Melodien für Millionen, oder: Wovon lebt eigentlich ein Komponist?

28.10.2016Melodien für Millionen, oder: Wovon lebt eigentlich ein Komponist?

Mozart starb verarmt, Beethoven regte sich über jeden verlorenen Groschen auf – und Ferruccio Busoni? Welche Rolle spielte das Geld im Leben des gefeierten Pianisten und Wegbereiters der modernen Musik?

Von Beatrix Obal

1924 musste Gerda Busoni leidvoll feststellen: Frau eines großen Künstlers zu sein, garantiert keine finanzielle Sicherheit. Nach dem Tod Ferruccio Busonis musste seine Witwe die Privatbibliothek des Komponisten verkaufen, um nicht zu verhungern. 5.000 Bände, darunter – wertvolle, buchkünstlerisch gestaltete Exemplare, wurden komplett veräußert. Trifft also auch auf Busoni das Klischee des brotlosen Künstlers zu? Keineswegs: der international gefeierte Konzertpianist und angesehene Professor der Meisterklasse für Komposition an der Preußischen Akademie der Künste verfügte über ein stattliches Einkommen. Sein gehobener Lebensstandard lässt sich u.a. an seinen zwei Wohnsitzen ablesen. Busoni war nicht nur Eigentümer eines Hauses am gutbürgerlichen Berliner Viktoria-Louise-Platz, sondern nannte auch ein Refugium in Zürich sein eigen. Zudem besaß er neben der bereits erwähnten umfangreichen Privatbibliothek eine erlesene Kunstsammlung mit Werken von zeitgenössischen Künstlern wie Umberto Boccioni und Max Oppenheimer.

Ferrucio Busoni in seiner Berliner Wohnung
Ferrucio Busoni in seiner Berliner Wohnung um 1910 © bpk

Konzertieren, Lehren, Komponieren: Für die Kunst und fürs Konto

Die Grundlage seines Vermögens hatte Busoni als Pianist auf Konzertreisen erworben. Allein in Amerika absolvierte er vier Tourneen. Seine Erfolge auf den internationalen Konzertbühnen machten ihn auch als Komponist weltbekannt. Darüber hinaus machte Busoni sich durch seinen 1907 erschienenen Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst einen Ruf als Theoretiker. Dieses Renommee führte dazu, dass ihm 1913 die Leitung des angesehenen Liceo Musicale in Bologna und 1920 eine prominente Position an der Preußischen Akademie der Künste in Berlin angeboten wurden. Damit verbunden war nicht nur ein stattliches Gehalt, die Stellen gewährten auch großzügige zeitliche Freiräume zum Komponieren.

Busonis Dilemma war, dass er dem aufreibenden Leben als Klaviervirtuose den Raum für kompositorisches Schaffen abtrotzen musste – Anerkennung (und Einkommen) erhielt er sein Leben lang vor allem als interpretierender und kaum als schaffender Künstler.

Hier kommt der Verlag Breitkopf & Härtel ins Spiel, der bereits 1883 mit dem damals erst siebzehnjährigen Komponisten Kontakt aufgenommen hatte und drei Jahre später dessen erste Kompositionen veröffentlichte. Als Vermittler zwischen „Kunst und Kommerz“ war der Verlag dafür verantwortlich, dass Busonis Manuskripte gedruckt, verbreitet, beworben und schließlich verkauft werden konnten. Den Verlagschef von Breitkopf & Härtel, Oskar von Hase, hatte Busoni 1885 persönlich in Leipzig kennengelernt und stand seitdem in lebhafter Korrespondenz mit ihm: tatsächlich wird die Zahl seiner Briefe an den Verlag nur von denen an seine Frau übertroffen. Der Verlagsbriefwechsel gibt (unter anderem) Aufschluss über den Entstehungsprozess von Busonis musikalischem Gesamtwerk, das fast vollständig bei Breitkopf & Härtel veröffentlicht wurde – darunter auch die populären Bach-Bearbeitungen und die von Busoni herausgegebene Bach-Ausgabe.

