Härtetest Pandemie: Wenn man nur noch digital ins Museum kann

11.06.2020Härtetest Pandemie: Wenn man nur noch digital ins Museum kann

Digitalisierung der Museumslandschaft auf dem Prüfstand: Monika Hagedorn-Saupe und Hermann Parzinger über Bedarf und Chancen unter den veränderten Vorzeichen der Pandemie-Erfahrungen

Die Fragen stellte Maite Kallweit

Augmented Reality in der Gemäldegalerie
Augmented Reality in der Gemäldegalerie © SMB

Seit 2018 leitet Monika Hagedorn-Saupe das von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien geförderte Verbundprojekt musem4punkt0 für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Für Stiftungspräsident Hermann Parzinger ist die Frage, wie digitale Technologien Nutzererfahrungen, Besuchererlebnisse oder Wissensvermittlung sinnvoll ergänzen können, entscheidend im digitalen Transformationsprozess des Kulturbereichs.

Die Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus haben in den letzten Wochen den Kulturbereich insgesamt stark verändert. Die digitalen Möglichkeiten von Museen und anderen Kultureinrichtungen wurden auf den Prüfstand gestellt.

Frau Hagedorn-Saupe, Herr Parzinger: Was haben uns die notwendigen Schließungen der Häuser im Hinblick auf das Verhältnis von digitalen und analogen Angeboten in Museen gezeigt?

Parzinger: Es wurde sehr schnell deutlich, dass ein gutes digitales Angebot von zentraler Bedeutung ist, weil es unseren Zugang zum Kulturerbe erheblich erweitern kann, und in Pandemiezeiten ist es sogar der einzige Zugang. Das stellt uns aber auch vor neue Herausforderungen. Forschung, Bewahrung und Vermittlung haben einerseits analoge Objekte zum Ausgangspunkt, andererseits schaffen digitale Techniken neue Möglichkeiten. Jetzt gilt es zu sehen, was gut läuft, was sich bewährt, und wo Erweiterungsbedarf besteht.

Natürlich war die SPK auch vor der Corona-Krise schon intensiv darum bemüht, seine digitalen Angebote kontinuierlich auszubauen, dazu laufen verschiedene Projekte und Prozesse. Die „Digitale Transformation“ ist ein übergeordnetes, langfristiges Vorhaben, ein tiefgreifender Veränderungsprozess aller Arbeitsbereiche von der Verwaltung bis zur Vermittlung. Hinzu kommen der Ausbau spezifischer Kompetenzen, wie zum Beispiel in der 3D-Digitalisierung mit dem Projekt „Zedikum“, oder eben museum4punkt0, in das wir größte Hoffnungen setzen bei der Entwicklung digitaler Anwendungen. 

Der derzeitige Stresstest kann uns dabei Ausbaupotentiale noch deutlicher aufzeigen. So hat uns durchaus überrascht, welche kurzfristige Aufmerksamkeit zum Beispiel ein gelungener Social Media-Beitrag generieren kann. Doch wir müssen auch langfristig und strategisch denken, und da ist die Entwicklung von stärker auf bestimmte Zielgruppen orientierten, aber auch nutzerfreundlichen und wissenschaftlich fundierten Formaten entscheidend. Wir sind dafür nicht schlecht aufgestellt, und trotzdem besteht im europäischen und internationalen Vergleich durchaus Nachholbedarf.

Hermann Parzinger probiert eine VR-Anwendung von museum4punkt0 aus
Hermann Parzinger probiert eine VR-Anwendung von museum4punkt0 aus © SPK/photothek.net/Florian Gaertner

Hagedorn-Saupe: Um ebensolche zielgruppenorientierte und nutzerfreundliche Formate wissenschaftlich fundiert zu entwickeln, bietet museum4punkt0 einen – gerade in diesen Zeiten – dringend notwendigen Testraum, in dem unterschiedlichster Akteure im Verbund arbeiten. Auswertungen prototypisch entwickelter Anwendungen und Praxistests sollen die beteiligten Institutionen ebenso wie Fachkolleg*Innen darin unterstützen, die digitalen Strategien ihrer Häuser weiterzudenken. 

