Was mit der Fassade der Bauakademie geschah: Spur der Steine

07.05.2018Was mit der Fassade der Bauakademie geschah: Spur der Steine

Schinkels Bauakademie war zwar ein klarer, funktionaler Bau – hatte aber trotzdem eine mit Terrakotten reich geschmückte Fassade. Nach dem Abriss 1961 gelangten diese Plastiken auf Umwegen in die verschiedensten Depots und Sammlungen – auch in die der Staatlichen Museen zu Berlin. Elke Blauert hat den Schinkel’schen Terrakotten nachgespürt.

Von Elke Blauert

Auf dem Gelände des alten Packhofes am Westufer der Spree, gegenüber dem Zeughaus und dem Berliner Stadtschloss, errichtete Karl Friedrich Schinkel von 1832–36 das neue Gebäude für die 1799 unter dem Namen „Königliche Bauakademie zu Berlin“ gegründete „Allgemeine Bau-Unterrichtsanstalt“ , die von 1831 bis 1848 die Bezeichnungen „Allgemeine Bauschule“ führte und ab 1844 das Schinkel Museum, Europas erstes Personalmuseum beherbergte. Das Schinkels eigene Leitlinien beim Bauen: „das Betonen der Konstruktion durch die Gliederung, offenes Zur-Schau-Stellen des Materials, kein Bauteil ohne Zweckbestimmung, alles knapp, klar und echt“ erfüllte die von seinen Gegnern „roter Kasten“ genannte Bauakademie in hohem Maßen – kein Wunder also, dass die Bewunderer die Funktionalität und ernste Schönheit des Baus lobten.
Die Bauakademie
Die Bauakademie © bpk / Hermann Rückwardt

Die Fassade als Bilderbibel des Baumeisters

Einzigartig war auch die mit Terrakotten bestückte Fassade der Bauakademie: Deren umfangreiches Bildprogramm war laut dem ehemaligen Direktor der Nationalgalerie Paul Ortwin  Rave „eine klassische Bilderbibel des Baumeisters“. Das Bildprogramm war auf Reproduzierbarkeit angelegt und – mit Ausnahme der Portale – an allen vier Gebäudeseiten gleich. Den Kern des Bilderzyklus bildeten 24 figürliche Terrakottareliefs, die im ersten Obergeschoss unterhalb der acht Fenster einer Fassadenseite, zusammengefasst in Dreiergruppen, angeordnet waren. Die Darstellungen aus der Welt des Bauens wurden in den Bogensegmenten oberhalb dieser Fenster durch Tiergestalten ergänzt, die sich in heraldischer Weise symmetrisch angeordnet gegenüberstanden. In ihrer Mitte fand sich jeweils ein typisches Werkzeug des Baumeisters wie z.B. Zirkel, Wasserwaage und Lot. Das Bildprogramm des zweiten Obergeschosses war stärker ornamental geprägt. Hier befanden sich in den Bogenfeldern abwechselnd Athena, die griechische Göttin des Handwerks, und ein weiterer Frauenkopf. 

Grabungsfund 1995
Grabungsfund 1995 © Museum für Vor -und Frühgeschichte

Modelliert hatten diese Bauplastiken die führenden Berliner Bildhauer der Schinkelzeit wie Johann Gottfried Schadow, Christian Friedrich Tieck, August Kiß und Julius Troschel nach Schinkels Zeichnungen. Gebrannt wurden die Terrakotten der Berliner Bauakademie in der Werkstatt des Töpfermeisters Cornelius Gormann. Bereits in der Entstehungszeit wurden die Terrakotten der Bauakademie in anderen Bauzusammenhängen ebenfalls verwandt, wie beispielsweise beim Wohnhaus des Töpfermeistern Gormann in der heute nach ihm benannten Gormannstraße, an einer Pergola in Neustrelitz. Der russische Aristokrat Wladimir Davidow bestellte nach seinem Besuch in Berlin 1836/37 ebenfalls bei Cornelius Gormann 24 Terrakotten der Fensterbrüstungen und 16 Terrakotten der Türen. Ein Teil davon sollte später sein Grabmal auf der Krim schmücken. Die Reliefplastiken der Bauakademie waren frühe Sammelobjekte. 

Auch in der Berliner Weinmeisterstraße befinden sich im Hausflur des ehemaligen Sophiengymnasium 14 Kopien von den Platten des Gormann-Hauses, teilweise in doppelten Motiven. Im Jahre 1935 ließ der Direktor der Nationalgalerie, Paul Ortwin Rave, fünf beschädigte Terrakotten durch Kopien ersetzten. Einzelne Terrakotten kamen aus der beschlagnahmten Sammlung von Marie Busch, die zur Familien Mendelssohn-Bartholy gehörte in die Alte Nationalgalerie. Dieser Bestand ist restituiert. Bei so vielen Kopien stellt sich natürlich die Frage nach der Unterscheidung von Kopie und Original - Dank der Scherbenstruktur, eines Versatzmarkensystems und speziellen Mörtels sind die original in der Bauakademie verbauten Teile gut von den übrigen zu unterscheiden.

