Mit Silbergelatine auf Barytpapier

07.10.2020Mit Silbergelatine auf Barytpapier

Die bpk-Bildagentur hat das Oeuvre der großen Fotografin Abisag Tüllmann erschlossen – und zeigt damit, wie man analoge Fotografie ins digitale Zeitalter überführt

Von Oliver Hoischen

Viele Menschen in einem Raum bei einer Versammlung, ein junger Mann mit Zigarette schaut direkt in die Kamera
Joschka Fischer (vorn) in der Frankfurter Universität bei einem Teach-in zum Häuserkampf im Frankfurter Westend, Oktober 1973 © bpk / Abisag Tüllmann

Da ist, nur mal so zum Beispiel, Joschka Fischer: Man muss nur seinen Namen in die Suche dieser hervorragenden neuen Webseite eingeben, und schon wird man weitergeleitet zu jenem berühmten Foto, das den jungen Straßenkämpfer 1973 bei einem sogenannten Teach-in zum Häuserkampf im Frankfurter Westend zeigt. Gelangweilt, mit Zigarette im Mund, die Arme verschränkt, schaut er der Fotografin direkt in die Kamera. Es ist ein Foto, das längst zu einem Dokument der Zeitgeschichte geworden ist. Und es ist längst nicht das einzige des späteren deutschen Außenministers, das die Fotografin Abisag Tüllmann von ihm gemacht hat, und das nun für jedermann nutzbar auf der neuen Webseite bpk-archive.de/tuellmann/ der bpk-Bildagentur zu finden ist: Abisag Tüllmann hat dokumentiert, wie Fischer 1969 die „Al Fatah-Konferenz“ im Palais des Nations in Algier besuchte, wie er 1974 bei einem sogenannten Tribunal zu Thema „Foltert die Polizei?“ im Frankfurter Volksbildungsheim sprach, wie er 1987 sein Buch „Regieren geht über Studieren“ veröffentlichte.

Eine Frau hält einen Fotoapparat in der Hand
„Ich mit kurzen Haaren“ – Selbstporträt im Spiegel © bpk / Abisag Tüllmann

Und so geht es weiter, Seite für Seite: mit Adenauer, Kohl und Adorno, mit Mode, Kunst und Kultur, mit Fotos aus Israel, Südafrika und Simbabwe. Denn der neue Webauftritt, der am 7. Oktober, dem 85. Geburtstag Abisag Tüllmanns, offiziell online geht, bietet nicht nur einen leichten Einstieg in das riesige Werk dieser großen Fotografin. Er ist vor allem eine Fundgrube. Er zeigt anschaulich, wie ungemein arbeitsam Abisag Tüllmann war, wie vielfältig ihre Interessen und wie politisch ihr Blick auf die Welt. „Wenn ich die Leute dazu bringen kann nachzudenken, halte ich das schon für sehr viel“, hat sie einmal gesagt. Fast ihr ganzes Berufsleben arbeitete sie von Frankfurt aus, fotografierte das Wirtschaftswunderdeutschland, beobachtete die Studenten- und die Frauenbewegung, porträtierte Gastarbeiter und Obdachlose, reiste dorthin, wo die Brüche in der Gesellschaft am deutlichsten waren: zum Beispiel nach Rhodesien. Sie hielt den Menschen den Spiegel vor. Und widmete sich darüber hinaus intensiv dem Theater, etwa begleitete sie die Inszenierungen von Claus Peymann. Dabei schaffte sie ihre eigene Bildsprache, ihren eigenen Stil. Sehr fein war der und einfühlsam, manchmal fast poetisch.

Als sie 1996 starb, gehörte Abisag Tüllmann zu den bedeutendsten deutschen Fotografinnen des 20. Jahrhunderts. Viele ihrer Bilder haben sich tief in unser kulturelles Gedächtnis eingeprägt. Überaus umfangreich ist ihr Nachlass: Abisag Tüllmann, die Chronistin der alten Bundesrepublik, die für mehr als hundert Zeitungen und Zeitschriften tätig war, hinterließ mehr als 56.113 Originalabzüge, 8538 Negativfilme, rund 25.000 Farbdias und etwa tausend schriftliche Dokumente und Briefe. Während ihre Theaterfotografien vom Deutschen Theatermuseum München noch zu ihren Lebzeiten angekauft wurden, erwarb die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) später den übrigen Teil mit allen Rechten für die bpk-Bildagentur, mit ihren mehr als 12 Millionen Fotografien eine der umfangreichsten zeitgeschichtlichen Fotosammlungen Europas. Und als die Abisag-Tüllmann-Stiftung dann 2014 beschloss, die Stiftung aufzuheben und das Stiftungskapital der SPK großzügig zu übereignen, da öffnete sich eine ganz neue, großartige Perspektive: Es konnte damit begonnen werden, den zum Teil noch unveröffentlichten Nachlass der Fotografin vollständig zu sichten, zu erschließen und so einem großen Publikum zugänglich zu machen. Das ist das Ziel: „Mit unserem großangelegten Erschließungsprojekt wollen wir Abisag Tüllmann lebendig halten – und ihre Bekanntheit steigern“, sagt Christina Stehr, die stellvertretende Leiterin der bpk-Bildagentur.

