Theo Eshetu und die Dahlemer Museen auf der documenta14

Theo Eshetu und die Dahlemer Museen auf der documenta14

Der Videokünstler Theo Eshetu begleitet den Umzug der Dahlemer Museen ins Humboldt Forum dokumentarisch. Auf der documenta14 ist er mit „Atlas Fractured“ präsent – einer raumgreifenden Installation, die ein Banner als Projektionsfläche einsetzt, das ursprünglich über dem Eingang der Dahlemer Museen angebracht war. Julia Lerche und Stefan Müchler sprachen mit Theo Eshetu über die Entstehung seines Kunstwerks, fragmentierte Identitäten und große Worte in kleinen Wandtexten.

Ausstellungsansicht der Installation Atlas Fractured von Theo Eshetu
© SPK / Theo Eshetu / Stefan Müchler

Wie ist Ihr documenta14-Projekt “Atlas Fractured“ entstanden?
Während ich in den Dahlemer Museen filmte, sah ich, wie Bauarbeiter das Banner zerschnitten, das seit vielen Jahren an der Fassade des Ethnologischen Museums hing. Als ich die Arbeiter fragte, was sie mit dem Banner vorhätten, sagten sie, dass sie es wegwerfen würden. Also erkundigte ich mich: „Haben Sie etwas dagegen, wenn ich es behalte?“, und sie sagten: „Sie würden uns einen Gefallen tun, wenn Sie uns helfen, es zu entsorgen.“ Ich habe also sehr spontan gehandelt, ohne wirklich darüber nachzudenken, wo und wie ich das Banner nutzen würde. Als ich zu documenta14 eingeladen wurde, dachte ich, dass es eine der seltenen Möglichkeiten sein könnte, das Banner der Dahlemer Museum wieder aufzuhängen und es als eine Art Kinoleinwand zu verwenden. Die ganze Idee für „Atlas Fractured“ entwickelte sich dann ausgehend von der Überlegung, wofür das Banner steht, was es repräsentiert. Die fünf abgebildeten Masken repräsentieren fünf Kontinente. Doch wofür stehen diese Masken heute? Wie kann die Welt heute repräsentiert werden?

Theo Eshetu "Atlas Fractured“

Theo Eshetu on his work "Atlas Fractured" developed for documenta14

Für diejenigen, die keine Möglichkeit haben, die documenta14 zu besuchen: Könnten Sie „Atlas Fractured“ erklären? Worum geht es?
Seit vielen Jahren arbeite ich mit einem visuellen Effekt: Indem ich Bilder auf Gesichter projiziere, erscheint ein Gesicht auf einem Gesicht. Ich könnte mein Gesicht auf Ihres projizieren, und dann hätten wir weder mein, noch Ihr Gesicht. Wir hätten etwas Anderes. Für „Altlas Fractured“ habe ich einige Menschen – männlich, weiblich, farbig, weiß… –  in mein Studio eingeladen. Wir haben verschiedene Projektionen auf ihren Gesichtern ausprobiert und daraus ist eine ganze Serie entstanden. Für die Projektionen habe ich zum Beispiel Abbildungen kultureller Objekte oder auch Filme verwendet. Aus dieser Serie von Filmsequenzen habe ich eine Art Geschichte der Repräsentation entwickelt. Trotzdem erklärt dies meine Arbeit nicht vollständig. Das Besondere an der Sache ist, dass der Betrachter zuerst denkt, er sähe ein Standbild, und dann feststellt, dass es ein lebendiges Bild ist, weil sich die Augen bewegen. So entsteht eine groteske und gleichzeitig wunderschöne Kombination. Das ist, was man sieht.

