Gute Vibes am Kulturforum

21.03.2017Gute Vibes am Kulturforum

Das Staatliche Institut für Musikforschung widmet sich elektronischen Musikinstrumenten – in einer Ausstellung in bisher noch nicht erreichtem Umfang.

Von Benedikt Brilmayer

Beim Stichwort elektronische Musikinstrumente denken viele wohl zuerst an Techno, Electro oder Gruppen wie Kraftwerk und die aus Berlin stammende Formation Tangerine Dream. Doch auch die Beatles, die Rolling Stones, Pink Floyd, Stevie Wonder, der Synthie-Pop und zahllose Kompositionen für Rundfunk und Film wären ohne diese Instrumente schlicht undenkbar. So ließ beispielsweise Oskar Sala in seinem Tonstudio in Berlin-Charlottenburg am Trautonium die Soundkulisse für Alfred Hitchcocks Psychothriller »Die Vögel« entstehen. Mit der Ausstellung „GOOD VIBRATIONS“ wagt das Staatliche Institut für Musikforschung den Versuch, eine musikhistorische mit einer technikhistorischen Perspektive zu kombinieren. Die gezeigten Exponate werden dabei sowohl als kulturelle als auch technische Errungenschaften und musikalische Meilensteine betrachtet. Elektronische Musikinstrumente haben großen Einfluss auf verschiedenste Musikstile und -genres genommen und so das Hören von, aber auch das Denken über Musik nachhaltig verändert. Dennoch repräsentieren sie immer noch eine eher randständige Gattung der Musikinstrumentenkunde.

Alfred Hitchcock und Oskar Sala (stehend) am Mixturtrautonium
Alfred Hitchcock und Oskar Sala (stehend) am Mixturtrautonium © Fotografie Privatbesitz Oskar Sala. Reproduktion: Foto-Kretke, 1999. Bildarchiv des Musikinstrumenten-Museums

Im Berlin der Goldenen Zwanziger spielte die elektronische Musik

Die Geschichte elektronischer Musikinstrumente ist eng mit der Stadt Berlin verknüpft – und damit ist nicht nur die sogenannte Berliner Schule gemeint, die ihre erste Blüte bereits in den 1970er-Jahren erlebte. Gerade das Trautonium hatte zu dieser Zeit bereits eine gut vierzigjährige Entwicklung hinter sich. In der Entstehungszeit des Trautoniums, in den Goldenen Zwanzigern, erlebte Berlin eine Zeit des kulturellen Aufschwungs, aber auch der technologischen Innovationen. Zahlreiche Spezialisten, Hobbybastler und Musiker beschäftigten sich mit Elektrotechnik und deren Potenzialen, eben auch zur Ton- bzw. Klangerzeugung. Eines der musikalischen Zauberworte wurde von dem in Berlin lebenden Ferruccio Busoni geprägt, und mithilfe der neuen Technik suchte man es zu erfüllen: Mikrotonalität. Mit der Möglichkeit, die Oktave in mehr als zwölf Halbtöne, nämlich in Drittel- oder gar Sechsteltöne zu unterteilen, sah Busoni einen Weg, neue Musik komponieren zu können, den er selbst jedoch nicht beschritten hat.

Jörg Mager, ein heute nahezu unbekannter Organist und Hobbyingenieur, ließ sich von der Idee der Mikrotonalität inspirieren. Er widmete sich im Laufe der 1920er-Jahre fast ausschließlich seinen Visionen und Experimenten und erlangte mit seinen Instrumenten- und Lautsprecherkonstruktionen in Deutschland große Beachtung. Der damals weltbekannte und in Berlin als Professor tätige Komponist Paul Hindemith verfasste für ihn ein enthusiastisches Empfehlungsschreiben. Im Gegensatz zu Mager erlangte Lew Termen (auch als Leon Theremin bekannt), aus der jungen Sowjetunion kommend, in Berlin eine enorme Popularität. Er war der Erfinder des berührungslos zu spielenden Theremins. Besonders in den USA blieb sein Instrument in der Populär- und Filmkultur, aber auch im Rundfunk seit den 1940er-Jahren verbreitet und diente zur klanglichen Untermalung futuristischer Visionen und Science-Fiction-Geschichten.

Prophet-10
Der Prophet-10 ist ein Synthesizer der 1980er-Jahre der Firma Sequential Circuits. Er konnte Voreinstellungen zur Klangsynthese speichern und per Knopfdruck wiedergeben © Schnepp-Renou

Eine große Bandbreite an Instrumenten und Bedienungsweisen

Ab den 1960er-Jahren gelangen zahlreiche wegweisende Entwicklungen wie die ersten, noch recht großen und sperrigen Modularsynthesizer. Mittlerweile ist der Konstrukteur Robert (Bob) Moog zu einer Legende avanciert. Seine ersten Instrumente montierte er noch – ganz in amerikanischer Kleinunternehmertradition – in seiner Garage. Mit dem Moog-Synthesizer fand die Elektronik ihren Weg in die Pop- und Rockmusik und hielt auch in Wohnzimmern bzw. Proberäumen von Hobbymusikern Einzug.

