen in keiner Weise ihrem Rang als eine der weltweit besten Sammlungen ihrer Art. Der Standort am Kulturforum mit seinem modernen Ambiente und die gerade für eine solche Sammlung architektonisch höchst unglückliche Eingangssituation schaden der Öffentlichkeitswirkung dieser Sammlung gravierend. Die Besucherzahlen der Skulpturensammlung im Bode-Museums lassen – nach anfänglichen grandiosen Erfolgen nach der Wiedereröffnung – ebenfalls zu wünschen übrig. Hingegen hat die Ausstellung „Gesichter der Renaissance“ den Erfolg einer gattungsübergreifenden Präsentation beim Publikum deutlich gemacht. Von der Rochade werden beide Sammlungen enorm profitieren.
    6. Bei großen Vorhaben kann nicht jeder Schritt sofort und gleichzeitig erfolgen. Aber der Fahrplan bis zur Erreichung des Ziels muss von Beginn an klar sein und die Prozesse zur Erreichung der Meilensteine sollten eingeleitet sein.
    7. Für die SPK ist eine unumstößliche Grundvoraussetzung, dass die Eröffnung der Galerie des 20. Jahrhunderts nur erfolgen kann, wenn die Weichen für die Errichtung eines neuen, das Bode-Museum ergänzenden Galeriegebäudes für die Alten Meister gestellt sind und die Ergebnisse eines Realisierungswettbewerbs für diese Baumaßnahme vorliegen.
    8. Auch in der Übergangszeit werden die Staatlichen Museen einen Überblick über die Entwicklung der Malerei und Bildhauerkunst anbieten können. Das Bode-Museum bietet genügend Platz, um knapp die Hälfte der im Hauptgeschoss der Gemäldegalerie derzeit ausgestellten Werke zu präsentieren. Die Stiftung ist derzeit dabei, weitere –  temporäre – Ausstellungsmöglichkeiten für die Werke der Gemäldegalerie zu prüfen, damit die größten Sammlungsbestände so weit wie irgend möglich auch in der Übergangszeit öffentlich zugänglich bleiben.
    9. Umbauphasen haben fast immer eine zeitweilige Einschränkung bei der Sammlungspräsentation zur Folge. Würde man dies von vornherein ausschließen, ließen sich überhaupt keine Weiterentwicklungen der Museumslandschaft realisieren. Die Pläne der SPK für eine solche Rochade sind wohl durchdacht und seit Jahren sowohl in der Öffentlichkeit als auch bei den Gremien der SPK bekannt. Die Bebauung des Geländes gegenüber dem Bode-Museum mit einem Galeriegebäude war 2005 bereits Bestandteil eines Städtebaulichen Ideenwettbewerbs. Die vom Bund nun bewilligten 10 Mio. Euro für die Umrüstung der Gemäldegalerie werden auch von der Bundesregierung als ersten Schritt bezeichnet, dem weitere folgen werden.
    10. Die bestmögliche Präsentation und Vermittlung der Bestände ist der Auftrag der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. In diesem Sinne profiliert sie ihre Museumsstandorte: die Museumsinsel für die Kunst und Kultur Europas und des Nahen Ostens bis zum 19. Jahrhundert, das Kulturforum als Ort der Moderne, der Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart für die zeitgenössische Kunst. Wenn früher alles so geblieben wäre, wie es ist, gäbe es heute keine Museumsinsel. Auch dies waren damals große Vorhaben, die über Jahre und mit großem finanziellem Aufwand realisiert wurden. Wie zukunftsträchtig diese Investitionen waren, zeigt der grandiosen Publikumserfolg bis heute. Krieg, Teilung des Landes und der Stadt haben ihre Spuren auch bei den Kunstsammlungen hinterlassen. Die Wiedervereinigung bietet Chancen einer Neugliederung der Museumslandschaft. Wir dürfen dabei auf halbem Wege nicht stehen bleiben.

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    Ingolf Kern

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