Geleitwort

21.03.2017„Faszinierende Artefakte mit erstaunlichen Geschichten"

Er machte den Synthesizer salon- und stadionfähig und kreierte die Hymnen eines jeden Sci-Fi-Fans – ein Pionier der elektronischen Musik eben. So lässt Jean-Michel Jarre es sich auch nicht nehmen, dem SIM für „GOOD VIBRATIONS“ ein paar Worte mit auf den Weg zu geben.

Von Dr. h.c. Jean-Michel Jarre

Mit der Ausstellung ›Good Vibrations. Eine Geschichte der elektronischen Musikinstrumente‹ wird zum ersten Mal in diesem Umfang die Vielfalt dieser Gruppe von Instrumenten einem breiten Publikum öffentlich zugänglich gemacht. Als Musiker begrüße und unterstütze ich dieses Vorhaben aus ganzem Herzen.

Jean-Michel Jarre
© EDDA / Tom Sheehan

Fast mein gesamtes Leben habe ich mich mit den künstlerischen Möglichkeiten beschäftigt, die uns elektronische Instrumente bieten. Als Gestaltungsmittel spielen sie im musikalischen Schaffensprozess naturgemäß eine zentrale Rolle, und so interessierte ich mich schon sehr früh dafür, wie ich die technischen Möglichkeiten der Gegenwart – und dazu gehören neben Licht und Video ganz entschieden auch elektronische Musikinstrumente – für meine musikalischen Ideen nutzen konnte.

Ebendieser Aspekt treibt auch die Entwickler von Musikinstrumenten auf der ganzen Welt seit jeher an: Wie lässt sich unter den gegebenen technischen Voraussetzungen etwas erschaffen, das es mir ermöglicht, eine ganz bestimmte klangliche oder musikalische Vision umzusetzen?

Für die Erfinder der frühesten elektrischen und elektronischen Musikinstrumente, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts zum ersten Mal mithilfe von Elektrizität Klang erzeugten, dürfte dies eine ebenso aufregende wie vielversprechende Herausforderung gewesen sein. Bereits in den 1920er-Jahren entstanden die ersten erfolgreichen elektronischen Instrumente, wie die von Maurice Martenot in Paris entwickelten Ondes Martenot oder das von Friedrich Trautwein in Berlin konstruierte Trautonium. Mit diesen Instrumenten wurde ein lang gehegter Traum für Musiker und Komponisten erstmals Wirklichkeit: die Gestaltung der Klangfarbe, weit über die Möglichkeiten herkömmlicher Instrumente hinaus. 

Die technische Weiterentwicklung phonographischer Verfahren in den folgenden Jahrzehnten, die die Aufnahme und nachträgliche Bearbeitung von Klängen ermöglichte, veränderte die musikalische Praxis nochmals maßgeblich. Synthesizer wie die von Bob Moog, aber auch Sample-Instrumente wie das in England gebaute Mellotron, machten elektronische Instrumente schließlich populär und fanden zunehmend Verbreitung bei Musikern auf der ganzen Welt. 

Ein Blick auf aktuelle Entwicklungen lässt nur schwer erahnen, wie Instrumente von morgen aussehen könnten.
Jean-Michel Jarre

Wie einflussreich die Rolle populärer Musikstile dabei für die immer weitere Ausdifferenzierung elektronischer Instrumente war, ist unter anderem auch an der großen Vielfalt von Rhythmus-Maschinen zu erkennen, die ab den 1980er-Jahren eine große Blüte erlebten. Die Digitaltechnik eröffnete gegen Ende des 20. Jahrhunderts schließlich völlig neuartige Spielweisen und ließ instrumentale Formen entstehen, die mit traditionellen Musikinstrumenten kaum noch etwas gemein zu haben scheinen. Ein Blick auf aktuelle Entwicklungen lässt nur schwer erahnen, wie die Instrumente von morgen aussehen könnten: Sind es Apps? Sensoren? Brillen? Oder doch wieder altbekannte Formen? In jedem Fall werden wir sie dafür nutzen, unsere Klangwelt zu bereichern und unsere Freude am Spielen zu erhalten.

Ich wünsche Ihnen bei der Erkundung dieser Vielfalt viel Spaß und hoffe, dass diese Ausstellung dazu beitragen wird, elektronische Musikinstrumente einer breiten Öffentlichkeit als faszinierende Artefakte mit erstaunlichen Geschichten zu erschließen, die ihren Platz auf der Bühne, im Studio und im Museum verdienen.

Good Vibrations im Musikinstrumenten-Museum
© Christian Halten und Oliver Karsitz

GOOD VIBRATIONS: Eine Geschichte der elektronischen Musikinstrumente

Das Musikinstrumenten-Museum des Staatlichen Instituts für Musikforschung präsentiert vom 25. März bis 27. August 2017 über 60 wegweisende elektronische Musikinstrumente. Dabei werden sowohl die eigenen reichen und bislang kaum gezeigten Bestände als auch Leihgaben internationaler Partner ausgestellt. Das umfangreiche Rahmenprogramm bietet den Besuchern die Chance, viele Instrumente live zu erleben oder sogar selbst zu erproben. Musiker werden ihre Lieblingsinstrumente in Aktion vorstellen und in Workshops Einblicke in deren Spielweisen bieten.

Zum Ausstellungshinweis „GOOD VIBRATIONS. Eine Geschichte der elektronischen Musikinstrumente" 

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