Viel mehr als eine Zweckgemeinschaft

13.06.2018Viel mehr als eine Zweckgemeinschaft

Gibt es eine gemeinsame europäische Identität? Und falls ja, was bedeutet das auf politischer und kultureller Ebene konkret? Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und seit neustem geschäftsführender Präsident von Europa Nostra, spricht über seine Visionen für Europas Kulturerbe - und warum er sich sowohl als Bayer, Deutscher und auch als Europäer fühlt.

Die Fragen stellte Claudia Fritzsche

März 2018: Hermann Parzinger trifft Emmanuel Macron in Paris, um über EYCH zu sprechen
März 2018: Hermann Parzinger trifft Emmanuel Macron in Paris, um über EYCH zu sprechen © Élysée-Palast

Herr Parzinger, warum gibt es ein Kulturerbejahr?

Weil es wichtig ist, das kulturelle Erbe Europas stärker in den Mittelpunkt zu rücken, ihm mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Kulturelles Erbe hat eine lokale, regionale, nationale und eben immer auch eine europäische Dimension – aber gerade letztere ist den Menschen in Europa oft viel zu wenig bewusst. Deshalb wollen wir diesen Aspekt im Europäischen Kulturerbejahr nachhaltig stärken, auch weil wir überzeugt sind, dass Kulturerbe einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der europäischen Identität leisten kann. 

Was ist das spezifisch Europäische am Europäischen Kulturerbejahr? 

Es ist diese Einheit in Vielfalt, die Europa und sein kulturelles Erbe auszeichnet. Das deutlich zu machen, die verbindenden Dinge, die unsere jeweiligen ‚nationalen‘ Kulturen gemeinsam haben, müssen wir den Menschen deutlicher vor Augen führen. Kulturerbe und Geschichte darf nicht mehr nur mit einem nationalstaatlichen Narrativ verbunden sein. Grenzüberschreitende Projekte, wie der Fürst-Pückler-Park in Bad Muskau an der deutsch-polnischen oder das Danewerk nahe der deutsch-dänischen Grenze setzen dabei besonders wichtige sichtbare Akzente.

Das Logo von Europa Nostra, dem europäischen Netzwerk von Nichtregierungsorganisationen, das sich für den Schutz des gemeinsamen Kulturerbes einsetzt
Das Logo von Europa Nostra, dem europäischen Netzwerk von Nichtregierungsorganisationen, das sich für den Schutz des gemeinsamen Kulturerbes einsetzt

Ist es gut, sich damit dezidiert vom nicht-europäischen Kulturerbe abzugrenzen? 

Eine solche Abgrenzung kann es gar nicht geben, weil die Grenzen Europas fließend sind und zur Geschichte und damit auch zum Kulturerbe Europas immer auch sein Verhältnis zu anderen Kulturräumen gehört. Das Mittelmeer trennt uns Europäer nicht von Nordafrika oder dem Nahen Osten, sondern verbindet uns, weil es zu allen Zeiten ein intensiver Kommunikationsraum war. Im Osten sind die Grenzen besonders schwer zu ziehen: Wo hört Europa kulturell auf, in Moskau, am Ural oder in Vladivostok? Menschen aus aller Welt kommen in immer größerer Zahl zu uns. Fragen, wie wir damit umgehen, was das für unsere Gesellschaft in Europa bedeutet und wie wir Integration wirklich schaffen können, sind eine Herausforderung für ganz Europa. Aber das vordringlichste Ziel des Europäischen Kulturerbejahres ist zweifellos, die europäische Identität und das Zusammengehörigkeitsgefühl derjenigen Menschen zu stärken, die heute in Europa leben. 

Wie können Kultur bzw. Kulturerbe helfen, eine europäische Identität zu stärken? 

Es ist wichtig, dass die Menschen in Europa verstehen, dass Europa nur eine Zukunft hat, wenn wir es nicht als reine Zweckgemeinschaft begreifen, die nur funktioniert, wenn alle etwas davon haben, und die sofort zu zerfallen droht, wenn ernsthafte Probleme auftreten; das erleben wir derzeit besonders stark. Kulturerbe ist materialisierte Geschichte in Form von Bauten, Denkmälern, Kunstwerken, Alltagsobjekten und vielem mehr; Dingen, denen wir teilweise täglich begegnen. Kulturerbe hat dadurch eine enorme Identifikationskraft und eine politische und gesellschaftliche Dimension. Es kann die emotionale Verbundenheit mit Europa stärken, wenn wir die Gemeinsamkeiten besser aufzeigen. Genau das wollen wir tun. 

„Es ist wichtig, dass die Menschen in Europa verstehen, dass Europa nur eine Zukunft hat, wenn wir es nicht als reine Zweckgemeinschaft begreifen“

Hermann Parzinger

Was bedeutet es für Sie, Europäer zu sein? 

