Die Reize des Vertrauten

09.08.2016Die Reize des Vertrauten

Was löst Max Liebermann in uns aus, was Caspar David Friedrich: Mit dem kognitionsforscher Michael Pauen in der Alten Nationalgalerie. Ein Befund

Von Andreas Schäfer

Ich stehe mit Michael Pauen in der Alten Nationalgalerie vor einem mächtigen Gemälde von Giovanni Segantini. Pauen ist Philosoph, Kognitionsforscher und Direktor der Berlin School of Mind and Brain. Wir haben uns verabredet, um über Heimatdarstellungen in der Kunst zu sprechen. Und darüber, inwiefern Bilder beim Betrachten heimatliche Gefühle auslösen und welche kognitiven Prozesse dabei beteiligt sind. Das erste Bild stammt aus dem Jahr 1895 und zeigt eine Hochebene, aus der sich im Bildhintergrund eine schroffe Gebirgskette erhebt. Vorn sieht man einen Pferdekarren mit mehreren Personen, links lassen sich in sanften Hügeln Häuser eines Dorfes erahnen, aus denen die rote Turmspitze einer Kirche herausragt. Beim Stichwort Heimat wandert mein Laienblick automatisch zum roten Kirchturm, aber Michael Pauen hat das Bild aus einem anderen Grund ausgesucht:

Giobanni Segantini, Rückkehr zur Heimat, 1895, Öl auf Leinwand
Giobanni Segantini, Rückkehr zur Heimat, 1895 © SMB, Nationalgalerie / Foto: Jürgen Liepe

„Wir haben die Tendenz, Heimat als etwas Positives wahrzunehmen. Aber Heimat kann auch etwas sein, vor dem man fliehen muss, etwas, das bedrückend ist. Das Gemälde „Rückkehr zur Heimat“ von Segantini geht auf eine wahre Begebenheit zurück. Eine Familie kehrt nach dem Tod des Sohnes in die Heimat zurück. Die Trauer ist sofort ersichtlich: Sie vermittelt sich über die Körpersprache der Figuren, das Gebückte, Geduckte, selbst bei Pferd und Hund. Es gibt Belege dafür, dass Körperhaltungen oder die Gesichtsmimik, die unsere Emotionen kontrollieren, auch verwendet werden, um die Emotionen anderer zu entschlüsseln. Unser visuelles System greift auf diese Bewegungsprogramme zurück, um Reize aus der Außenwelt zu verstehen.  Das Wissen, dass wir uns bei Trauer zusammenkauern, hilft uns beim  intuitiven Verständnis dieses Bildes.“

Zitat

„Wir haben die Tendenz, Heimat als etwas Positives wahrzunehmen. Aber Heimat kann auch etwas sein, vor dem man fliehen muss, etwas, das bedrückend ist.“Michael Pauen

Heimat im Bild als etwas Negatives – in unserer Vorstellung aber positiv? Während wir in den nächsten Raum schlendern, erwähne ich, dass der Begriff für mich, wenn auch in homöopathischer Dosierung, noch immer konnotative Überbleibsel der nationalsozialistischen Scholle enthalte und sich gerade in diesen Tagen auf unangenehme Weise mit dem erigierten Nationalstolz der AfD  verbinde. Könne man das Wort nicht durch ein anderes ersetzen? Natürlich – das Wort Vertrautheit ginge auch. Und wie kommt Vertrautheit zustande? Ist das nicht ein Netz, gebildet aus den ersten prägenden Erfahrungen? Im Allgemeinen, sagt Michael Pauen, lösten tatsächlich die ersten Reize Gefühle von Vertrautheit aus. Das habe zur Folge, dass angeborene Schutzmechanismen weniger stark reagierten. „Die Kognitionspsychologie hat festgestellt: In einer positiven Stimmung fallen Fehler, auch die eigenen, nicht mehr so stark auf. Auf der anderen Seite leiden Kinder, denen die Vertrautheit zur Mutter fehlt, stärker unter Stress.“ Für die Entstehung des Gefühls von Vertrautheit spiele das Hormon Oxytocin, das während der Schwangerschaft und beim Stillen ausgeschüttet wird, eine wichtige Rolle.

Max Liebermann, Flachsscheuer in Laren, 1887, Öl auf Leinwand
Max Liebermann, Flachsscheuer in Laren, 1887, Öl auf Leinwand © bpk / Nationalgalerie, SMB / Jürgen Liepe

Inzwischen stehen wir vor dem Gemälde „Flachsscheuer in Laren“ von Max Liebermann. Michael Pauen deutet auf die jungen Mädchen, die in einem niedrigen Raum mit der sogenannten Flachsscheuer beschäftigt sind: „Hier wird Heimat über die Gruppe definiert. Die Kleidung ist identisch, niemand blickt den Betrachter an. Die Mädchen sind beinahe gesichtslos – und wieder haben fast alle die gleiche, leicht gebeugte Körperhaltung. Man sieht den Zwang, unter dem sie arbeiten mussten. Heimat ist hier also etwas Beengtes.