"Trotz unserer Verschiedenheiten und trotz unserer kulturellen Unterschiede, sind wir, genauer betrachtet, aus demselben Fleisch und Blut." Theo Eshetu

Was ist die Botschaft Ihres Kunstwerks? Gibt es eine Verbindung zum Humboldt Forum?
Es gibt eine konzeptionelle Verbindung zum Humboldt Forum. Aus meiner Sicht werden im Humboldt Forum Identitäten definiert. Einerseits wird dort eine nationale, deutsche Identität reflektiert. Andererseits ist bereits der Umzug des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst begleitet von der Reflexion über eine globale Identität und der Frage, wie diese zwei Formen der Identität – die nationale und die globale – miteinander in Dialog treten können. Ich bin mir nicht sicher, ob meine Arbeit eine Botschaft hat. Aber wenn ich einen Botschaft nennen müsste, könnte ich sie mit einem Zitat von Maya Angelou zusammenfassen, das auch Teil des Videos ist: „Wir ähneln uns einander mehr, mein Freund, als dass wir ungleich wären.“ Also trotz unserer Verschiedenheiten und trotz unserer kulturellen Unterschiede, sind wir, genauer betrachtet, aus demselben Fleisch und Blut.

Ausstellungsansicht der Installation Atlas Fractured von Theo Eshetu
© SPK / Theo Eshetu / Stefan Müchler

In der Neuen Neuen Galerie in Kassel können Besucher Ihre Installation „Atlas Fractured“ von keinem Standpunkt aus komplett sehen. War das geplant oder ist es einfach passiert?
Wegen der schieren Größe des Banners – es ist über 38 Meter lang und 7 Meter hoch – war es nicht einfach, einen geeigneten Platz zu finden. Wichtig war es für mich, dass ich das Banner, das ja ein Objekt aus dem Außenraum ist, in einem Innenraum aufhängen kann. So entsteht ein überraschender Kontrast. Außerdem wollte ich das Banner als Leinwand benutzen, mit der die darauf projizierten Bilder in Dialog treten. Wegen der Säulen im Raum und der kurzen Entfernung, habe ich fast zehn Tage gebraucht, um das Video für die Projektion in Kassel zu überarbeiten. Jetzt sieht man zwar nicht die gesamte Projektion auf einmal, aber ist eingeladen, herumzulaufen. Ich mag die Idee, dass das Kunstwerk die Besucherinnen und Besucher einlädt, sich zu bewegen und nicht wie in einem Kino an einem Platz zu sitzen.

Sie haben gerade die enormen Ausmaße des Banners erwähnt. Wie haben Sie es in Ihr Studio gebracht?
Während ich 2014 in Dahlem die Berlin Biennale filmte, haben Arbeiter das Banner des Ethnologischen Museums entfernt und in Teile zerschnitten. Ursprünglich wollte ich nur den Teil mitnehmen, auf dem „Afrika“ abgebildet war. Ich faltete „Afrika“ und dachte, ich könnte es später mitnehmen. Weil sich viele meiner Arbeiten mit dem Dialog zwischen Kulturen beschäftigen, fragte ich die Arbeiter, ob es möglich wäre, „Europa“ ebenfalls mitzunehmen. Und sie sagten: „Sicher, Sie können Europa nehmen. Wenn Sie möchten, nehmen Sie sich die ganze Welt. Sie würden uns einen Gefallen tun.“ Ich dachte, dass es keine schlechte Idee sei, die ganze Welt mitzunehmen. (lacht) Daraufhin rief ich einen Freund an, der mir helfen sollte. Die Teile des Banners lagen vier Tagen in meiner Küche. Dann fand ich jemanden mit einem Keller. Dort lag es dann fast acht Monate bevor ich zu documenta14 eingeladen wurde und dort die Idee für meine Installation vorstellte.

Haben Sie es weiter zerschnitten?
Nein, ich habe keine Schnitte hinzugefügt. Interessant ist, dass alle Kontinente ganz leicht beschnitten wurden, nur Afrika nicht, welches als einziges ganz geblieben ist. Ein anderer bemerkenswerter Zufall ist, dass die Höhe der Neuen Neuen Galerie exakt 6,60 Meter beträgt, also exakt so hoch wie das Banner ist.