Langfristig und umfassend gedacht war bereits von Beginn an der Blick auf die gesamte „Visitor Journey“, also das Museumserlebnis vor, während und nach dem Besuch gerichtet. Das Teilprojekt der Staatlichen Museen zu Berlin hat diesen Ansatz konsequent verfolgt. Aber auch in anderen Teilprojekten gehen die Entwicklungen digitaler Anwendungen über reine Inhouse-Angebote hinaus: Der Verbundpartner Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz etwa bezieht in seinem Teilprojekt Bürgerwissenschaftler*innen in die digitale Vermittlung mit ein oder ermöglicht es, wie viele andere Projekte in museum4punkt0, spielerisch mit Museumsobjekten Kontakt aufzunehmen. In einer eventuellen zweiten Projektphase sollte vor dem Hintergrund der aktuellen Erfahrungen darauf geachtet werden, Zugänge zu digitalen Angeboten noch stärker unabhängig von der physischen Anwesenheit in einem Haus zu gestalten. 

Monika Hagedorn-Saupe
Monika Hagedorn-Saupe ©museum4punkt0

In museum4punkt0 entwickeln und testen unterschiedliche Kultureinrichtungen über vier Jahre digitale Vermittlungstools für Museen mit dem Ziel, gewonnene Erkenntnisse zu teilen. 

Wie kann es in einem solchen Projekt gelingen, einen Beitrag zur Stärkung der deutschen Museumslandschaft in der digitalen Transformation zu leisten?

Parzinger: Dank der großzügigen Förderung durch den Bund werden Pilotprojekte möglich, die in den verschiedenen beteiligten Häusern konkrete Anwendungsszenarien entwickeln sollen. Dabei gilt es, die Besonderheiten der jeweiligen Einrichtung zu berücksichtigen. Ein Museum für Gegenwartskunst ist mit anderen Herausforderungen und Erwartungen konfrontiert als ein Museum für Archäologie. Die Erfahrungen, die wir dabei machen, können auf andere, ähnlich strukturierte Museen in Deutschland übertragen werden. Gerade deshalb war es so wichtig, dass wir Häuser sehr unterschiedlicher Größen und Museumstypen unter dem Dach des Verbundprojekts museum4punkt0 zusammenbringen. Diese besondere Art der Vernetzung und des Erfahrungsaustausches stärkt die Museen bei der Bewältigung des digitalen Wandels. Das Vorhaben museum4punkt0 hat in dieser Richtung bereits viel erreicht.

Hagedorn-Saupe: Ziel von museum4punkt0 ist es, die vielfältigen Erfahrungen aus den einzelnen Projekten für die deutsche Museumslandschaft zugänglich und weiter nutzbar zu machen. Hierzu werden die einzelnen Ergebnisse, von nachnutzbaren digitalen Anwendungen, über breit angelegte Evaluationen bis zu Erfahrungsberichten und praktischen Hinweisen zu den strukturellen Voraussetzungen des Einsatzes digitaler Anwendungen im Museum, aufbereitet und möglichst nutzerfreundlich veröffentlicht. Die Projektwebsite wird als Plattform für den Zugang zu den Projektergebnissen und zur Information über das Projekt fortlaufend ausgebaut. 

Für die Verbundarbeit ganz entscheidend ist die häuserübergreifende Zusammenarbeit von Experten, die im ständigen Austausch mit einander stehen. Das bei der SPK angesiedelte Projektteam koordiniert den Wissenstransfer im Verbund und in die Museumslandschaft, es begleitet die Teilprojekte und vernetzt museum4punkt0 mit weiteren Institutionen, die im Bereich digitale Vermittlung aktiv sind. In einer eventuellen weiteren Förderphase müssen der Erfahrungsaustausch in verschiedenen Veranstaltungsformaten weiter ausgebaut und die Kommunikation der Projektaktivität gestärkt werden.

Worin liegen die Chancen des Verbundprojektes museum4punkt0 gerade jetzt?

Parzinger: Es ist zum Beispiel von besonderer Bedeutung, über spontan entstandene Online-Angebote hinaus in innovativen Projekten auf verändertes Besuchsverhalten reagieren zu können. 

Hagedorn-Saupe: In museum4punkt0 werden solche auf das veränderte Besuchsverhalten zugeschnittene Projekte entworfen. Darüber hinaus testen die Projektpartner*innen die Praxistauglichkeit ihrer innovativen Ideen und stellen ihr Know-how zu Verfügung. Dabei können Defizite erkannt und folglich neue Bedarfe aufgezeigt werden. Beispielsweise stellen die infolge der Pandemie verstärkten Hygienemaßnahmen neue Anforderungen auch an die digitale Vermittlung im Museum. So sehen wir heute, dass digitale Anwendungen weiter in Richtung Nutzung eigener Endgeräte, also dem Prinzip BYOD (Bring Your Own Device) folgend, entwickelt werden sollten.

Sehen wir nun klarer, was Museen brauchen? 

