Vom Spiel mit dem Strom

21.03.2017Vom Spiel mit dem Strom

Spielarten stromgesteuerter Klangerzeugung: Differenzen in elektromagnetischen Feldern, in elektronische Töne gewandelte Luft oder per Klangsynthese. Das Staatliche Institut für Musikforschung zeigt in einer Ausstellung die dazu passenden Instrumente.

So jung die Gattung der elektronischen Musikinstrumente ist, so nachhaltig hat sie die Musikwelt verändert. Mit ihrer Entwicklung verbinden sich grundsätzliche Fragen: Wie werden überhaupt Klänge erzeugt? Wer macht Musik: der Mensch oder die Maschine?Ist ein Handy schon ein Musikinstrument? Das Staatlichen Institut für Musikforschung Preußischer Kulturbesitz widmet sich diesen und anderen Fragen in der Ausstellung „GOOD VIBRATIONS. Eine Geschichte der elektronischen Musikinstrumente“, die vom 25. März bis 27. August 2017 im Musikinstrumenten-Museum zu sehen ist. Wir zeigen einige herausragende Ausstellungsstücke.

Lev Termen auf seinem Theremin spielend
Lev Termen auf seinem Theremin spielend © Reproduktion aus: Frankfurter Illustrierte Nr. 30, 31. Juli 1930, S. 826. Foto: Knud Petersen. Bildarchiv des Musikinstrumenten-Museums

Spielen auf dem Äther: Theremin

Der russische Physiker Lev Termen erfand 1919/20 mit dem Theremin das erste Instrument, auf dem elektronisch Töne erzeugt werden konnten. Beim berührungslos zu spielenden Theremin beeinflussen die Hände elektromagnetische Felder, die Tonhöhe und Lautstärke steuern. Termen nannte sein Instrument zunächst noch Ätherophon und ging ab 1927 mit seinem „Geisterinstrument" auf Welttournee. Er erlangte eine enorme Popularität, die weit über seinen Tod 1993 hinausreichte. Dazu trug auch die Violinistin Clara Rockmore bei. Sie entwickelte sich dank ihres absoluten Gehörs zur virtuosen Thereministin und gab Konzerte mit dem New York Symphony Orchestra. Besonders in den USA blieb das Theremin Instrument in der Populär- und Filmkultur. Es diente zur klanglichen Untermalung futuristischer Visionen und Science-Fiction-Geschichten, wie beispielsweise den Filmen „It came from outer space" oder „Mars Attacks“. Auch für Soundeffekte in der Serie „Star Trek“ wurde das Theremin eingesetzt und gilt vielen als Stereotyp des Außerirdischen.

Vogelkreischen aus dem Mixtur-Trautonium

Die Vielfalt der neuartigen Klänge, die das Trautonium hervorbringen kann, galt 1930 als ingenieurstechnische Meisterleistung und musikalische Sensation. Sie reicht über Streicher und Orgeltöne bis hin zu menschenähnlichen Stimmen und metallischen Geräuschen.

Erfinder des Trautoniums ist der 1888 in Würzburg geborene Ingenieur Friedrich Trautwein. 1930 präsentiert er es erstmals der Öffentlichkeit. Ab 1934 entwickelte der Pianist Oskar Sala das Trautonium weiter. Einfach beschrieben, entsteht der Klang durch einen Draht, der auf eine Metallschiene gedrückt wird und dadurch einen Stromkreis schließt. Die Druckposition bestimmt den elektrischen Widerstand und damit die Tonhöhe. Ein Gleiten über den Draht erzeugt ein kontinuierliche Veränderung der Tonhöhe.

Größte Bekanntheit erlangte das Mixtur-Trautonium, das Oskar Sala in Deutschland, Frankreich und den USA patentieren ließ. Zu hören ist es im Hitchcock-Film „Die Vögel“ aus dem Jahr 1963, der auch wegen seines schrillen und unbehaglichen Soundtracks als einer der Klassiker des Horrorgenres gilt. Die gesamte Klang- und Geräuschkulisse wurde von Oskar Sala eingespielt. Noch bis zu seinem Tod im Jahre 2002 komponiert Oskar Sala für verschiedene Filme. Zeitgenössische Musiker, wie etwa Kraftwerk oder Einstürzende Neubauten, sehen in ihm einen Wegbereiter der elektronischen Musik und Avantgarde.