Sie haben die Teile des Banners neu arrangiert?
Ursprünglich repräsentierte das Banner die Welt, es repräsentierte Vollkommenheit. Die einzelnen Teile des Banners neu zu arrangieren, eigentlich nur ein kleiner Eingriff, interessierte mich sehr. Ich stellte mir diese Fragen: Wie kann die Welt neu arrangiert werden? Wie können wir eine andere Welt erschaffen als die, die sie jetzt ist? Wie können die Risse, die wir in der heutigen Welt spüren, in einer ehrlichen Weise repräsentiert werden? Wenn Identitäten nicht länger klar definiert sind, wie kann eine andere Identität aussehen? Meine Filmaufnahmen reflektieren diese Fragen, ebenso wie das Banner, das nun in einer anderen als der ursprünglichen Reihenfolge an der Wand hängt. So stellt es ebenfalls eine zerrissene Welt dar oder eine Welt, die wieder anders zusammenfügt ist.

Es gibt eine sehr besondere Zusammenfügung. Sie arrangierten Asien und Europa so, dass das Wort „Asiropa“ entsteht. War das Wortspiel beabsichtigt?
Ja, absolut. Und es ist bemerkenswert, weil ich eben bereits erwähnte, dass ich das Banner nicht weiter beschnitten habe. Durch diese Wortneuschöpfung erhält der Ort eine andere Art von Bedeutung. Denn wenn man „Asien“ zu jemandem sagt, der niemals in Asien war, hat er wahrscheinlich ein stereotypisches Bild vor Augen. Das neuerfundene Wort hingegen öffnet den Vorstellungshorizont.

Ausstellungsansicht der Installation Atlas Fractured von Theo Eshetu
© SPK / Theo Eshetu / Stefan Müchler

Wie haben Sie die Zitate ausgesucht, die Sie in Ihrem Video verwenden?
Mit den Bildern und dem Sound versuche ich zu definieren, was ich in Bezug auf einen „Atlas Fractured“ empfinde. Ich wählte größtenteils instinktiv Wörter, Interviews und Zitate verschiedener Menschen aus – Psychologen, Schriftstellern, Poeten, Filmemachern, Mythenforscher, Musiker. Die ausgewählten Sätze sind für mich eine interessante Art, die Welt zu verstehen. Es ist eine Lesart der Welt und wie wir in ihr leben.

Hat Ihre Dokumentation im Museum Dahlem und Ihre Bewegung zum Humboldt-Forum einen Einfluss auf Ihre Installation?
Mich interessiert der Dialog zwischen dem, was aus dem Humboldt-Forum wird und was das Ethnologische Museum war. Aber ich bin nicht an einer Lösung interessiert, was auch immer das Problem sein mag. Darum ist das documenta-Projekt Teil der Reflektion. Man kann sagen, dass es eine deutsche oder eine Berliner Geschichte ist. Für mich ist es aber auch eine Art biographischer Bezugspunkt, da ich halb Afrikaner und halb Europäer bin. Dieser Dialog zwischen Kulturen und meinem eigenen Verständnis von Identität ist in gewisser Weise die Kraft, die mich in meinem Arbeiten antreibt.

"Aber ich bin nicht an einer Lösung interessiert, was auch immer das Problem sein mag." Theo Eshetu

Der kurze Text, der auf der documenta an der Wand hängt, ist in Bezug auf das Humboldt Forums sehr kritisch. Haben Sie diesen Text mitverfasst?
Ursprünglich wollte ich nicht, dass ein beschreibender Text an der Wand hängt, weil ich davon überzeugt war und bin, dass meine Arbeit für sich spricht. Richtigerweise gibt der Text den Besuchern aber nun Informationen zum Kontext des Banners. Ein kritischer Aspekt des Wandtextes ist meiner Meinung nach aber, dass er das Humboldt Forum einfach so als strittig bezeichnet ohne zu sagen warum. Sonderbar finde ich auch den Hinweis, dass ich mit meinem Kunstwerk versuche, eine „Neue Weltordnung“ zu schaffen. Das ist wirklich weit von meinen Absichten entfernt, auch wenn die Worte in Anführungsstriche gesetzt sind. Aus meiner Sicht repräsentiert meine Arbeit eine „Alte Weltunordnung“. Man könnte auch sagen, dass sie auf poetischem Wege versucht, die Brüche der Gegenwart auszudrücken. Aber ich bin sicher, dass die Menschen, die meine Arbeit betrachten, dessen Botschaft erspüren können und die verstehen, worum es mir geht.

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