„Die Vorfreude überwiegt deutlich“

09.04.2019„Die Vorfreude überwiegt deutlich“

Ein gesamtes Haus in Berlin-Mitte, entworfen von David Chipperfield: Nichts Geringeres hat die Familie Bastian der Stiftung Preußischer Kulturbesitz geschenkt. Im Interview erzählt Galerist Aeneas Bastian, Sohn von Heiner und Céline Bastian, von der Wichtigkeit des Bildungsauftrags für Museen, seine Beziehung zur Museumsinsel Berlin und warum das Schenken leicht fällt.

Die Fragen stellten Friederike Schmidt und Sven Stienen

Aeneas Bastian im Haus Bastian
Aeneas Bastian im Haus Bastian © SPK / Friederike Schmidt

Der Schlüssel zum Haus Bastian wurde Anfang März an die SPK übergeben. Sind Sie ein bisschen wehmütig, dieses Haus abzugeben?

Aeneas Bastian: Ich bin insofern wehmütig, als es für uns ein Abschied ist; aber die Vorfreude auf das, was in Zukunft hier stattfinden wird, überwiegt deutlich. Wir wissen ja, für welchen essentiellen Zweck das Haus in Zukunft genutzt werden wird, deswegen gibt es keinen Abschiedsschmerz.

Das Haus soll künftig für die kulturelle Bildung genutzt werden – weshalb ist diese so wichtig?

Ich stelle mir die Museen der Zukunft als Häuser vor, in denen die kulturelle Bildungsarbeit keine untergeordnete Rolle mehr spielt. Die Präsentation der ständigen Sammlungen und Wechselausstellungen sollte darin gleichberechtigt neben der Bildungsarbeit stehen. Daher ist es auch sinnvoll, ein Haus an einem besonderen Ort, nämlich Vis-à-vis der Museumsinsel, dafür vorzusehen.

Sie haben in ihrer Rede zur Schlüsselübergabe eine besondere Verantwortung gegenüber der Jugend angesprochen. Was genau meinten Sie damit?

Die jüngsten Besucherinnen und Besucher nicht nur als diejenigen der Zukunft zu sehen, sondern schon heute Schwellen abzubauen, die einem Museumsbesuch im Wege stehen können, ist für mich eine unserer Schlüsselaufgaben.

Dieser sehr wichtige Bildungsauftrag geht mit der Verantwortung einher, die die Stiftung Preußischer Kulturbesitz durch ihre ausgesprochen bedeutenden Sammlungen hat. Es gibt immer noch die öffentliche Erwartung, dass das Bewahren der Sammlungen und das Kuratieren neuer Ausstellungen die Hauptaufgaben eines Museums sind. Ich glaube aber, dass wir uns vor allem damit beschäftigen müssen, wie Kinder und Jugendliche an Museen herangeführt werden können, so dass sie in Zukunft mit einer anderen Selbstverständlichkeit in die Häuser kommen: Ohne Berührungsangst und ohne Voreingenommenheit.

Gibt es in Ihren Augen eine architektonische Beziehung zwischen dem Haus und der Museumsinsel? Fügt es sich gut ein?

Die Nähe zur Museumsinsel wird in der Architektur des Hauses wiedergespiegelt. Es ist gleichzeitig aber auch ein modernes, zeitgenössisches Haus, dessen Formgebung viel Respekt vor dem Weltkulturerbe Museumsinsel zum Ausdruck bringt. Das Haus führt einen Dialog mit der Museuminsel, es kann aber natürlich nicht gleichberechtigt neben dem kulturellen Erbe der Museumsinsel stehen! Aber es ist in dieser gesamten Topographie eine bedeutende Ergänzung.

Schlüsselübergabe des Haus Bastian am 12. März 2019

Sehen Sie also das Haus Bastian als einen weiteren Schlussstein, der sich in das Gebilde der Museumsinsel einfügt?

Das Haus ist jedenfalls ein substantieller Beitrag und vielleicht auch eine symbolische Erweiterung. Die Insel vergrößert sich mit dem Haus als neuem Gegenüber.

Haben Sie einen persönlichen Bezug zur Museumsinsel?

Ich habe die Museumsinsel relativ spät entdeckt, weil ich in West-Berlin aufgewachsen bin. Ich wurde aber von dem Wissen geprägt, dass es in meiner Stadt Berlin das Pergamonmuseum und die anderen Institutionen gab, die aber unglücklicherweise in einem anderen ›Land‹ und sehr schwer erreichbar waren. Für mich geht es daher auch um das unbeschreibliche Glück, dass diese Spaltung überwunden ist und dass wir dieses einzigartige Museumszentrum nicht nur für die Berlinerinnen und Berliner, sondern auch für die Weltöffentlichkeit zugänglich machen können. Insofern gibt es in dieser Hinsicht eine sehr persönliche Beziehung.

Haben Sie konkrete Wünsche und Vorstellungen in Bezug auf das Haus Bastian und seine Zukunft?

Die Staatlichen Museen zu Berlin sollen das Programm natürlich völlig frei und von unseren Wünschen als Stifter unbeeinflusst entwickeln. Es gibt dennoch zwei Dinge, die ich in meiner Vorstellung habe. Zum einen hoffe ich, dass Wege gefunden werden, die aufregende und sehr wechselvolle Geschichte der Museumsinsel von ihren Anfängen bis heute für Kinder und Jugendliche lebendig darzustellen. Zum anderen haben wir dieses Haus bisher in erster Linie als Galerie für die Kunst des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart genutzt und erprobt. Ich würde mir wünschen, dass eine Balance der verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten, von Ausstellungen über Veranstaltungen bis zu Workshops, gefunden wird. Eine interdisziplinäre Vorstellung dieser Formate wäre in meinen Augen die ideale Nutzung und der richtige Bildungsauftrag im Sinne Humboldts.

Ist die Vielseitigkeit und Flexibilität in der heutigen Zeit wichtiger als vor zehn oder 20 Jahren?

Ja, denn die Herausforderungen der Digitalisierung sind heute noch viel stärker erkennbar als damals. Es ist vor diesem Hintergrund auch eine zentrale Aufgabe der Museen, die besondere Ausstrahlung und das fast unerklärliche Wesen von Originalen darzustellen. Da stelle ich mir ein Wechselspiel vor, in dem diese Originale auf der Museumsinsel betrachtet und erlebt werden können, sich vielleicht ins Gedächtnis einschreiben, und sich dann hier im Haus Bastian ein Raum öffnet, in dem darüber gesprochen und diskutiert werden kann, was man gesehen hat. Die digitale Technik ist dabei ein  Hilfsmittel, das sicher auch zum Einsatz kommen wird. Wichtig ist aber, dass man bei der Einbindung von Medien und digitaler Technologie nicht vergisst, wie unersetzlich das Original ist, das wir in den Sammlungen der Museumsinsel finden.

Eine letzte Frage: Wie geht es weiter, wird es die Galerie Bastian an einem anderen Ort geben?

Ja. Wir haben bereits eine weitere Galerie in London eröffnet, in der wir ein öffentliches Ausstellungsprogramm betreiben, und wir haben auch Pläne für ein neues Haus in Berlin. Es wird auf jeden Fall eine Fortsetzung geben: Sowohl in Berlin als auch in London.

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