Kolonialismus ist das Thema der nächsten Jahre

19.03.2018Kolonialismus ist das Thema der nächsten Jahre

Der Stiftungsrat der SPK hat entschieden: Der Musikethnologe Lars-Christian Koch soll künftig als Direktor die Sammlungen des Ethnologischen Museum und das Museums für Asiatische Kunst leiten. Im Interview spricht er über seine künftigen Aufgaben und den besonderen Umgang mit immateriellem Kulturerbe.

Die Fragen stellten Birgit Jöbstl und Nikolas Mathey.

Walzensammlung
Walzensammlung © Ethnologisches Museum – Staatliche Museen Berlin

Eine Frage an... Lars-Christian Koch

Der SPK-Stiftungsrat wählte am 19. März 2018 einstimmig den Musikethnologen Lars-Christian Koch zum künftigen Direktor des Ethnologischen Museums und des Asiatischen Museums. Im Video erläutert er, welche Aufgaben in den kommenden Jahren für ihn von großer Bedeutung sind.

Was sind für Sie als künftigem Direktor des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst die drängendsten Aufgaben? Was erhoffen Sie sich für die nächsten Jahre?

Lars-Christian Koch: Zunächst wird es darum gehen, mit den Fachkollegen dieser beiden so genannten Dahlemer Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin die Ausstellungen im Humboldt Forum zu installieren und richtig in die Öffentlichkeit zu tragen. Die Dauerausstellungen, aber auch die Wechselausstellungen. Hier müssen wir natürlich schon in die Planung gehen für die Zeit nach den Auftaktausstellungen, die noch wesentlich von den Gründungsintendanten verantwortet werden. Inhaltlich wird der Fokus in den nächsten Jahren weiterhin ganz stark auf den Themen Kolonialismus und Provenienzforschung liegen. Mit diesen Themen beschäftigen sich die Kolleginnen und Kollegen in Dahlem schon seit Jahren. Dabei ist ein höchst kompetentes Team von Kuratoren, Restauratoren und etlichen weiteren Kollegen zusammengewachsen, wie man es nur an einem solchen Museum finden kann.

Sie leiten seit 2003 die Abteilung Musikethnologie im Ethnologischen Museum. Was umfasst diese eigentlich?

Seit einiger Zeit heißt die Abteilung richtig: Abteilung Medien – Musikethnologie, Medientechnik und Berliner Phonogramm-Archiv, und das erklärt eigentlich schon, was sie umfasst, nämlich den gesamten Komplex des immateriellen Kulturgutes der Welt. Gegründet wurde sie 1900 als Phonogramm-Archiv am Psychologischen Institut der Berliner Universität von Carl Stumpf, der auch die ersten Tonaufnahmen anlegte. Ihm ging es dabei in einer kulturvergleichenden Herangehensweise um die Frage: Wie hört der Mensch? Nach dem Zweiten Weltkrieg kam die Musikethnologie mit neuen Forschungsfragen und neuen Aufnahmetechniken dazu. Bis heute ist die Sammlung der Tonaufnahmen auf ca. 14.000 Stunden originäres Material angewachsen und wir sammeln weiter.

Musikinstrumente haben Sie keine?

Doch, wir betreuen in der Abteilung auch rund 3000 Musikinstrumente, wobei das weniger als die Hälfte des Gesamtbestands des Ethnologischen Museums ist.

Und ganz wichtig ist der Bereich Visuelle Anthropologie. Schon im Forschungsfeld der Musikethnologie wird deutlich, dass Musik oft Teil einer Aufführung, eines Rituals oder Feierlichkeit ist. Deshalb finden sich bei uns auch Fotos, Zeichnungen, Filme und Videos – von historischen Glasplatten bis zu zeitgenössischen Bilddokumenten. Vor drei Jahren ist die Betreuung des gesamten Foto- und Filmbestandes des EM – mehr als 500.000 Objekte – an unsere Abteilung übertragen worden.

Ist die Abteilung durch ihre geografische Breite eine Art Bindeglied zwischen Ethnologischem Museum und Museum für Asiatische Kunst?

So kann man das schon sagen, ja. Mein persönliches Forschungsfeld liegt sogar in Asien. Aber die Abteilung ist auch international sehr bekannt. Zu uns kommen Gastwissenschaftler aus aller Welt, weil gerade die Tondokumente des Phonogramm-Archivs so einzigartig sind.