Auch die Vielfalt der elektronischen Musikinstrumente zeichnet sich bereits in den 1960er-Jahren ab. Diese Jahre waren prinzipiell noch vom Synthesizer dominiert, mit dessen Hilfe verschiedenste Klangfarben gestaltet werden konnten. In dieser Zeit wurde in England aber auch das Mellotron entwickelt, das man als erstes weitverbreitetes Sample-Instrument bezeichnen kann. Auf Tonband wurden die gewünschten Klangfarben, beispielsweise von Streichern oder Holzblasinstrumenten, gespeichert. Diese konnten dann über eine Klaviatur abgespielt werden, wobei für jede Taste ein separates Tonband von maximal acht Sekunden Dauer vorhanden war. Mit dem Mellotron spielten die Beatles so berühmte Songs wie „Strawberry Fields" ein.

Sequencer und EMS VCS 3
Der Sequencer (li.) sollte das Melodiespiel erleichtern. Der EMS VCS 3 (re.) war einer der ersten Synthesizer im handlichen Format. Bands wie Pink Floyd oder Musiker wie Jean Michel Jarre verwendeten ihn für ihre Kompositionen © Schnepp-Renou
Buchlas „Electric Music Box"
Die Buchlas „Electric Music Box", auch bekannt als „Music Easel", vereint zahlreiche Funktionen eines modularen Synthesizers im handlichen Kofferformat und erlangte so einen legendären Ruf bei Musikern. Er ist eine Leihgabe von Christian Halten © Christian Halten
Wind Controller AKAI EWI USB
Wind Controller AKAI EWI USB © Schnepp-Renou

Good Vibrations. Eine Geschichte der elektronischen Musikinstrumente

Mood Movie zur Ausstellung im Musikinstrumenten-Museum Berlin

Alternative Bedienungs- oder Spielmöglichkeiten kamen Ende der 1970er-Jahre beispielsweise mit den sogenannten Wind-Controllern auf. Lew Termens Theremin aus den 1920er-Jahren stellt den Urvater alternativer Spielmöglichkeiten dar, da man dieses Instrument berührungslos mit den Händen spielt – gleich einem Dirigenten, der mit seinen Handbewegungen das Orchester leitet. Die Wind-Controller können optisch dem Saxophon nachempfunden sein und verfügen auch über Drucktasten, die der Anordnung der Klappen eines Saxophons entsprechen. Allerdings nehmen Sensoren im Mundstück Luft- und Lippendruck ab und steuern so die Tongebung des Instruments, das mit einem Computer beziehungsweise Verstärker verbunden ist. Die Klangfarbe wiederum ist über eine entsprechende Software am Computer wählbar frühe Wind-Controller, wie beispielsweise das Lyricon, steuerten einen kleinen Synthesizer.

Vom Synthesizer über MIDI-Instrumente zur Smartphone-App

Mittlerweile bilden Synthesizer nur noch einen kleinen Zweig der gesamten Familie der elektronischen Musikinstrumente. Daneben gibt es Rhythmusmaschinen beziehungsweise Drum-Machines und Sampler und Sequencer. In den 1980er-Jahren wurden MIDI-Instrumente (Musical Instrument Digital Interface) eingeführt. Nicht zuletzt existiert eine Vielzahl von Programmen und auch Apps, mit denen das Musizieren auf kleinsten Geräten möglich wird. Die Vielfalt elektronischer Musikinstrumente ist heute scheinbar unbegrenzt. Dies gilt besonders, wenn man die Möglichkeiten bedenkt, die moderne Computersysteme bieten. Auf diesen können mithilfe einer entsprechenden Software beinahe sämtliche akustischen Vorgänge digital nachempfunden werden.

Good Vibrations im Musikinstrumenten-Museum
© Christian Halten und Oliver Karsitz

GOOD VIBRATIONS: Eine Geschichte der elektronischen Musikinstrumente

Das Musikinstrumenten-Museum des Staatlichen Instituts für Musikforschung präsentiert vom 25. März bis 27. August 2017 über 60 wegweisende elektronische Musikinstrumente. Dabei werden sowohl die eigenen reichen und bislang kaum gezeigten Bestände als auch Leihgaben internationaler Partner ausgestellt. Das umfangreiche Rahmenprogramm bietet den Besuchern die Chance, viele Instrumente live zu erleben oder sogar selbst zu erproben. Musiker werden ihre Lieblingsinstrumente in Aktion vorstellen und in Workshops Einblicke in deren Spielweisen bieten.

Zum Ausstellungshinweis „GOOD VIBRATIONS. Eine Geschichte der elektronischen Musikinstrumente" 

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