Wie die Terrakotten ins Museum kamen

„Die ehemalige Bauakademie wird abgebrochen. Die wertvollen Teile sind zu bergen mit dem Ziel, das Gebäude zu einem späteren Zeitpunkt auf dem Gelände Französische / Ecke Kurstraße wieder aufzubauen“ so lautete der endgültige Beschluss des „Leitungskollektiv Aufbau Stadtzentrum“. (Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung, Archiv 2 PAW, IV 2/2026/18). Es ist eine Ironie der Geschichte, dass dieser am 13. März 1961, dem 180. Geburtstag Schinkels, gefasst wurde. Der Gedanke an einen Wiederaufbau muss recht schnell wieder verworfen worden sein, sonst wäre das Haus anderes abgetragen worden. Spuren von Presslufthämmern sprechen ihre eigene Sprache. 

Die wertvollsten Terrakotten kamen dennoch ins Depot der Denkmalpflege ins Fabrikgebäude des „Ermler-Haus“. Als dieses 1966 für die Umsetzung des Vorderhauses an seinen heutigen Standort geräumt wurde, mussten rund 300 Terrakotten von den Staatlichen Museen zu Berlin übernommen werden. Ursprünglich war geplant gewesen, die Terrakotten der Bauakademie in das im Wiederaufbau befindliches Alte Museum zu integrieren, was allerdings nie geschah. Einige Terrakotten kamen dann ins Kunstgewerbemuseum. 

Als es in den Siebzigern an den Bau des Palastes der Republik und der Schinkelklause im Bereich des Kronprinzenpalais ging, forderte die Denkmalpflege bzw. die beauftragte „Meisterwerkstatt Richard Paulick“ Terrakotten von den Museen zurück. Laut zweier Belege gab das Kunstgewerbemuseum 1968 123 Terrakotten an Frau Waltraut Volk vom Amt für Denkmalpflege zurück. 

Grabung an der Bauakademie, 1995
Grabung an der Bauakademie, 1995 © Elke Blauert
Dass diese Terrakotten nach den für die Bauten benötigten Abformungen zurück an die Museen gingen, ist nicht nachweisbar. Viele sind wohl bei Berliner Bildhauern verblieben. Veröffentlicht ist beispielsweise ein Fragment vom rechten Hauptportal „Baumeister bekränzt von Genius der Kunst“ aus der Sammlung von Waldemar Grzimek.

Wertvolle Originalkopien im Keller Originalformen

In den Fünfzigerjahren lagerten im Keller der Bauakademieruine noch ein Großteil der Originalformen für die Terrakotten. Diese wurden bis 1957 für die Neuanfertigung der im Zweiten Weltkrieg beschädigte Teile verwendet, so dass die bis 1957 hergestellten Kopien ebenfalls besonders wertvoll sind und für eine Rekonstruktion der Fassade verwendet werden könnten. Noch um 1979 erteilte der Senat für Berlin den Ziegeleien die Auflage, die Formen dauerhaft aufzuheben. Nach der Wende verschwanden allerdings die Ziegeleien und mit ihnen die Originalformen. 
Architekturfragmente im Depot der Alten Nationalgalerie, 1991
Architekturfragmente im Depot der Alten Nationalgalerie, 1991 © Andreas Grüttner

Die Berliner Denkmalpflege hatte neben dem „Ermler-Haus“ noch weitere Depots, in denen Teile der Bauakademie aufbewahrt wurden. Das Märkische Museum, heute Stiftung Stadtmuseum Berlin, hat sechs Terrakotten im Bestand. Diese hingen einst im Treppenhaus des Dienstgebäudes der Denkmalpflege in der Neuen Grünstraße.

Staatsfunktionäre, aber auch wohlmeinende Bürger brachten Teile der Schinkel‘schen Bauakademie in ihren Besitz. Ein privater Abfuhrunternehmer erhielt die Genehmigung, sich Steine vom Abriss der Bauakademie sichern zu dürfen. Er nahm allerdings nicht nur normale Ziegel, sondern auch Terrakotten. Auf diese Provenienz zurückgehend haben das Stadtmuseum und die Kunstbibliothek jeweils drei Terrakotten, darunter das einzig erhaltene Bogenrelief mit der „Athena ergane“ in der Kunstbibliothek. Die Museen haben in jüngster Zeit einzelne Teile der Bauakademie und des „Feilnerhauses“ aus Privatbesitz erhalten.

Es tauchen immer wieder einzelne Originalteile der Fassade auf, die teilweise mit Einkaufsbeuteln von der Abrissstelle des Hauses wegetragen wurden. Köpfe der Fensterhermen eigneten sich anscheinend auch gut als Beetumrandungen. Die Dunkelziffer der in Privatbesitz befindlichen Teile dürfte daher hoch sein. Beim Abtransport des Abbruchmaterials gab es offensichtlich große „Transportverluste“. Es ist zu hoffen, dass bei einem Wiederaufbau des Hauses viele Teile aufgespürt und zur Verfügung gestellt werden. Kopien wurden auch an „verdienstvolle Bürger“ verschenkt.