Lars-Christian Koch
Lars-Christian Koch © K-Photographie

Prof. Dr. Lars-Christian Koch

Lars-Christian Koch, geboren 1959 in Peine, studierte von 1980 bis 1985 Ethnologie, Musikwissenschaft und Vergleichende Religionswissenschaft an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn. Nach Forschungsaufenthalten in Indien und seiner Promotion zu zeitgenössischer Nordindische Kunstmusik arbeitete er von 1999 bis 2002 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität zu Köln und wurde dort 2002 habilitiert. 2003 übernahm die Abteilung Medien - Musikethnologie, Berliner Phonogramm-Archiv und Visuelle Anthropologie des Ethnologischen Museums. Er ist außerplanmäßiger Professor für Musikethnologie an der Universität zu Köln und Honorarprofessor an der Universität der Künste Berlin.

Kurt Reinhard bei Aufnahmen in der Türkei.  Aufnahmesituation mit tatarischen Musikern
Kurt Reinhard bei Aufnahmen in der Türkei. Aufnahmesituation mit tatarischen Musikern © Ethnologisches Museum – Staatliche Museen zu Berlin

Haben Sie ein besonderes Lieblingsobjekt in der Sammlung?

Mein Lieblingsstück ist erst vor kurzem angeschafft worden. Es handelt sich um Rollbilder aus Westbengalen. Diese Rollbilder werden seit Jahrhunderten von den Patua genutzt, einer Volksgruppe, deren Mitglieder als professionelle Erzähler durch die Dörfer ziehen. Das machen sie auch heute noch, mit aktuellen Inhalten. Es ist also eine gelebte Form der Gebrauchskunst. Das Selbstverständnis der Sänger hat sich aber verändert. Früher standen die Geschichten, die Performance, im Vordergrund, heute sind die Bilder wichtiger. Einzelbilder aus den Bildrollen werden auch als Verkaufsobjekte hergestellt. Wir haben nun drei dieser wunderbaren Bildrollen erworben und zeigen zwei davon mit filmischer Dokumentation ihres Gebrauchs aktuell in der Humboldt Box in der Ausstellung „[laut] – Die Welt hören“, die in wenigen Tagen eröffnet.

Worum geht es in der aktuellen Ausstellung „laut“ – wie zeigt man Klang? Ist das nicht langweilig?

Ich denke nicht. Wie verbreiten sich Klänge und Musikstile weltweit? Wie geht man mit Klang als immateriellem Kulturgut um? Wem gehört der Klang in Aufnahmen? Das sind spannende Fragen! Fragen der Übertragbarkeit von Klängen auf Materialien werden diskutiert, so können Sie zum Beispiel in einem speziellen Gerät in der Ausstellung Alltagsgegenstände rotieren und ihre Oberfläche abtasten lassen und deren Klang hören. Wir zeigen, wie wir mit verschiedenen Partnern, etwa der AMAR Foundation im Libanon zusammenarbeiten – da geht es um die ganze Bandbreite arabischer Musik. Die Aufnahmen aus Kriegsgefangenenlagern des Ersten Weltkriegs, die sich zu fast gleichen Teilen im Lautarchiv des Humboldt Universität und bei uns befinden, sind auch ein Thema. 

Record Labels AMAR © AMAR FOUNDATION
Record Labels AMAR © AMAR FOUNDATION

Und wir zeigen, wie man mit Aufnahmen umgehen kann, die zum Beispiel als heiliges Material gelten und nur von bestimmten Menschen gehört werden sollten. Diese Aufnahmen unterliegen keinen formalen rechtlichen Bestimmungen, aber trotzdem darf man sie entsprechend der Grundsätze der Community nicht hören. Das respektieren wir, was im Ausstellungskontext für uns eine echte Herausforderung darstellt.

Ist das vergleichbar auch für das Humboldt Forum geplant?

Nur in Teilen. Dort wird das Hören und die Materialität klangerzeugender Objekte eine große Rolle spielen. In einem speziell gestalteten Hör-Raum, der mit zwei Audio-Anlagen ausgestattet ist, die zusätzlich visuell unterlegt werden können, lassen sich akustische 3D-Bilder erzeugen und Klänge im Raum verorten. Aber lassen Sie sich einfach überraschen!

Noch eine letzte Frage: Freuen Sie sich auf die neue Aufgabe?

Ja, sehr! 

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