Schinkels Bauakademie neu denken

11.10.2016Schinkels Bauakademie neu denken

Die Kulturen der Welt werden ab 2019 im Humboldt Forum gezeigt – aber wo kann man in Berlin eigentlich Architektur im Museum erleben? Ein Plädoyer von SPK-Präsident Hermann Parzinger für die Vollendung der historischen Mitte Berlins.

Von Hermann Parzinger

Blick vom Dom auf Stadtschloss und Bauakademie (1898)
Blick vom Dom auf Stadtschloss und Bauakademie (1898) © bpk

Als kürzlich der 175. Todestag des preußischen Stararchitekten Karl Friedrich Schinkel gefeiert wurde, rückte einmal mehr die Brachfläche in der Mitte Berlins ins Blickfeld, auf der sich einst dessen Bauakademie erhob. Eine schmerzlich empfundene Lücke: Spätestens wenn der Wiederaufbau des Berliner Schlosses vollendet ist, wird man die aus Plastikplanen und Aluminiumgestänge bestehende Attrappe der Bauakademie als immer unerträglicher empfinden. 

Bauakademie in Berlin von Karl Friedrich Schinkel, Lageplan, zwei Grundrisse und Querschnitt (1831)  © bpk / Kupferstichkabinett, SMB
Bauakademie in Berlin von Karl Friedrich Schinkel, Lageplan, zwei Grundrisse und Querschnitt (1831) © bpk / Kupferstichkabinett, SMB

Wenn es überhaupt ein Gebäude in der Mitte Berlins gibt, das exemplarisch für die architektonische Modernität und Innovationskraft der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts steht, dann ist es die Bauakademie. Und wenn es ein Gebäude gibt, das es als Zeugnis des Vergangenen in dieser Mitte Berlins wert ist, wiederzuerstehen, dann dieser revolutionäre Ziegelbau von 1836.

Schinkels Bauakademie war das erste maßgebliche profane Rohziegelgebäude in Preußen. Ein Stützenraster mit acht Achsen in jeder Richtung gab eine mathematisch exakte Gliederung vor, und die Themen der Terrakotta-Schmuckfelder waren mehr Programm als reine Dekoration. Als Ausbildungsstätte für Architekten und Ingenieure war sie ihrer Zeit weit voraus und entwickelte Bahnbrechendes für die Baukultur. Das Herzstück bildeten die Lehr- und Bibliotheksräume im ersten und zweiten Stock, und die Läden der Königliche Porzellanmanufaktur, des Hofjuweliers und der Gropius’schen Kunsthandlung verbanden das Erdgeschoss auf vitale Weise mit dem Leben in der Stadt, ganz so, wie wir es uns für das künftige Humboldt Forum wünschen.

Zerbombt, rohgebaut, abgerissen, ersetzt, abgerissen – und nun?

Das im Februar 1945 durch Bomben beschädigte und ausgebrannte Gebäude stand wegen seiner Bedeutung sogleich im Mittelpunkt von Wiederaufbauplanungen der DDR-Regierung. 1953 feierte der wieder errichtete Rohbau Richtfest. Der Innenausbau geriet jedoch ins Stocken, 1956 erfolgte ein Baustopp. 

Nach dem Ideenwettbewerb von 1958 zur sozialistischen Umgestaltung des Zentrums der DDR-Hauptstadt wurde der Rohbau aufgrund seines zu preußischen Gepräges 1962 wieder abgerissen, trotz nationaler und internationaler Proteste. Es wich dem Gebäude des Außenministeriums, das wiederum 1995/96 beseitigt wurde.

Seither reißen die Debatten um den Wiederaufbau der Bauakademie nicht ab. Die Unterstützer dieses Vorhabens organisierten sich in einem Förderverein und einer Errichtungsstiftung, 2001 wurde auf Initiative der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz der Verein Internationale Bauakademie Berlin ins Leben gerufen. Viel herausgekommen ist bei all dem bislang nicht. Es bedarf eines klaren Zeichens von Bund und Land Berlin, nur dann wird der Wiederaufbau gelingen.

Es gilt nun, sich diesem Vorhaben mit aller Kraft zu widmen, nachdem vor knapp zehn Jahren bereits der benachbarte Schinkel-Platz nach historischem Vorbild wiedererstanden ist. Man muss wahrlich kein Rekonstruktionsfetischist sein, um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass die Bauakademie an ihren angestammten Platz zurückkehren muss; dann ist es aber auch genug mit den Rekonstruktionsträumen.

Bauakademie könnte Baumuseum sein

Dabei geht es nicht nur darum, ein historisch bedeutendes Gebäude wiedererstehen zu lassen. Jede Rekonstruktion muss eine klare Antwort auf die Frage nach Sinn und Zweck einer solchen Maßnahme liefern; dies gilt – bei allem Respekt – auch für Schinkels Bauakademie. Begehrlichkeiten gibt es viele – dabei liegt die Antwort auf der Hand. Es ist doch kaum zu verstehen, dass ausgerechnet eine Stadt wie Berlin kein Architekturmuseum von Rang besitzt. Die vielen Besucher der deutschen Hauptstadt kommen gerade auch wegen der Bedeutung Berlins für die städtebauliche und architektonische Entwicklung der letzten 200 Jahre hierher. Welche Metropole dieser Dimension hat sich so oft immer wieder neu erfunden?

