Michaela Scheibe: Die Kriminalistin

21.11.2018Michaela Scheibe: Die Kriminalistin

Michaela Scheibe macht sich in der Staatsbibliothek auf die Suche nach ehemals enteigneten Büchern

Text: Sophie Dannenberg

Provenienzforschung in der Staatsbibliothek

Michaela Scheibe erklärt, wie sie die Wege der Bücher erforscht.

Stellen wir uns vor, wir wollten einen Krimi drehen. Er spielt in den gewaltigen Magazinen einer berühmten Bibliothek. Selbstverständlich kommt auch eine Detektivin vor – eine gewitzte Dame, die nicht nur nach verlorenen Büchern, sondern auch nach deren unbekannten Besitzern sucht.

Unsere Detektivin der Bücher heißt Michaela Scheibe, Abteilung Historische Drucke in der Staatsbibliothek zu Berlin. Sie ist eine reiselustige Person mit fester, angerauter Stimme und fliegenden Haaren, die im Fahrstuhl erst mal einen Witz erzählt. Ist auch surreal, was der Fahrstuhllautsprecher ansagt: „Zwölftes Buchgeschoss“. Hier oben in den Magazinetagen tragen die Regale nicht nur die Bücher, sondern das gesamte Gebäude. Dieses Haus wird daher nie etwas anderes können, als Bücher lagern. Selbst in der Zukunft, wenn vielleicht keiner mehr liest, wird am Boulevard Unter den Linden dieser Gruß aus der Vergangenheit stehen. Drei Millionen Grüße, um genauer zu sein. Grüße in Buchform. Und jedes hat seine eigene Geschichte – welche genau, ist allerdings oft eine Frage von jahrelanger Forschung, Detektivarbeit eben.

Durch die Gänge, die sich bis ins Unendliche strecken, zieht der Geruch von altem Papier. Einige dieser Bücher wurden während der NS-Zeit aus jüdischen Privatbibliotheken oder Büchereien von Arbeitervereinen geraubt, aus den Logenhäusern der Freimaurer oder aus wissenschaftlichen Instituten. Alle haben sie einen langen Weg hinter sich. Manche wurden während des Krieges an vermeintlich sichere Orte ausgelagert und dann wieder nach Berlin gebracht. Andere kehrten nie zurück. Bücher sind wie Menschen. Wenn sie sprechen könnten, würden sie vom Schuldlabyrinth der NS-Zeit erzählen, von Abschied, Verlust und Tod. Aber sie können nicht sprechen. Nur flüstern, in ihrer eigenen Sprache. Und Michaela Scheibe kann dieses Flüstern verstehen.

Michaela Scheibe
Michaela Scheibe © Christoph Mack

Denn es ist ja so, dass nicht nur das Buch den Leser prägt. Auch der Leser, ja, jeder Besitzer, prägt sein Buch – mit Randbemerkungen und Widmungen, mit schön gestalteten Exlibris, mit Markierungen und Stempeln. Das alles sind Wegmarken, die mit etwas Glück zu den ehemaligen Besitzern führen. Michaela Scheibe geht dabei kriminalistisch vor, hält geschwärzte Stempel unter das UV-Licht, entschlüsselt die Bildwelt der Exlibris, vergleicht Handschriften. 

Die Sprache der Bücher hat die Mediävistin im Umgang mit mittelalterlichen Handschriften gelernt. Ihrer Faszination hat sie sich endgültig hingegeben, als sie in den Franckeschen Stiftungen zu Halle die Bibliothek des Pietisten Johann Friedrich Ruopp rekonstruierte. „Mein Beruf ist ein sehr haptischer. Wir haben eben nicht nur mit abstrakten Texten zu tun, sondern mit der gesamten Materialität des Objektes Buch. Bücher sind eine wunderbare Quelle, sie haben Charme, und sie erzählen Geschichten.“

Seit 2006 befasst sich die Staatsbibliothek mit der systematischen Erforschung und Erschließung von belasteten Erwerbungen. Michaela Scheibe hat in der Provenienzforschung ihre Erfüllung gefunden, auch wenn sie darauf achten muss, Abstand zu den persönlichen Tragödien zu wahren. „Das ist nicht immer leicht. Wenn ich sehe, dass ein Buch 1942 oder später aus jüdischem Besitz beschlagnahmt wurde, dann weiß ich, dass der Eigentümer fast immer ermordet wurde.“

