Neu im Musikinstrumenten-Museum: Instrumentenkundler Christian Breternitz

News from 07/07/2020

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Orgeln, Blasinstrumente und iPads: Christian Breternitz' Lehr- und Wanderjahre in der faszinierenden und vielfältigen Welt der Musikinstrumente. Der Instrumentenkundler ist neuer wissenschaftlicher Mitarbeiter am Musikinstrumenten-Museum des Staatlichen Instituts für Musikforschung.

Christian Breternitz neben einer Vitrine mit Blasinstrumenten
© SIMPK / Katrin Herzog

Von Julia Spinola

Die Orgel, dieses gewaltige Zauberinstrument, war es, die Christian Breternitz zu einem Nischenfach innerhalb der Musikwissenschaft verführt hat: der Instrumentenkunde. Aufgewachsen in einer kleinen Gemeinde in Thüringen, begann er als Kind zunächst mit Klavier- und Orgelunterricht. Schon im Alter von 13 Jahren übernahm er die Rolle eines ehrenamtlichen Organisten in seiner Heimatgemeinde. Und während seines Studiums der Musikwissenschaft, der Psychologie und der Erziehungswissenschaft in Weimar und Jena war es der heute in Augsburg lehrende Franz Körndle, der seine Leidenschaft für die Orgel teilte und das Interesse an den Geheimnissen der Instrumente in seinen Seminaren über den Orgelbau weiter anfachte. Seine Magisterarbeit schrieb Christian Breternitz über die bedeutende thüringische Orgelbaufirma Schulze, die im 19. Jahrhundert weltweit führend war. Das Berufsfeld Museum kam nach dem Abschluss des Studiums in den Blick mit einer Ausschreibung des Musikinstrumenten-Museum in Berlin. Von 2012 an arbeitete Breternitz hier für zwei Jahre als wissenschaftlicher Institutsassistent und kuratierte gemeinsam mit Conny Restle die Sonderaustellung "Valve.Brass.Music. 200 Jahre Ventilblasinstrumente" zum 200. Jubiläum der Erfindung der Ventile an Blechblasinstrumenten. Auch an der Organisation des Begleitprogramms und des abschließenden Symposiums war er mit beteiligt. Mit dem Berliner Haus ist er also bereits bestens vertraut, wenn er nun als wissenschaftlicher Mitarbeiter wieder ans Museum zurückkehrt und sich vor allem um den Bestand der Holzblas-, Blechblas- und Schlaginstrumente kümmert. Vor allem gilt es einen Katalog für die Holzblasinstrumente zu erstellen. Aber auch der Katalog der Blechblasinstrumente muss auf den neuesten Stand gebracht werden. Hauptherausforderung sei es, so Breternitz, den Bestand und die Eintragungen in der Datenbank zu überprüfen, Unschlüssigkeiten zu klären und Angaben zu ergänzen. Seine Dissertation zum „Berliner Blechblasinstrumentenbau im 18. und 19. Jahrhundert“, die in Kürze erscheint, wird ihm bei vielen Instrumenten eine gute Hilfestellung leisten.

Breternitz ist fasziniert von der Vielfalt der Instrumente und der unterschiedlichen Aspekte der Instrumentenkunde. Jedes Instrument sei verschieden, erklärt er. Bei historischen Instrumenten bestünden wesentliche größere Unterschiede zwischen den einzelnen Exemplaren auch innerhalb einer Serie. Da der Instrumentenbau bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts handwerklich geprägt war, bevor die maschinelle Fertigung Einzug erhielt, ist die Varianz der Instrumente sehr groß. Auch regionale Schulen waren innerhalb des Instrumentenbaus sehr ausgeprägt, was den Instrumentkundlern hilft, weil man anhand dieser Unterschiede auch bei nicht signierten Instrumenten Rückschlüsse ziehen kann auf den Hersteller.