Wand mit Plakaten, einer Telefonzelle und einem Getränkeautomaten
Telefonzelle und Getränkeautomat in Tokyo (1973) © bpk / Abisag Tüllmann

Aber wie erschließt man ein so großes Werk? Indem man die Kontaktbögen alle digitalisiert. Indem man Mitarbeiterinnen einstellt, die das umfangreiche Material sichten, die die Originalabzüge Tüllmanns abfotografieren und inventarisieren, deren Zustand dokumentieren, ausgewählte Motive einzeln erfassen, ebenfalls digitalisieren und Schlagworte vergeben. Denn das kann man sich heute kaum mehr vorstellen: Dass so ein Foto damals, in Zeiten der analogen Fotografie, das Ergebnis eines langen Arbeitsprozesses war, dass es ganz verschiedene Erscheinungsformen von ihm gab: das Negativ, den Originalabzug, einen späteren Abzug vielleicht von fremder Hand, und schließlich die in der Zeitung gedruckte Fotografie. Dass es also nicht nur um das Motiv und den Bildinhalt ging, sondern ganz besonders auch darum, wie der Fotograf sein Bild bearbeitete. Viele Stunden verbrachte Abisag Tüllmann in ihrer Dunkelkammer, um die Fotos so zu vergrößern. Am Ende trugen sie ihre Handschrift. Denn: „Abisag Tüllmann bildete Wirklichkeit nicht ab, sondern gestaltete sie“, wie Martha Caspers, die ehemalige Kuratorin des Historischen Museums Frankfurt, einmal gesagt hat. Diesem Werkcharakter gerecht zu werden, die Materialität des Fotos zu berücksichtigen, den Zusammenhang ihrer Entstehung zu zeigen, schließlich ihre Verwendung und Rezeption zu beschreiben – das ist die Aufgabe, der die Archivarinnen der bpk-Bildagentur gerecht werden mussten.

Eine Frau geht über die Straße, hinter ihr ein roter Doppeldeckerbus mit der Werbeaufschrift "Pan Am"
Straßenszene in London (1966) © bpk / Abisag Tüllmann

Wie gut sie ihnen gelungen ist, kann jeder sehen, der sich durch die neue Webseite bpk-archive.de/tuellmann/ klickt. Übersichtlich sind Bilder und Inhalte sortiert: „Zur Person“, „Zum Werk“, „Zum Nachlass“ lauten die Titel. Wer ein Bild sucht und es herunterladen möchte, der wird in den dreißig Themendossiers schnell fündig. Richtig Spaß macht es, mit der Lupe über die Kontaktbögen zu fahren, die Markierungen und handschriftlichen Anmerkungen zu sehen, die Abisag Tüllmann gemacht hat, die Informationen im Mouseover zu lesen, Datierung, Ort, Maße der einzelnen Bilder zu studieren, und ihr Material, etwa: Silbergelatine auf Barytpapier. Zu den Eigenschaften jedes Bildes finden sich ausführliche Hinweise, zu Stempel, Schäden und Beschriftungen. All das ist wichtig. „Denn im Fokus des Forschungsinteresses steht zunehmend auch der Objektcharakter historischer Fotografie“, erklärt Christina Stehr. Fotografie als Bildquelle, als Zeitdokument, das Textquellen ergänzt, ist das eine. Das andere ist Fotografie als materiell manifestierendes Objekt. Beide Aspekte werden in dem Abisag-Tüllmann-Projekt der bpk-Bildagentur vorbildlich berücksichtigt.

So ist es zu einem Pilotprojekt geworden, zum Vorbild für ähnliche Projekte. Und auch zu einem Test: Was ist alles möglich? Denn wie so viele Archive, Museen und Bibliotheken steht auch das bpk-Bildarchiv vor der Frage, wie es seine fotografischen Nachlässe am besten sichert, erschließt und zugänglich macht. Dazu gehört, neben exemplarischen Bildauswahlen vor allem die Findmittel der Originalbestände Schritt für Schritt digital zu erfassen. „Unser Profil als nachlassbewahrende Institution wollen wir damit schärfen“, sagt Christina Stehr. Eine regelrechte digitale Grundinventarisierung ist nötig - mit dem Ziel, weitere Forschung zu ermöglichen und noch stärker in den Austausch mit anderen Einrichtungen zu treten. Abisag Tüllmann ist also nur der Anfang. Und zwar ein besonders bezaubernder.

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