Praxistest Vermittlung: Öffentliche Führung

19.08.2019Praxistest Vermittlung: Die öffentliche Führung im Museum

Muss man sich die Kunst erklären lassen, um sie zu verstehen? Für unsere Praxistest-Reihe haben wir eines der gängigsten Formate in Augenschein genommen: die öffentliche Führung, in diesem Fall durch die Nolde-Ausstellung im Hamburger Bahnhof

Von Jonas Dehn

Wie funktioniert Vermittlung im Museum? Wer nach der Antwort auf diese Frage sucht, stößt auf eine Vielzahl verschiedenster Angebote: für Kinder, für Jugendliche, Studenten und Senioren. Es gibt Gesprächs- und Vortragsreihen, Blicke hinter die Kulissen der Restaurierung und inklusive Angebote, etwa für Menschen mit dementiellen Veränderungen, mit Sehbeeinträchtigungen oder für gehörlose Menschen. 

Besucherschlangen im Hamburger Bahnhof
Besucherschlangen im Hamburger Bahnhof © SPK/Katja Strempel

Die bekannteste und wohl älteste Form unter den Vermittlungs- und Bildungsangeboten ist aber: die gute alte Führung. Das Prinzip ist einfach: Ein Guide leitet eine Gruppe durch die Ausstellung, erklärt das Sichtbare und gibt Hintergrundinformationen. 

Ein heißer Sommertag im Juli 2019. Der Hamburger Bahnhof ist wie immer sehr gut besucht, die Kassenschlange zieht sich bis nach draußen auf die Freitreppe. Etwa 20 Personen, die Mehrzahl Frauen, warten im Foyer neben der Kasse auf die Führung. Auch wir sind hier, um im Selbsttest das Vermittlungsformat „öffentliche Führung“ am Beispiel der Sonderausstellung „Emil Nolde – Eine deutsche Legende“ zu erproben. 

Die öffentlichen Führungen in den Sammlungen und Sonderausstellungen der Staatlichen Museen zu Berlin kosten in der Regel vier Euro zuzüglich Eintritt. Hier im Hamburger Bahnhof sind sie kostenlos – nur der Eintritt ins Museum muss bezahlt werden. Da die Teilnehmerzahl begrenzt ist, muss man sich aber eine kostenfreie Teilnehmerkarte holen – an der Museumskasse oder im Webshop. 

Eine Kuratorin der Nationalgalerie begrüßt die Gruppe im Foyer und führt uns zunächst durch die Säle direkt zur Sonderausstellung. Dass die Begrenzung der Teilnehmerzahl sinnvoll und notwendig ist, merkt man schnell – im Innern der Ausstellungsräume ist vor und zwischen den Exponaten meist nicht viel Platz für riesige Gruppen. Außerdem muss akustisch ein Mittelweg gefunden werden: Gehört werden, ohne zu stören – je größer die Gruppe, desto schwieriger ist das. Im Halbkreis stellen wir uns um die Expertin auf und lauschen den Ausführungen. 

Das Format der öffentlichen Führung ist ein Klassiker, aber gleichzeitig sehr anspruchsvoll in der Durchführung. Denn da hier die Zielgruppe nicht so eng benannt ist wie bei spezifischeren Angeboten (etwa für Schüler), lässt sich nicht genau definieren, was die Teilnehmenden brauchen: Wie viel Vorwissen bringen sie mit? Welche speziellen Interessen haben sie am Thema? Was wird nur kurz angeschnitten und wo muss oder soll vertieft werden?

Unsere Expertin findet einen guten Kompromiss. Sie fasst wichtige biographische Daten zusammen und knüpft damit direkt an die Themen der Ausstellung an: Aus welchen Verhältnissen stammt Nolde, wie war sein Werdegang? Wie stellte Nolde sich selbst und seine Entwicklung als Künstler dar? 

Emil Nolde, Kriegsschiff und brennender Dampfer, o. D. (vor/um 1943), Aquarell
Emil Nolde, Kriegsschiff und brennender Dampfer, o. D. (vor/um 1943), Aquarell, 14,8 × 24,4 cm, Nolde Stiftung Seebüll, © Nolde Stiftung Seebüll, Foto: Dirk Dunkelberg, Berlin

Wir lernen über Ada, Noldes Frau, die zusammen mit diesem selbst sehr früh der Überzeugung war, er sei der größte Künstler nach Rembrandt. Wir erfahren von seiner Selbstinszenierung nach einem romantischen Künstlerbild als naturnaher Bauernjunge, der nicht durch die Akademie „verdorben“ wurde. Wie er sich schon früh zurückgewiesen fühlte und als „verkannter Künstler“ sah – und bereits im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts seinen Antisemitismus praktizierte. 

Mit viel Wissen und sehr gekonnt navigiert uns die Expertin durch den thematischen Gang der Ausstellung. Die Anbiederung an das nationalsozialistische Regime bei gleichzeitiger Verstoßung und Aufnahme in die „Entartete Kunst“, nach dem Krieg dann die Schaffung der Legende des verfemten Künstlers, der im Dunkel des Berufsverbots seine „Ungemalten Bilder“ fertigte – diese Erzählung wird dann auch noch von Siegfried Lenz‘ „Deutschstunde“ unterstützt. 

Nach einer intensiven Stunde hat unsere Gruppe nicht nur einen äußerst informativen Rundgang durch die Ausstellung erlebt, sondern auch einen sehr guten Überblick über Leben und Werk Emil Noldes auf dem neuesten Stand der Forschung bekommen. 

Die Grenze dessen, was eine solche Führung leisten kann, liegt dort, wo die Besucherinnen und Besucher ihr eigenes Urteil bilden müssen. Die Kuratorin schließt ihren Rundgang mit folgenden Worten: „Ob Ihnen die Werke jetzt nach der Ausstellung noch gefallen, ist ganz Ihre Sache. Ob man das Werk vom Künstler getrennt betrachten kann, ist sowieso eine stark diskutierte Frage. Was aber klar ist: Dass man nicht so tun kann, als könnte es das Werk ohne den Künstler geben.“

Zentraler Blick auf Menschen im Hamburger Bahnhof
BesucherInnen im Hamburger Bahnhof © Staatliche Museen zu Berlin/Nina Hansch

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