• Neues Projekt zu Beziehungen zwischen EU, Lateinamerika und Karibik

  • News vom 17.08.2016

    Wie steht es um das Verhältnis der größten Staatenverbünde beidseits des Atlantiks? Dies erforscht ein Expertenteam im EU-Projekt „EULAC Focus“. Mit dabei: das Ibero-Amerikanische Institut.

    Kick-off-Meeting des Projektteams von EULAC Focus in Madrid© eulac-focus.net

    Im Zentrum eines internationalen Forschungsprojektes stehen seit März 2016 die Beziehungen zwischen zwei transatlantischen Großregionen: der Europäischen Union und der Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten (CELAC). Was trennt sie? Wo kooperieren sie erfolgreich? Was können sie voneinander lernen? In dem von der EU geförderten Projekt „Giving focus to the Cultural, Scientific and Social Dimension of EU - CELAC relations – EULAC Focus“ (2016-2019) suchen Wissenschaftler  aus 19 Institutionen beider  Regionen gemeinsam nach Antworten. Wir sprachen mit Dr. Barbara Göbel, Direktorin des Ibero-Amerikanischen Instituts, über die Themen des Projekts, die politische Bedeutung von wanderndem Wissen und darüber, warum ein Projekt über bi-regionale Beziehungen mit einer Vielfalt an Partnern immer auch Beziehungsarbeit ist.

    Frau Göbel, wie lassen sich die Ziele des EULAC Focus Projekts in aller Kürze beschreiben?

    Die Beziehungen zwischen Europa einerseits, Lateinamerika und der Karibik anderseits sind vielfältig und durch eine große historische Tiefe und Stabilität geprägt. Obwohl seit dem Europa-Lateinamerika-Gipfel 1999 verschiedene, stabile Foren des Dialogs geschaffen wurden, bedarf es einer strategischeren Orientierung für die Zukunft der bi-regionalen Beziehungen. Hierzu möchte das EU-Projekt einen Beitrag leisten und den Entscheidungsträgern der Europäischen Kommission eine bessere wissenschaftliche Basis für die Entwicklung neuer Programme liefern.

    Warum stehen gerade „soziale, wissenschaftliche und kulturelle Dimensionen“ als Themen in Ihrem Projekttitel?

    Bislang wurden diese drei wichtigen Bereiche der bi-regionalen Beziehungen in der Forschung immer getrennt voneinander betrachtet. Nicht nur im politischen oder wirtschaftlichen, sondern auch im sozialen, kulturellen und wissenschaftlichen Kontext können beide Regionen voneinander lernen. Während wir relativ viel über den wissenschaftlichen Austausch wissen, ist dies für die soziale Dimension, z.B. die Arbeitsmigration nicht so sehr der Fall. Seit 2008 wandern etwa mehr Bürger aus der EU nach Lateinamerika aus, als umgekehrt.  Wir wollen untersuchen, wie sich dies auf die bi-regionalen Beziehungen auswirkt.“

    Wie geht man an ein so großes Spektrum von Themen heran?

    Wir werten vorhandene Forschungsergebnisse aus, verknüpfen existierende Studien, führen in Teilen auch selbst neue Erhebungen durch und entwickeln daraus neue Erkenntnisse, die wir systematisieren. Hierbei geht es uns vor allem um die bi-regionalen Beziehungen. Der Kernzeitraum umfasst ca. 20 Jahre seit dem ersten EU-Lateinamerika-Gipfel 1999.

    Insgesamt arbeiten Sie mit 18 Projektpartnern zusammen. Welche Rolle hat das IAI?

    Das Projekt besteht neben den administrativen Komponenten aus drei inhaltlichen Säulen: Kultur, Soziales, und Wissenschaft. Diese werden durch zwei Querschnittsbereiche miteinander verknüpft. Ein Querschnittsbereich entwickelt eine strategische Vision für die bi-regionalen Beziehungen. In dem anderen Querschnittsbereich schauen wir ausgehend von den vier Fokusthemen Mobilität, Ungleichheit, Diversität und Nachhaltigkeit auf unsere inhaltlichen Säulen. Diesen zweiten Querschnittsbereich koordiniert das IAI zusammen mit der Universidade de São Paulo.