Alfred Hitchcock und Oskar Sala (stehend) am Mixturtrautonium
Alfred Hitchcock und Oskar Sala (stehend) am Mixturtrautonium © Fotografie Privatbesitz Oskar Sala. Reproduktion: Foto-Kretke, 1999. Bildarchiv des Musikinstrumenten-Museums

Musik durch Differenzen: Heliophon

Das Heliophon ist ein sehr seltenes Instrument. Es wurde durch den Pianisten Bruno Helberger und den Ingenieur Peter Lertes erbaut. Unter dem Namen „Hellertion” präsentierten sie es 1929 erstmals öffentlich. Das Heliophon aus der Sammlung des Musikinstrumenten-Museums ist eine zweite Fassung, die nach dem Zweiten Weltkrieg erbaut wurde. Beide Instrumente, das Hellertion und das Heliophon konnten verschiedene Klangfarben erzeugen. Die Tonhöhen entstanden durch das Überlagerungsprinzip: Zwei hochfrequente Ozillatoren überlagern sich und erzeugen einen hörbaren Differenzton – wie auch beim legendären Theremin. Leider wurden Hellertion und Heliophon nie sehr berühmt – ein Schicksal, das sie mit vielen frühen elektronischen Musikinstrumenten teilen. Dagegen half auch nicht, dass einer der Erfinder des Heliophons, Peter Lertes, 1933 das erste Standardwerk über elektronische Musikinstrumtente veröffentlichte.

Heliophon
Heliophon © Schnepp Renou

Mann an der Seite des Musikers: Rhythmusmaschinen

Die Entwicklung der Ryhthmusmaschinen, auch „Drum Machines“ genannt, begann bereits in den 1930er Jahren. Ihr Vorläufer ist das Rhythmicon, das Lew Termen, der Erbauer des Theremins, konstruierte. Eine der ersten Ryhthmusmaschinen ist der Sideman. Er wurde in den späten 1950er Jahren von der Firma Wurlitzer erbaut. Ein Musiker konnte aus 12 vorgegebenen Rhythmuspatterns, wie etwa Samba, Tango, Walzer oder Marsch, wählen und sich selbst durch den Sideman begleiten lassen. Zwar konnte auf Knopfdruck jederzeit noch ein Schlagzeugsound dazu gespielt werden, aber von den Möglichkeiten späterer Drum Machines war der Sideman noch weit entfernt. Auf der später entwickelten Lindrum beispielsweise konnten Patterns relativ frei programmiert werden.

Sideman ohne Gehäuse
Sideman ohne Gehäuse © Schnepp Renou
Synthesizer VCS-3
Synthesizer VCS-3 © Schnepp-Renou

Klänge im Kofferformat: VCS-3

Der legendäre VCS-3, ein von David Cockerell entworfener monophoner analoger Synthesizer, wurde erstmals 1969 von der Londoner Firma Electronic Music Studios (EMS) vorgestellt. Er war eines der kommerziell erfolgreichsten und technisch innovativsten Geräte der 1970er Jahre. Denn er brachte nicht nur eine enorme klangliche Leistung, sondern war auch außerordentlich handlich. In einer Zeit, in der Synthesizer üblicherweise ganze Studiowände füllten, über hundert Kilogramm wogen und mehreren hunderttausend Pfund kosteten, war das Gerät in Koffergröße zu einem Preis von um die 1000 Pfund eine Sensation.

Peter Spoerri mit seinem Lyricon
Peter Spoerri mit seinem Lyricon. Foto: Privatbesitz © Peter Spoerri
Lyricon
Lyricon von Peter Spoerri. Foto: Privatbesitz © Peter Spoerri
Wind Controller AKAI EWI USB
Wind Controller AKAI EWI USB © Schnepp-Renou

Von der Luft zum elektronischen Ton: Lyricon

Bei der „Ars Electronica" 1979 gewann Bruno Spoerri mit dem Lyricon den ersten Preis in der Kategorie „Innovatives Instrument“. Das Lyricon ist ein Blaswandler, auch „Wind Controller“ genannt. Ein Mundstück erfasst Lippen- und Luftdruck. Diese Daten werden an einen kleinen Modularsynthesizer geleitet, der die Tonerzeugung steuert. Das Instrument wurde von William B. Bernardi und Roger Noble bereits Mitte der 1970er Jahre gefertigt und bis 1980 in drei verschiedenen Ausführungen verkauft. Neben Bruno Spoerri spielten beispielsweise auch Klaus Doldinger, Klaus Kreuzeder oder Michal Urbaniak das Lyricon. Es  ist auch in Michael Jacksons „Billie Jean“ zu hören. Schließlich überholte der MIDI-Standard die Technik des Lyricons. Es lebt aber weiter in zahlreichen, bis heute produzierten Wind Controllern, wie beispielsweise dem AKAI EWI USB.

Good Vibrations im Musikinstrumenten-Museum
© Christian Halten und Oliver Karsitz

GOOD VIBRATIONS: Eine Geschichte der elektronischen Musikinstrumente

Das Musikinstrumenten-Museum des Staatlichen Instituts für Musikforschung präsentiert vom 25. März bis 27. August 2017 über 60 wegweisende elektronische Musikinstrumente. Dabei werden sowohl die eigenen reichen und bislang kaum gezeigten Bestände als auch Leihgaben internationaler Partner ausgestellt. Das umfangreiche Rahmenprogramm bietet den Besuchern die Chance, viele Instrumente live zu erleben oder sogar selbst zu erproben. Musiker werden ihre Lieblingsinstrumente in Aktion vorstellen und in Workshops Einblicke in deren Spielweisen bieten.

Zum Ausstellungshinweis „GOOD VIBRATIONS. Eine Geschichte der elektronischen Musikinstrumente" 

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