Was bleibt?

08.08.2016Was bleibt?

Das Projekt „Multaka“ hat aus neu Angekommenen Museumsguides gemacht. Fünf davon erzählen, was wir von Steinen und Bildern über Heimat lernen können.

Von Kristina Heizmann und Thyra Fermann

Das Projekt „Multaka: Treffpunkt Museum“ bildet Geflüchtete aus Syrien und dem Irak zu Museums-Guides aus. Sie führen ihre Landsleute in ihrer Muttersprache durch das Pergamonmuseum, das Bode-Museum und das Deutsche Historische Museum. Das vom Museum für Islamische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin entwickelte Projekt wurde vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert und wird jetzt von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien unterstützt. „Multaka“ erhielt von Kulturstaatsministerin Monika Grütters den „Sonderpreis für kulturelle Projekte mit Flüchtlingen“.

Kefah Ali Deeb im Pergamonmuseum
Vorderasiatisches Museum im Pergamonmuseum: Syrien- und Kleinasienraum, Reliefs vom Tell Halaf © SPK / Ina Niehoff

Mein Museum: Kefah Ali Deeb

Geboren 1982 in Latakia, Syrien. 2014 nach Deutschland geflohen

Das politische System in Syrien wollte sie ändern. Dafür wurde sie verhaftet und bedroht und entschloss sich zur Flucht, weil sie keinen Frieden mehr in ihrem eigenen Land finden konnte. Das Vorderasiatische Museum sei zu ihrem Museum geworden, sagt Kefah.

Es erinnere sie an das Nationalmuseum in Damaskus, das sie früher fast täglich besucht hat. „Ich gehöre zu diesen Objekten, dieser Kultur. Und genauso gehört das hier auch zu mir, zu uns“, erklärt sie. Das will sie auch denen vermitteln, die sie durch das Museum führt. Die Objekte symbolisieren für Kefah ihre eigene Identität, ihre Geschichte. Sie geben Selbstbewusstsein und Vertrauen. Und damit den Mut, sich in der Fremde offener zu geben. So könne Integration gelingen, daran glaubt sie fest. Die Statuen und Reliefs hätten die Kraft, zwischen Kulturen zu vermitteln. Heimat, das bedeutet für Kefah Gedächtnis und Erinnerung.

In Berlin erschafft sie sich jeden Tag ein Stück neue Heimat. Das Museum hilft ihr dabei. Trotzdem will sie aber auch in Syrien wieder ihren Frieden finden können. Der Krieg müsse aufhören, die Verhafteten in Assads Gefängnissen endlich freigelassen werden. „Man darf nie aufhören, die Dinge verändern zu wollen!“

Tarek Ahmad im Bode-Museum
Skulpturensammlung im Bode-Museum: Adriaen de Vries, Venus und Adonis, 1620-1621 © SPK / Ina Niehoff

Mit Adonis über die Brücke:
Tarek Ahmad

Geboren 1981 in Damaskus, Syrien. Seit 2015 in Deutschland

Tarek redet nicht gern über sich und auch nicht über seine Flucht. Wenn er aber mit anderen Syrern, die er durchs Bode-Museum, über die Statuen und Gemälde dort spricht, glänzen die Augen des ehemaligen Professors für Klassische Archäologie. Er will zeigen, wie grenzübergreifend Kulturen sind und immer waren. Die vermeintlich eigene Kultur betreffe nicht nur einen selbst, sagt Tarek, sondern immer auch viele andere, ja, die ganze Menschheit.

Zu verstehen, dass man so viel mit anderen teilt, auch wenn man nicht die gleiche Sprache spricht – das ist für ihn ein erster Schritt in Richtung einer Gesellschaft, die Unterschiede akzeptieren kann. Kulturelle Gemeinsamkeiten verbänden Menschen über Grenzen hinweg. Der Adonis, vor dem er steht, verdeutlicht für ihn genau das: eine Figur aus der griechischen Mythologie, die auch in der Gedankenwelt Syriens ihren Platz gefunden hat. Kunst, sagt er, sei wie eine Brücke: Sie zeige Verbindungen und Kontinuitäten zwischen scheinbar Unterschiedlichem. Er wünscht sich, dass sie für alle Menschen zur geistigen Heimat wird. Jenseits von Kulturen, Nationen und Epochen.

Razan Nassreddine im Pergamonmuseum
Museum für Islamische Kunst im Pergamonmuseum, Nische aus einem samaritanischen Haus in Damaskus. Damaskus, um 1600 © SPK / Ina Niehoff

Ich rieche den Mamor:
Razan Nassreddine

Geboren 1987 in Damaskus, Syrien. Kam 2012 nach Deutschland

Ein kleines Stück von Damaskus sei die Samaritanische Nische im Museum für Islamische Kunst für sie, sagt Razan. Wenn sie davor steht, riecht sie den ihr vertrauten alten Geruch, spürt die Kühle des Marmors. Ein Geschenk seien die Führungen und Begegnungen im Museum, die ihr eine neue Erinnerung an die Heimat geben und die sie mit Menschen unterschiedlichster Religionen und politischer Hintergründe zusammentreffen lassen. Auch diejenigen, die sie führt, finden hier Vertrautes wieder. Sie teilen Razans Erfahrungen – egal, ob sie nun aus Damaskus, Mossul oder Kabul kommen.

Integration sei ein zu großes Wort für das, was während dieser Stunde im Museum passiere, findet die Kulturmanagerin. Aber ein erster Schritt dorthin: Die Angst vor der neuen Kultur wird kleiner angesichts der uralten Steine, die Geschichten von der fernen Heimat erzählen. Die Stücke im Museum, so begreifen es die neu in Deutschland Angekommenen, sind ebenso Migranten wie sie.