Bach-Bearbeitung von Ferruccio Busoni
Busonis Bearbeitung von Johann Sebastian Bachs Orgelchoralvorspiele für Klavier, erschienen 1898 bei Breitkopf & Härtel © Staatsbibliothek zu Berlin – PK
Ferruccio Busoni, 1898
Der Komponist und sein „Alter Ego“: Busoni (hier um 1898) übersetzte Bach für das Klavier des 20. Jahrhunderts © Staatsbibliothek zu Berlin – PK

In Briefen an den Verlag bedauert Busoni übrigens nachdrücklich, dass diese Bearbeitungen bei Verleger wie Publikum beliebter waren als seine Originalkompositionen (was bis heute gilt). Eine Schätzung der Einnahmen Busonis aus Notenverkäufen ist angesichts des Umfangs der in Frage kommenden Werke kaum möglich. Vor allem aber sind die in Betracht zu ziehenden Faktoren zu zahlreich: Wie hoch waren Honorar und Verkaufspreis in Abhängigkeit von ihrer tatsächlichen Kaufkraft? Welchen Anteil bekam der Komponist? Wie hoch war die Auflage? Wie viele Exemplare wurden verkauft? etc.

Sicher ist, dass er dank der Zusammenarbeit mit Breitkopf & Härtel mit einem regelmäßigen Einkommen rechnen konnte. Hier offenbart sich ein zentrales Dilemma Busonis: nicht nur, dass er dem aufreibenden Leben als Klaviervirtuose den Raum für kompositorisches Schaffen abtrotzen musste – Anerkennung (und Einkommen) erhielt er sein Leben lang vor allem als interpretierender und kaum als schaffender Künstler.

Einladung zu Busonis Klavierorchesterabenden
Josef Sattler (1867-1931), Einladung zu „Ferruccio Busoni's Cyclus von 4 Clavierorchesterabenden“ 1898 © Foto: Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin

Eine weitere Einnahmequelle des Komponisten waren Aufführungstantiemen. Dabei handelt es sich um jenen Anteil der Einnahmen aus Aufführungen, die der Komponist für sein geistiges Eigentums erhält – ein heute völlig übliches Verfahren, das jedoch erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts juristisch geregelt wurde. An der Durchsetzung der Rechte von Komponisten an ihren Werken hatten die (Musik-) Verleger übrigens entscheidenden Anteil. Busoni konnte sich also einen angenehmen Lebensstandard leisten. Dass er dennoch seiner Witwe kein wirkliches Erbe hinterließ, mag – ganz banal – daran gelegen haben, dass er schlicht nicht mit Geld umgehen konnte.

Erschwert wurde die Situation von den massiven wirtschaftlichen Auswirkungen des Ersten Weltkriegs. Aus Briefen Busonis geht hervor, dass die Kriegserklärung Italiens 1916 für ihn als Konzertpianist, der sich zu strikter Neutralität bekannte, einem Auftrittsverbot dort gleichkam.

Dem Chefdirigenten des Tonhalle-Orchesters in Zürich, Volkmar Andreae, schrieb er deshalb über seine Sorge vor finanziellen Verlusten. Auch in seiner Verlagskorrespondenz finden die von den politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Nachkriegszeit ausgelösten Sparzwänge ihren Niederschlag – auch wenn der Komponist nur begrenztes Verständnis für die Sparmaßnahmen seines Verlags zeigte. Die Wiederaufnahme einer intensiven Konzerttätigkeit nach dem Ende des Ersten Weltkriegs dürfte Busoni zunächst finanzielle Erleichterung verschafft haben. Dann kam die Inflation, die große Teile seines Vermögens vernichtete. Trotz schwerer Erkrankung versuchte er die Verluste durch weitere Konzerttourneen auszugleichen. Nach einem Auftritt mit den Berliner Philharmonikern im Mai 1922 reichten seine Kräfte für große Konzerte nicht mehr aus. Erst Ende 1923 konnte die Inflation gestoppt werden - zu spät für Busoni, der im Juli 1924 starb.

Banner zur Ausstellung Busoni. Freiheit für die Tonkunst!
© SPK / linksbündig

„BUSONI. Freiheit für die Tonkunst!“

Der Katalog zur Ausstellung – ein Musikerleben in 14 Essays

Vom 4. September 2016 bis 8. Januar 2017 erzählte die Ausstellung in der Kunstbibliothek in 11 Stationen aus Busonis Leben und Wirken: vom „Wunderkind” zum „Lehrer”, von den „Reisen” ins „Exil”. Sie wurde organisiert durch die Staatsbibliothek zu Berlin, das Staatliche Instituts für Musikforschung und die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin. Der Katalog vertieft die Ausstellung und beleuchtet erstmals Busonis universalistisches Interesse an Musik, Kunst und Kultur seiner Zeit.

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