Beinahe alle Architekten von Bedeutung und Einfluss wirkten hier: von Gily bis Stüler, von Wagner bis Häring, von Poelzig bis Paulick, von Schultes bis Chipperfield. Weltrang erreichte Schinkels Ausgestaltung der preußischen Residenzstadt mit Museum, Konzerthaus, Wache, Dom und Bauakademie. Dem folgten der zunächst vom Wirtschaftsaufschwung und dann vom beginnenden Größenwahn getragene gründerzeitliche Ausbau zur Hauptstadt des jungen Kaiserreiches, danach der von Sachlichkeit und sozialen Aspekten geprägte Wohnungsbau der 1920er Jahre, das Neue Bauen, die Gigantomanie der NS-Zeit mit der geplanten Umgestaltung zur Welthauptstadt Germania, die völlige Zerstörung 1945, der Wiederaufbau der Nachkriegszeit, der Systemwettstreit zwischen West und Ost bis hin zur Neuplanung nach der Wiedervereinigung der Stadt 1990, die innovative Projekte mit der selektiven Wiedergewinnung historischer Bausubstanz in Einklang bringen wollte.

An welchem Ort ließe sich besser von diesen vielfältigen Entwicklungen erzählen als hier? Berlin verfügt zudem über herausragende Architektursammlungen. Aber sie liegen brach und schlummern im Verborgenen. Da sind die Bestände der Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit ihren Architektursammlungen und Nachlässen bedeutender Architekten in der Kunstbibliothek wie in der Staatsbibliothek. Hinzu kommen die Sammlungen der TU Berlin und anderer Einrichtungen wie der Akademie der Künste oder der Berlinischen Galerie.

Karl Friedrich Schinkel 1836, Portät von Franz Krüger
Karl Friedrich Schinkel 1836, Portät von Franz Krüger © bpk / Kupferstichkabinett, SMB / Volker-H. Schneider

Karl Friedrich Schinkel

Er war der Startarchitekt Preußens und hat wie kaum ein anderer die Mitte Berlins geprägt: Stadtplaner und Maler Karl Friedrich Schinkel (1781–1841).

Schon früh begeisterte sich Schinkel für Kunst und Architektur und erhielt seine Ausbildung beim Architekten Friedrich Gilly. Als Königin Luise von Preußen ihn beauftragt, ihr Schlafgemach im Kronprinzenpalais neu herzurichten, wird Schinkel zum Baumeister und Innenarchitekten des königlichen Hauses und später zum Oberbauraut der preußischen Oberbaudeputation und Professor der Bauakademie benannt. In dieser Position entwirft er Gebäude wie das Alte Museum am Lustgarten, die Schloßbrücke, die Friedrichwerdersche Kirche, die Potsdamer Nikolaikirche und nicht zuletzt die Bauakademie und prägt damit Berlins historische Mitte nachhaltig.

Ist es nicht eine faszinierende Vorstellung, all die Schätze dieser Institutionen endlich in einem Zentrum zusammenzuführen? Wechselnde Ausstellungen aus historischer wie auch zeitgenössischer Perspektive könnten sich dann der Architektur und dem Städtebau in Berlin und in der Welt widmen.

„Gerade in einer demokratischen Gesellschaft brauchen Architektur und Städtebau eine breite gesellschaftliche Mitwirkung, weil es um nicht weniger geht als um die Gestaltung der Lebensumwelt von uns allen. Es geht um die Frage: Wie wollen wir morgen leben?“

Hermann Parzinger

Demokratische Denkfabrik im Geiste Schinkels

Das Pergamonmuseum wird nach seiner Umgestaltung einen weltweit einzigartigen Rundgang durch die Architekturgeschichte der Antike von Altägypten und Babylon bis zum frühen Islam bieten. Doch von wo könnte man den Blick besser auf die großen städtebaulichen Projekte Berlins richten als von der Bauakademie aus? Kämen noch Bibliotheks- und Archiv-Etage mit Studien- und Forschungsmöglichkeiten, Schulungs- und Seminarräumen und virtuellen Zugangsmöglichkeiten hinzu, könnte daraus eine Bauakademie 4.0 entstehen, eine Denkfabrik mit Ausstellungs- und Diskursplattformen.

Gerade in einer demokratischen Gesellschaft brauchen Architektur und Städtebau eine breite gesellschaftliche Mitwirkung, weil es um nicht weniger geht als um die Gestaltung der Lebensumwelt von uns allen. Es geht um die Frage: Wie wollen wir morgen leben? Mit einer solchen inhaltlichen Vision versehen würde mit dem Wiederaufbau der Bauakademie nicht nur ein ganz besonderes Gebäude in der historischen Mitte Berlins zurückgewonnen. Es entstünde auch gleichzeitig ein Zentrum, das die Faszination Baukultur neu denken und erleben ließe, ganz im Geiste des genialen Schinkel.


Dieser Text erschien ursprünglich am 11. Oktober 2016 im Tagesspiegel.

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