Irgendwann möchte Razan zurück nach Damaskus. Will, dass Freiheit und Frieden herrschen in Syrien. Man brauche die Möglichkeit, in die Heimat zurückgehen zu können, sagt sie – solange es die nicht gibt, sei auch sie, die nach einem Praktikum in Deutschland blieb, eine Geflüchtete.

Bode-Museum
© Staatliche Museen zu Berlin / Bernd Weingart

Bode-Museum

Das Bode-Museum der Staatlichen Museen zu Berlin krönt die Nordspitze der Museumsinsel. In dem 1904 vollendeten Gebäude befinden sich heute die Skulpturensammlung, das Museum für Byzantinische Kunst und das Münzkabinett. Zudem werden dort rund 150 Bilder der Gemäldegalerie präsentiert.
Die Konzeption des als Kaiser-Friedrich-Museum errichteten Gebäudes geht auf Ideen der Kronprinzessin Victoria aus den frühen 1880ern zurück, die Wilhelm von Bode in die Praxis umsetzte. 1956 erhielt es nach seinem geistigen Schöpfer den bis heute beibehaltenen Namen: Bode-Museum.

Website des Bode-Museums

Zoya Masoud im Pergamonmuseum
Museum für Islamische Kunst, Wandverkleidung des Aleppo-Zimmers, Aleppo, 1600–1603 © SPK / Ina Niehoff

Neues Miteinander: Zoya Masoud

Geboren 1987 in Damaskus, Syrien. Kam 2012 nach Deutschland

Auf einer prachtvollen Wandvertäfelung zeigt sich, wofür Aleppo vor mehr als 400 Jahren stand: Umrankt von osmanischen Ornamenten sitzt Maria mit dem Jesuskind, daneben tummeln sich chinesische Fabelwesen – Bilder, gemalt im Stil persischer Buchmalerei. Diese vielfältigen kulturellen Einflüsse in dem auf den ersten Blick syrisch-arabisch wirkenden Zimmer versetzten nicht wenige der Museumsbesucherinnen und Museumsbesucher, die sie hier führt, zunächst in Erstaunen, sagt Zoya. Viele kämen aus Aleppo, wüssten aber meist nichts von diesem Aspekt der eigenen Kulturgeschichte.

Bei Zoyas Führung erfahren sie nun, dass diese internationaler geprägt ist als gedacht. Und das ist wichtig, wenn nur, wer erkennt, dass sich die eigene Kultur schon immer im Austausch mit anderen Kulturen entwickelt hat, kann sich selbstbewusst Neuem öffnen. Zoya geht es also um mehr, als den Geflüchteten mit ihren Führungen eine Auszeit von dem von Behördengängen geprägten Alltag zu bieten: Sie möchte ermöglichen, dass sich neue, stabile kulturelle Identitäten ausbilden. Ohne diese wird es keine Integration geben – denn Integration, das ist für Zoya nicht ein Nebeneinander verschiedener Gruppen in einer Gesellschaft, sondern ein neues Miteinander.

Sandi Albahri im Deutschen Historischen Museum
Deutsches Historisches Museum, Anton von Werner, Die Eröffnung des Reichstags im Weißen Saal des Berliner Schlosses durch Wilhelm II., 1893 © SPK / Ina Niehoff

Hoffen wie die Deutschen:
Sandi Albahri

Geboren 1991 in Damaskus, Syrien. Lebt seit eineinhalb Jahren in Berlin

Auf einem Stuhl vor dem Gemälde stehend, befindet sich Sandi auf Augenhöhe mit den Größen der deutschen Geschichte: Kaiser Wilhelm II., Bismarck, Würdenträger, Diplomaten. Sandi sagt, in der Vergangenheit habe Deutschland viele Probleme gehabt. Gerade nach den beiden Weltkriegen. Aber heute, heute sei Deutschland doch ein tolles Land.

Genau aus diesem Grund hat sie sich das Deutsche Historische Museum ausgesucht, um Menschen aus Syrien und dem Irak zu zeigen: Schwierigkeiten kann es in jedem Land, in jeder Geschichte geben. Aber wenn die Menschen dort den Mut zum Neuanfang, zum Wiederaufbau hätten, dann könne das auch geschafft und die Geschichte zur Erfolgsgeschichte werden.

Hier in Deutschland könne jeder diese Möglichkeiten erkennen. Deswegen zeigt Sandi bei ihren Führungen auch besonders oft Zeugnisse aus der jüngsten Vergangenheit Deutschlands. Ein Stück der Berliner Mauer zum Beispiel. Es soll Mut machen und den Geflüchteten zeigen, dass auch sie die Hoffnung auf ein befriedetes Land nicht aufgeben dürfen. Denn wie fast alle, die sie durchs Museum führt, will auch sie irgendwann einmal wieder nach Syrien zurückkehren. In ein Land mit Zukunft und Hoffnung.

Pergamonmuseum
© Staatliche Museen zu Berlin / Maximilian Meisse

Pergamonmuseum

Das Pergamonmuseum wurde zwischen 1910 und 1930 als letzter der fünf Bauten auf der Museumsinsel errichtet. Heute beherbergt es drei Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin: die Antikensammlung, das Vorderasiatische Museum und das Museum für Islamische Kunst. Damit umfasst das Pergamonmuseum kulturelle Zeugnisse aus über 6000 Jahre Kulturgeschichte – wie etwa die imposanten Rekonstruktionen archäologischer Bauensembles: der Pergamonaltar, das Markttor von Milet, das Ischtar-Tor mit der Prozessionsstraße von Babylon und die Mschatta-Fassade.
Im Rahmen des Masterplans Museumsinsel wird das Museum seit 2013 abschnittsweise saniert und ist in Teilen geschlossen.

Website des Pergamonmuseums

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