Michaela Scheibe

Michaela Scheibe wurde in Würzburg geboren. Nach einem Studium der Geschichts- und Politikwissenschaften arbeitete sie zunächst in der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek und absolvierte ein Bibliotheksreferendariat an der Universitäts- und Landesbibliothek in Halle. Heute ist sie stellvertretende Leiterin der Abteilung Historische Drucke in der Staatsbibliothek zu Berlin. 

Um auf die Spur der Eigentümer zu kommen, bedarf es oft jahrelanger Arbeit. Im ersten Schritt muss Michaela Scheibe aus den drei Millionen bis 1945 gedruckten Büchern, die in der Staatsbibliothek aufbewahrt werden, die potenziell als NS-Raubgut verdächtigen Bände herausfiltern. Und natürlich gibt es keinen entsprechenden Karteikasten mit der Aufschrift „geraubt“ – sondern 20 Meter an großformatigen, handschriftlich geführten Zugangsbüchern. Die Einträge darin werden zunächst nach verdächtigen Merkmalen durchsucht. Ihr Team hat das Glück, auf Vorrecherchen von Karsten Sydow zurückgreifen zu können. Aus 375.000 Einträgen hat dieser rund 20.000 verdächtige Erwerbungen herausfiltern können. Inzwischen wurden 11.000 Exemplare geprüft, 2.200 ihren rechtmäßigen Besitzern zurückgegeben.

In ihrem Büro blättert Michaela Scheibe ein Zugangsbuch auf: eine große Kladde mit marmorierten Pappdeckeln. Die Lieferanteneinträge sind in rote Tabellen geschrieben. Über die ebenfalls eingetragenen Buchtitel sucht das Team dann alle zugehörigen Exemplare im Online-Katalog heraus, versucht in diesen die im Zugangsbuch notierte Nummer zu finden und durchforstet dann das gesuchte Exemplar nach Spuren der früheren Besitzer. Es kann aber auch sein, dass das Buch im Krieg verbrannt ist oder jetzt in Moskau oder Krakau steht. „Es wurden ja nach dem Krieg ganze Bibliotheken von den Alliierten mitgenommen. Mit der Erkenntnis, dass man sich damit auch NS-Raubgut mit ins Haus geholt hat, steht man noch ganz am Anfang.“ Stößt Michaela Scheibe auf einen Eintrag, der sich auf ein solches kriegsbedingt verlagertes Buch bezieht, endet ihre Arbeit. Hier ist die Politik am Zug. Auch in den Fällen, in denen das Buch vorhanden ist, führen die Recherchen nicht immer zu einem Erfolg – in vielen Fällen finden sich keine Spuren früherer Besitzer in den Büchern oder die Spuren lassen sich keiner Person oder Institution zuordnen.

Zitat

„Bücher haben Charme, sie erzählen Geschichten“

Michaela Scheibe

Ein besonders erfreuliches Ergebnis erzielte das Team jedoch, als fast die gesamte Bibliothek der Freimaurerloge „Teutonia zur Weisheit“ zurückgegeben werden konnte. „Man darf sein Herz indes nicht an die Erfolge der Restitution hängen. Wir dürfen keine Erwartungen an diese insgesamt nur ansatzweisen Versuche einer Wiedergutmachung knüpfen.“

Wie lange es dauern würde, die Herkunft aller Bücher zu erforschen? Michaela Scheibe überlegt: „Wenn ich mit zehn Mitarbeitern hundert Jahre arbeiten würde, dann könnten wir das schaffen.“ Provenienzforschung ist eine Mischung aus Vergeblichkeit und Hoffnung. Michaela Scheibe aber arbeitet nicht für den Hype. Ihr Ziel ist die Suche nach historischer Wahrheit. Dafür braucht es detektivische Kleinstarbeit. Es ist wie in einem guten Krimi. Michaela Scheibe ist darin eine ideale Besetzung.

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