    Am 29. August findet im IAI eine öffentliche Gesprächsrunde der Projektmitglieder statt. Dabei geht es um „Mobilität und die Geopolitik des Wissens: Herausforderungen des wissenschaftlichen Austauschs zwischen der EU und CELAC“. Welche Aspekte stehen dabei im Mittelpunkt?

    Für die Wissenschaft sind Mobilität und Diversität sehr wichtige Faktoren. Historisch gesehen ist Wissenschaft, auch bezogen auf die Beziehungen zwischen den beiden Regionen, aber auch durch Ungleichheiten geprägt. Wir untersuchen  deshalb beispielsweise die Rolle von Diversität – d.h. kulturelle, ethnische, geschlechtliche und Alters-Unterschiede – beim wissenschaftlichen Austausch zwischen EU und CELAC. Auch berücksichtigen wir verschiedene Arten von Mobilität– sowohl die Bewegung von Personen, als auch die Wanderung von Ideen und Wissen. Uns interessiert, inwieweit Mobilität Ungleichheiten in den transregionalen Wissenschaftsbeziehungen verringert oder verstärkt.

    Wo gibt es Ungleichheiten im wissenschaftlichen Austausch zwischen beiden Regionen?

    Bei Investitionen in Forschung und Entwicklung, der Höhe und thematischen Vielfalt von Förderprogrammen, der Anzahl an promovierten Wissenschaftlern und der Existenz von Wissensinfrastrukturen gibt es Unterschiede zwischen beiden Regionen. Die EU ist in dieser Hinsicht gut organisiert. Im Fall Lateinamerikas und der Karibik trifft das nicht so sehr zu. Gerade hinsichtlich der Infrastrukturen  ist das Ibero-Amerikanische Institut ein gutes Beispiel. Anders als die national geprägten Bibliotheken in Lateinamerika und der Karibik haben wir Materialen zu allen Ländern dieser Region in großer Vielfalt und historischer Tiefe. Das heißt, wenn Sie beispielsweise als brasilianischerWissenschaftler vergleichend arbeiten möchten oder Materialien wie Bücher, Zeitschriften, Landkarten, Fotos etc. miteinander verknüpfen wollen, dann müssen sie nach Berlin ins IAI kommen.

    Sie sind als Ethnologin selbst Wissenschaftlerin – was bedeutet das Projekt für das IAI und Sie?

    Es ist definitiv ein Erfahrungsgewinn. Als Teil des EU-Förderprogramms „Horizont 2020“ ist unser Projekt sehr anwendungsbezogen. Wir haben den Auftrag, Grundlagen für künftige politische Maßnahmen zu schaffen. Gleichzeitig ist es ein interdisziplinäres Projekt mit vielfältigen Partnerinstitutionen und unterschiedlichen Verwaltungsstrukturen und somit ein großartiger Lernraum. Es wird oft gesagt, EU-Projekte seien extrem bürokratisch. Natürlich erfordern sie viel Kommunikation und Koordination. Aber warum sollte man das so negativ sehen? Diese Projekte trainieren alle Beteiligten, kulturelle Vielfalt in die tägliche Arbeit zu integrieren und helfen dabei, praxiserprobte Netzwerke aufzubauen. Für das IAI ist das ein großer Gewinn. Wir treten nun in Kontakt zu Institutionen, mit denen wir so noch nicht kooperiert haben – Forschungsförderern, Think Tanks, oder Regierungseinrichtungen wie das argentinische Wissenschaftsministerium. Ich bin gespannt darauf, wie wir nicht nur gemeinsam Wissen produzieren, sondern auch in unseren Arbeitsweisen voneinander lernen werden.

    Das Interview führte Silvia Faulstich.

    Teil des vom 29. bis 31. August 2016 in Berlin stattfindenden Workshops des EU geförderten Projektes „Giving focus to the Cultural, Scientific and Social Dimension of EU - CELAC relations – EULAC Focus“ (2016-2019) ist als öffentliche Veranstaltung der Roundtable „Mobility and the Geopolitics of Knowledge: Challenges of the Scientific Exchange between EU and CELAC“ am 29. August 2016 im Ibero-Amerikanischen Institut. Veranstalter sind das IAI und der DLR Projektträger (Bonn), ein Teil des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt.

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