Nach all den Wirrungen, Kriegen und Feindschaften über Jahrhunderte haben wir nach 1945 enorme Fortschritte erreicht. Europa ist ein Friedensraum geworden, und doch spüren wir in jüngster Vergangenheit, dass erstens die Menschen das allmählich vergessen oder als Selbstverständlichkeit hinnehmen, für die sie nichts mehr tun zu müssen meinen. Und zweitens geraten genau diese Errungenschaften inzwischen in Gefahr. Wir müssen deshalb etwas tun und dürfen Europa nicht nur den Politikern überlassen. Für mich persönlich heißt Europäer zu sein, dass ich die europäische Dimension meines Seins und meines kulturellen Selbstverständnisses immer mitdenke. Ich bin nicht nur Bayer und Deutscher, sondern eben auch Europäer. 

Vom 18. bis 24. Juni findet in Berlin der European Cultural Heritage Summit statt, der von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz mitorganisiert wurde. Welches Ziel hat der Summit? Was wollen Sie erreichen? 

Auf Ebene der europäischen Institutionen und der Europäischen Kommission gibt es in der letzten Zeit positive Entwicklungen, man scheint die strategische Bedeutung von Kultur und Kulturerbe für die Weiterentwicklung Europas erkannt zu haben. Verschiedene Förderprogramme sind im Gespräch, zum Beispiel an einer „New European Agenda for Culture“ wird gearbeitet. Insofern findet das Europäische Kulturerbejahr und insbesondere dessen Summit Ende Juni in Berlin genau zum richtigen Zeitpunkt statt. Und wir haben immer gesagt, Kulturerbejahr und Summit sind für uns keine netten Veranstaltungen mit Sonntagsreden, sondern am Ende muss etwas dabei herauskommen, das Nachhaltigkeit schafft.

European Cultural Heritage Summit 2018

Gemeinsam mit Europa Nostra und dem Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz veranstaltet die Stiftung Preußischer Kulturbesitz den European Cultural Heritage Summit “Sharing Heritage – Sharing Values”. Das Programm des Summits bietet eine Woche mit zahlreichen politischen, fachlichen und öffentlichen Veranstaltungen rund um das Thema „Sharing Heritage–Sharing Values“. Die Veranstaltungen werden entweder von den drei Gastgebern des Summits oder von einem der zahlreichen Partner aus ganz Europa organisiert.

European Cultural Heritage Summit 2018

Dazu gehören die Etablierung und Finanzierung europäischer Förderprogramme, die auf den nationalen Aktivitäten – die Bewahrung des Kulturerbes ist ja Aufgabe der Mitgliedsstaaten der EU – aufsetzen und vor allem ihre europäische Dimension stärken. Dazu gehören aber auch die Stärkung von Innovation und Kooperation in Europa, der intensivere Einbezug von Jugendlichen und der Zivilgesellschaft insgesamt. Wir müssen eine gemeinsame strategische Vision für Europas Kulturerbe aufbauen.

Das Projekt Winzerberg aus Potsdam ist einer der diesjährigen Preisträger des European Union Prize for Cultural Heritage © Roland Schulze
Das Projekt Winzerberg aus Potsdam ist einer der diesjährigen Preisträger des European Union Prize for Cultural Heritage © Roland Schulze

Gibt es ein Beispiel/ein Projekt für Kulturerhalt, das Sie besonders beeindruckt hat? 

Das Schöne ist ja, dass es unendlich viele tolle Projekte gibt, und das macht Mut. Nehmen wir den Fürst-Pückler-Park von Bad Muskau, da beeindruckt einfach die grenzüberschreitende deutsch-polnische Dimension, beide Länder bekennen sich dazu. Oder das Vorhaben „Der Winzerberg – königlicher Weinberg im Schloss Sanssouci in Potsdam“, bei dem sich mehr als tausend Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung engagiert haben, um den Zerfall und damit endgültigen Verlust dieses Monumentes zu verhindern. Das zeigt, welche Identifikations- und auch Mobilisationskraft von Kulturerbe ausgehen kann.

Was sind die Gefahren, wenn man kulturelles Erbe vernachlässigt? 

Wer kulturelles Erbe vernachlässigt, vergisst seine Geschichte und verliert irgendwann seine Identität. Wenn Kulturerbe nicht gepflegt wird, sondern verfällt oder gar zerstört wird, ist es unwiederbringlich verloren, da ist dann etwas sehr Endgültiges. 

Wie geht man mit (vermeintlich) schwierigem Kulturerbe um? 

Es ist schwer, das so ganz allgemein zu beantworten, weil die Schwierigkeit ja in ganz unterschiedlichen Bereichen liegen kann. So gibt es Kulturerbe, das auf problematischen Wegen erworben wurde, z. B. NS-Raubkunst oder koloniale Sammlungen in unseren Museen. Schwierig sind aber auch Monumente, die uns verbrecherische Regime hinterlassen haben, bei diesen ist Aufklärung für die Besucher besonders zentral, sie können im Rahmen einer gelungenen Erinnerungskultur eine wichtige Rolle spielen. Im Prinzip muss es immer darum gehen, sich auch schwierigem Kulturerbe mit einem Höchstmaß an Offenheit, Kritik bzw. Selbstkritik und Transparenz zu stellen und nichts zu verschweigen, aber auch ideologisch geleitete Missdeutungen, Überzeichnungen und Entstellungen nicht zuzulassen, egal, aus welcher Richtung sie kommen. 

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