Max Liebermann, Kleinkinderschule in Amsterdam, 1880, Öl auf Holz
Max Liebermann, Kleinkinderschule in Amsterdam, 1880, Öl auf Holz © bpk / Nationalgalerie, SMB / Andres Kilger

Wenn wir uns jetzt umwenden, sehen wir das Gemälde ‚Kleinkinderschule in Amsterdam‘ aus dem Jahr 1880, ebenfalls von Max Liebermann. Auch hier sind viele Kinder beisammen, aber sie stammen aus einer  bürgerlichen Schicht. Sie haben unterschiedliche Körperhaltungen und sind stark individualisiert. Jedes Kind zeigt seine eigene Persönlichkeit – und ist doch Teil der Gruppe.“

Strahlende Gesichter, rutschende Ringelsöckchen und vertrauliche Gespräche – und dennoch keine idyllisierende Heimatkunst. Heimatdarstellungen großer Künstler sind also nicht ausschließlich problematisch, sprich mit Trauer, Beengtheit oder der Darstellung sozialer Ungerechtigkeit verbunden.

Nun kommen wir zu einem anderen Meister der Heimatgefühle: Caspar David Friedrich. Als wir uns nah an das Gemälde „Frau am Fenster“ beugen, um den Farbaufstrich zu begutachten, ist gleich ein freundlicher Aufseher zur Stelle und bittet darum, gebührenden Abstand zu wahren – obwohl es bei dem Bild doch gerade darum geht, den Abstand zur Figur aufzulösen, wie der Kognitionsforscher findet: „Wir sehen eine Frau in Rückenansicht, die an einem Fenster steht und nach draußen blickt. Sie schaut zur Elbe. Die Pappeln auf dem gegenüberliegenden Ufer haben da wohl tatsächlich gestanden.

Zitat

„Nach unserem Verständnis bilden die Privaträume den Kern der Heimat, aber bei Caspar David Friedrich ist es nicht der Raum, sondern die Landschaft draußen.“Michael Pauen

Es herrscht ein Kontrast zwischen einem dunklen, fast schon beängstigenden Vordergrund und einem hellen Hintergrund. Nach unserem heutigen Verständnis bilden die Privaträume den Kern der Heimat, aber bei Caspar David Friedrich ist es nicht der Raum, sondern die Landschaft draußen. Wenn diese junge Frau eine Heimat hat, dann ist sie dort, wo es hell ist. Die Rückenansicht verstärkt die Identifizierung des Betrachters mit der Figur – und mit ihrer Sehnsucht. Wir werden mit dieser Frau quasi träumend in die Ferne gesogen.“

Apropos Ferne: Gehört zum Heimatbegriff nicht unbedingt auch der Aspekt, dass die Heimat immer dort liegt, wo man selbst gerade nicht ist? Im Christentum ist die Ansicht verbreitet, dass die  eigentliche Heimat sich ohnehin im Jenseits befinde. Für dieses Spiel von An- und Abwesenheit, sagt Michael Pauen, sorgten vor allem die Hell-Dunkel-Gegensätze, nicht nur bei Caspar David Friedrich übrigens.

Caspar David Friedrich, Frau am Fenster, 1822, Öl auf Leinwand
Caspar David Friedrich, Frau am Fenster, 1822 © SMB, Nationalgalerie / Foto: Jörg P. Anders
Adolph Menzel, Das Balkonzimmer, 1845, öl auf Leinwand
Adolph Menzel, Das Balkonzimmer, 1845 © Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin / Jörg P. Anders

Kurze Zeit später stehen wir vor dem letzten Bild unserer Tour, dem „Balkonzimmer“ von Adolph Menzel. „Auch hier gibt es einen starken Hell-Dunkel-Gegensatz, einen Innenraum und einen Außenraum“, erläutert Michael Pauen, „aber die Wirkung ist eine ganz andere.

Bei diesem Bild wird der Betrachter nicht aus dem Raum in die Ferne gezogen, hier strahlt das Licht in den Raum hinein. Die bewegten Vorhänge, das offene Fenster, der Sommer erfüllt das Zimmer. Die Heimat ist hier, im Innenraum. Ein  grandioses Bild. Für seine Wirkung spielt natürlich eine Rolle, dass Menzel es nicht vollendet hat und man im Spiegel Sachen sieht, die in der Realität gar nicht vorhanden sind.“

Im Buddhismus heißt es: Nimm Zuflucht zu dir selbst! Bei tiefer Meditation verstärken sich die Gammawellen im Gehirn, und es stellt sich ein Gefühl von Allverbundenheit ein. Braucht es eigentlich all das Äußerliche, vertraute Orte oder erste Reize, um Heimatgefühle herzustellen? Michael Pauen lächelt: „Ich würde sagen: Wenn im Bewusstsein die Gammawellen dominieren, erübrigt sich die Frage, wo oder was Heimat ist, weil das Zuhause dann keine Rolle mehr spielt.“

Alte Nationalgalerie auf der Museumsinsel
© Staatliche Museen zu Berlin / Maximilian Meisse

Alte Nationalgalerie

Die Alte Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin wurde zwischen 1867 und 1876 nach Plänen Friedrich August Stülers errichtet. Heute beherbergt sie Gemälde und Skulpturen des 19. Jahrhunderts, darunter Meisterwerke von Caspar David Friedrich, Adolph Menzel, Edouard Manet, Claude Monet, oder Auguste Rodin. Sie ist zugleich das Stammhaus der Nationalgalerie, deren Sammlung sich außerdem auf die Häuser Neue Nationalgalerie, Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin, Museum Berggruen und die Sammlung Scharf-Gerstenberg verteilt.

Website der Alten Nationalgalerie

Nachrichten zum Thema

Weitere Artikel dieses Dossiers