Michael Eissenhauer

27.04.2018„Vielfalt, die begeistert“ – Michael Eissenhauer

Der Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin ist Verwalter eines weltweit einzigartigen Verband aus 15 herausragenden Einzelsammlungen in 17 verschiedenen Museumsgebäuden. Und außerdem noch Direktor der Gemäldesammlung. Hier erzählt Michael Eissenhauer, wie er diese Herausforderungen meistert.

Was hat sich in den Staatlichen Museen zu Berlin in den letzten zehn Jahren geändert?

Für die Staatlichen Museen zu Berlin als Gesamtheit ist augenfällig, dass in den letzten zehn Jahren ein fast vollständiger Generationenwechsel unter den Museumsdirektorinnen und -direktoren stattgefunden hat. Eben diese Tatsache ist ja auch Anlass für diese Interviewreihe! Aber auch in der Generaldirektion wurden die meisten Leitungspositionen neu besetzt. Durch die damit einhergehende Einführung einer neuen Abteilungs- und Referatsstruktur wurden viele Arbeitsabläufe gestrafft und die interne Kommunikation entscheidend verbessert.

Auf welches Projekt, welche Ausstellung, welche Publikation sind Sie besonders stolz und warum?

Es ist uns gelungen, ein gemeinsames und einheitliches Museumsdokumentationssystem für alle 15 Museumssammlungen und die vier Forschungsinstitute der Staatlichen Museen zu Berlin zu schaffen. Es war ein langer und mühsamer Weg, die unterschiedlichen proprietären Datenbanken der einzelnen Sammlungen in eine gemeinsame Datenbank zu überführen. Seit 2012 sind dadurch erstmals auch alle Sammlungen in einer einheitlichen Online-Datenbank – SMB-digital – recherchierbar. Natürlich sind noch bei weitem nicht alle Sammlungen und Objektinformationen online verfügbar, aber inzwischen arbeiten alle Einrichtungen gemeinsam auf dieses Ziel hin. Das erfüllt mich mit Stolz! 

Michael Eissenhauer
Michael Eissenhauer © SMB/David von Becker

Als Generaldirektor freue ich mich zudem immer besonders über sammlungsübergreifende Publikationen, wie zum Beispiel den prachtvollen Band „25000 Jahre Schmuck“ (2013), der aus unseren Sammlungen Schmuckstücke aus allen Zeiten der Menschheitsgeschichte und allen Weltteilen und Kulturen vorstellt. Aber dies ist nur ein Beispiel von vielen!

Mit Freude und Dankbarkeit erfüllen mich in der täglichen Arbeit die freundschaftliche Zusammenarbeit mit Frau Haak und der hervorragende Teamgeist in der Generaldirektion. 

Womit sind Sie am schönsten gescheitert?

„Die Kunst der Aufklärung“ (2011/2012) war eine wunderbare Ausstellung und eine exzellente Kooperation mit den Kollegen in Dresden und München, aber unsere ursprünglich mit diesem Projekt verknüpften Hoffnungen auf langfristige Kontakte und Zukunftsperspektiven in der Zusammenarbeit mit China haben sich vor dem Hintergrund der Verhaftung Ai Weiweis und auch danach nicht im einst erhofften Maße erfüllt. 

Michelangelo Merisi Caravaggio, Armor als Sieger, um 1602, Öl auf Leinwand
© Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Jörg P. Anders

Gemäldegalerie

Die Gemäldegalerie besitzt eine weltweit bedeutende Sammlung europäischer Malerei vom 13. bis 18. Jahrhundert. Meisterwerke aus allen kunsthistorischen Epochen, darunter Gemälde von Jan van Eyck, Pieter Bruegel, Albrecht Dürer, Raffael, Tizian, Peter Paul Rubens, Rembrandt und Jan Vermeer van Delft sind hier ausgestellt. Vor allem die deutsche und italienische Malerei des 13. bis 16. sowie die niederländische Malerei des 15. bis 17. Jahrhunderts lassen sich hier ausgezeichnet bewundern. Seit 1998 sind die Gemälde der Sammlung am Berliner Kulturforum zu sehen.

Website der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin

Was hat Sie am meisten überrascht?

„Überraschung“ trifft es nicht ganz, lassen Sie mich lieber von „Faszination“ sprechen: Was mich wirklich immer wieder fasziniert und begeistert, ist die unglaubliche Vielfalt unserer Sammlungen. Diese enorme Bandbreite versetzt uns in die Lage, die verschiedensten gesellschaftlich relevanten Themen und Phänomene exquisit und ohne Leihgaben umzusetzen. Ich denke dabei etwa an die Ausstellung „Bart – Zwischen Natur und Rasur“, die eine witzige und innovative Komposition ausschließlich unserer eigenen Sammlungsbestände war.

Als Direktor der Gemäldegalerie und der Skulpturensammlung schmerzt mich außerdem, dass der Plan einer Zusammenführung der Sammlungen in einem Erweiterungsbau auf der Museumsinsel bislang nicht realisiert und auf eine unkonkrete Zukunft verschoben wurde.

Alte Meister in neuem Licht – 2017 wurde die grundlegend erneuerte Wandelhalle in der Gemäldegalerie für die Besucher geöffnet
Alte Meister in neuem Licht – 2017 wurde die grundlegend erneuerte Wandelhalle in der Gemäldegalerie für die Besucher geöffnet © David von Becker

Eine faszinierende Entdeckung ist zum Beispiel auch der Reichtum unserer musikethnologischen Sammlung, die allein 140.000 Tondokumente umfasst. Ebenso faszinierend – um ein ganz anderes Beispiel zu nennen – finde ich aber auch die Sorgfalt und Tiefe der Dokumentation, auf die das Zentralarchiv seit seiner Gründung den allergrößten Wert gelegt hat.

Juni 2016: Vorbereitung der Ausstellung "El Siglo d'Oro" in der Gemäldegalerie
Juni 2016: Vorbereitung der Ausstellung "El Siglo d'Oro" in der Gemäldegalerie © Staatliche Museen zu Berlin / Daniel Hofer

Wo sehen Sie die Staatlichen Museen 2028 – Was sollte in den nächsten zehn Jahren passieren?

Wenn man zukunftsfähig agieren möchte, muss man alles, was man tagtäglich tut, kritisch hinterfragen. Insofern sind wir einem andauernden Reform- und Veränderungsprozess unterworfen, dessen Ziel es ist, den weltweit einzigartigen Verband aus 15 herausragenden Einzelsammlungen in 17 verschiedenen Museumsgebäuden als historisch gewachsene Großskulptur zu erhalten. Ihre Einheit ist die Gewähr für den glänzenden Ruf der Staatlichen Museen zu Berlin als eine der besten Museumssammlungen der Welt. Vor diesem Hintergrund bauen wir sammlungsübergreifende Kooperationen kontinuierlich und zielstrebig aus, und ich wünsche mir, dass die internationale Sichtbarkeit dieses einzigartigen Museumsverbunds in all seinen Kernbereichen – von Ausstellungen bis hin zur Vermittlungsarbeit – weiter zunimmt. Hierbei wird die digitale Transformation sicherlich eine entscheidende Rolle spielen. 

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