Eine große Anzahl von Terrakotten befindet sich in Privatbesitz weit über Berlin hinaus und an verschiedenen musealen Orten wie der Stiftung Stadtmuseum Berlin, dem Georg Kolbe Museum, dem Heimatmuseum in Neuruppin, im Technikmuseum Berlin.

Die Terrakotten von der Pergola in Neustrelitz wurden durch Vandalismus zerschlagen. Reste davon befanden sich um 1993 im Keller der dortigen Orangerie. Bei Fassadensanierungen im letzten Jahrzehnt, so in der Berliner Linienstraße 121 reduzierte sich die Anzahl der verbauten Terrakotten erheblich. 

Einzelne Platten sind in den letzten Jahren im Kunsthandel aufgetaucht, so 1993 eine Platte mit klagenden Jünglingen aus dem ersten Fenster auf der Orangerie-Ausstellung, die trotz öffentlichen Protestes verkauft wurde.

Was mit den Terrakotten der Museen geschah

Von den ursprünglich rund 300 Teilen, die die Staatlichen Museen erhalten hatten, waren 1994 waren noch 215 Terrakotten, Originale und Kopien in der Alten Nationalgalerie vorhanden. 

Anfang der Neunzigerjahre wurden alle auf der Museumsinsel vorhandenen Bauakademieteile zusammengetragen. Aus den Sammlungen der Alten Nationalgalerie, des Kupferstichkabinetts und des Museums für Europäische Kulturen konnten in einem angelegten Depot im Pergamonmuseum 215 Teile vereint werden. Im Zuge der Baufreimachung des Pergamonmuseums wurden die Stücke in ein Außendepot verlagert. Die Terrakotten in der Dauerausstellung „Skulptur des Klassizismus“ verblieben bis zur Schließung des Gebäudes in der Friedrichswerderschen Kirche. Sie stammen aus der Provenienz von Alfred Kurella, der vor seinem Tod die Reliefs in öffentliche Hand gegeben hat. 


Die Alte Nationalgalerie hat trotz ordentlicher Übergabe von 1966 entschieden, dass es sich bei den Terrakotten der Bauakademie um Fremdbesitz handelt, und sie größtenteils wieder an die Denkmalpflege zurückgegeben.

Die Kunstbibliothek im Kulturforum
Die Kunstbibliothek im Kulturforum © Staatliche Museen zu Berlin / M. Meisse

Kunstbibliothek

Die Kunstbibliothek ist eine interdisziplinäre Forschungseinrichtung mit einer der weltweit größten Museumsbibliotheken. Hinzu kommen bedeutende Sammlungen zur Geschichte der Architektur, der Fotografie, des Grafikdesign und der Mode sowie zur Buch- und Medienkunst. Die Bibliothek und die Sammlungen repräsentieren gemeinsam das ganze Quellenspektrum der kunst- und kulturwissenschaftlichen Forschung. Sie ist am Kulturforum (Museumssammlungen, kunstwissenschaftliche Bibliothek), im Archäologisches Zentrum (Archäologische Bibliothek) und im Museum für Fotografie (Ausstellungsort für die Sammlung Fotografie) vertreten.

Website der Kunstbibliothek

Die Berliner Bauakademie wurde vom Grundriss des späteren Außenministeriums der DDR angeschnitten. Als 1995 der Abriss des Ministeriums bevorstand, wurde in den Fundamenten der Bauakademie gegraben, gleichzeitig die Grundmauern als Bodendenkmal eingetragen. Bei der sehr schnellen Grabung wurden 575 Originalteile geborgen, die durch das Museum für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin bearbeitet wurden und dort aufbewahrt werden. Als drei Jahre später Bauarbeiten zur Verlegung von Leitungen durchgeführt wurden, konnten erneut Teile gesichert werden. Einige wichtige Sandsteinanker, mit denen Schinkel das Gebäude sicherte, konnten allerdings nicht geborgen werden. Ebenfalls konnte der Inhalt eines im Keller befindlichen, schon aus der Zeit vor Schinkel stammenden Brunnens nicht ausgraben werden. Eine erneute Grabung ist daher dringend erforderlich.

Im Jahre 1996 veranstaltete die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin die Ausstellung „Karl Friedrich Schinkels Berliner Bauakademie – In Kunst und Architektur – In Vergangenheit und Gegenwart“, in der erstmalig und einmalig das Bildprogramm der Schinkel‘schen Bauakademie in Originalteilen und Fragmenten einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Es wäre an der Zeit, die weit verstreuten Teile und Fragmente erneut an einem Ort zu bringen und zusammen zu fügen. Karl Friedrich Schinkels baukünstlerisches Vermächtnis hätte es verdient. 

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