Parzinger: Die Ausweitung der digitalen Angebote können die verschiedenen Museen in Deutschland nicht aus eigener Kraft stemmen. Das ist auch eine Frage der personellen und finanziellen Ressourcen, denn die bisher zu leistende ‚analoge‘ Arbeit wird ja nicht ersetzt, sondern sie läuft neben dem digitalen Wandel weiter, der als neue Herausforderung hinzutritt. Im Rahmen von museum4punt0 sehen wir klarer, was Museen und deren Mitarbeiter*innen brauchen. Das versuchen wir in unseren Planungen auch zu berücksichtigen. 

Corona-Hinweise für Museumsbesucher*innen
Corona-Hinweise für Museumsbesucher*innen © SPK/Thomas Imo/photothek.net
AR-Testing bei museum4punkt0
AR-Testing bei museum4punkt0 © SMB/Ceren Topcu

Hagedorn-Saupe: Ja, eindeutig, denn wir können erkennen, was alles noch nicht funktioniert, wo die Infrastruktur ausgebaut werden muss, wo Mitarbeiter*innen geschult werden sollten, was schon machbar wäre, wenn es mehr geeignete, auch für kleine Einrichtungen gut nutzbare Tools und Anwendungen gebe. Wir sehen auch, dass ein rein digitaler Museumsrundgang nicht wirklich befriedigt, sondern dass zum Beispiel interaktive Geschichten oder auch ein Blick hinter die Kulissen besser angenommen werden. Es geht darum, digital zu denken und Formate zu entwickeln, die mehr sind als ein Abfilmen des Analogen. Und darum, es den vielen nun noch stärker motivierten Institutionen zu ermöglichen, Digitalität im Sinne eines produktiven Miteinanders von digital und analog umzusetzen.

Die Kommunikationswege haben sich in den letzten Monaten abrupt in wohl fast allen Arbeitsbereichen stark verändert. Zeigt sich gleichwohl der Bedarf an Austausch in Krisenzeiten besonders? Wie finden Sie als Leitungen komplexer Projekte bzw. Einrichtungen generell den richtigen Weg zwischen konstruktivem Austausch, hilfreichen Synergien und Berücksichtigung der Vielfalt im Ganzen?  

Parzinger: Ein intensiver Erfahrungsaustausch ist zentral, wenn ein Verbundprojekt wie museum4punkt0 zum Erfolg führen soll, anders geht es schlicht nicht. Diese Erfahrungen machen wir ja auch immer wieder aufs Neue innerhalb einer so komplexen, heterogenen kulturellen Einrichtung wie der SPK mit ihren Museen, Bibliotheken, Archiven und Forschungsinstituten, sie alle mit ihren besonderen Erwartungen und Herausforderungen beim digitalem Wandel. In der derzeitigen Krise erproben wir dabei zum Beispiel neue Wege der Kommunikation über Video-Konferenzen. Natürlich können sie analoge Treffen nicht ersetzen, und doch lässt sich manches so effizienter organisieren. Das wird gewiss für die Zukunft bleiben. 

Hagedorn-Saupe: Hier haben wir als „digitales“ Projekt einen Vorteil: Der kreative Umgang mit digitalen Medien ist vielfältig im Projekt und wird nun auch verstärkt für die Projektarbeit selbst eingesetzt. Wir teilen auch diese Erfahrungen und berichten über den persönlichen Arbeitsalltag unserer Mitarbeiter*innen in unserem Blog, etwa über die Abnahme von Projektergebnissen in Zeiten der Kontaktsperre oder über einen neuen Blick auf das Nutzungsverhalten aus dem eigenen Home Office. Wir sehen aber auch, dass für das digitale „remote“-Arbeiten die Infrastruktur (Videoplattformen, geschützte Arbeitsräume etc.) weiterentwickelt und besser aufeinander abgestimmt sein müssten. Auch in diesem Bereich wächst der Bedarf an digitalen Kommunikations- und Veranstaltungsformaten, die durchdacht und dem jeweiligen Setting angepasst sein müssen – und auch das fordert Ressourcen. Und auch wir vermissen den schnellen Austausch in der Teeküche und freuen uns auf ein in Zukunft hoffentlich wieder ausgeglicheneres Verhältnis von Distanz und Nähe.  

Monika Grütters bei museum4punkt0
Monika Grütters bei museum4punkt0 © SPK/photothek.net /Janine Schmitz

Rettungs- und Zukunftspaket Kultur

Das „Rettungs- und Zukunftspaket Kultur“, das der Koalitionsausschuss Anfang Juni 2020 auf den Weg gebracht hat, sieht eine Stärkung der Digitalisierungsoffensive der Staatsministerin für Kultur und Medien vor. In diesem Rahmen sollen auch Mittel für museum4punkt0 bereitgestellt werden.

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