Vor seiner Rückkehr ans Musikinstrumenten-Museum Berlin im Juni 2020 hatte Breternitz Gelegenheit, Erfahrungen zu sammeln in zwei Museen mit sehr unterschiedlichen Ausrichtungen. Von 2015 an arbeitete er zwei Jahre lang als Kurator der Sammlung historischer Musikinstrumente am Landesmuseum Württemberg in Stuttgart. Die Musikinstrumentensammlung im „Haus der Musik im Fruchtkasten“ legt einen Schwerpunkt auf den kunsthistorischen Aspekt des Instrumentenbaus. Denn bereits seit der frühen Neuzeit, so erklärt Breternitz, hätten auch Designergedanken beim Instrumentenbau eine Rolle gespielt: Hat ein Tasteninstrument eine extravagante Form? Macht es auch als Möbelstück etwas her? Solche Fragen haben den Instrumentenbau von frühester Zeit begleitet. Vorgänger der heutigen Musikinstrumentensammlungen waren die sogenannten Kunst- und Wunderkammern des Adels und der Monarchen, die sich die prunkvollsten und die technisch innovativsten Instrumente für ihren Bestand sicherten. Unter den Blasinstrumenten stachen im 17. Jahrhundert zum Beispiel wertvolle Zinken aus Elfenbein hervor. Während die üblichen Holzzinken aus zwei Hälften zusammengesetzt und dann gebohrt wurden, wurden die prachtvollen Elfenbeinzinken aus einem Stück gefertigt. Die konische Bohrung musste kunstvoll in den geschwungenen Elfenbeinzahn hineingebracht werden, was alles andere als trivial ist. Es ist auch die Aufgabe der Instrumentenkunde, sagt Breternitz, diese Herstellungsweisen zu rekonstruieren und die Geheimnisse der alten Meister zu lüften. Mit der Wende zum 20. Jahrhundert rückten die Flügel ins Zentrum des Interesses der Architekten. Ein Flügel gehörte zum guten Haus und sollte daher auch optisch mit der Innenarchitektur harmonieren. Extravagante Modelle entstanden, beispielsweise nach den Entwürfen von Joseph Maria Olbrich, wie der Flügel von Carl Mand im Berliner Musikinstrumenten-Museum zeigt. Am Landesmuseum in Stuttgart war Breternitz auch mit der Organisation von Konzerten beschäftigt und es bestand, ähnlich wie in Berlin, eine enge Zusammenarbeit mit Hochschulen und Dozenten.

Ganz anders, nämlich auf die technischen Aspekte des Instrumentenbaus ausgerichtet, ist die Musikinstrumentensammlung am Deutschen Museum in München, wohin Breternitz 2017 als wissenschaftlicher Mitarbeiter wechselte. Im Rahmen der Zukunftsinitiative Deutsches Museum werden zurzeit 19 Ausstellungen komplett neu gestaltet, darunter auch die Musikinstrumentenausstellung. Ende 2021 soll sie neu eröffnet werden und Breternitz hat daher neben seiner Arbeit in Berlin noch einen halben Fuß in München, bis dies geschieht. Dabei sammelt er Erfahrungswerte, die er auch gut in die anstehende Neukonzeption des Musikinstrumenten-Museums Berlin einbringen kann.

Immer wieder ist er von der Vielfalt seines Gegenstands begeistert. Wenn man sich heute mit Musik beschäftige, habe man in der Regel das moderne Standardinstrumentarium vor Augen, auf dem Musik quer durch alle historischen Zeiten und Stile hindurch gespielt würde. Die historische Aufführungspraxis habe hier mit Hilfe der Instrumentenkunde eine große Wissenslücke schließen können. Nicht erstaunlich, dass ein Kenner historischer Instrumente wie Breternitz Aufführungen mit Instrumenten aus der Zeit, beziehungsweise mit ihren Nachbauten, Konzerten auf modernen Instrumenten vorzieht. „Klangbild und Musik passen einfach immer besser zusammen, wenn man die historischen Gegebenheiten berücksichtigt“, erklärt er. Da man die originalen Instrumente nicht ohne weiteres anspielen kann, ohne die Substanz zu schädigen, brauche man möglichst getreue Nachbildungen. Hierbei könnten die Spezialisten für Instrumentenkunde mit ihren akribischen Vermessungen und akustischen Untersuchungen helfen.

Und welche Rolle spielt die Instrumentenkunde im Blick auf die Entwicklung zukünftiger Instrumente? Breternitz ist auch hier sehr neugierig und verfolgt die rasanten Entwicklungen im Bereich der elektronischen Instrumente und der digitalen Welt. Techniken wie Sampling und Physical Modelling sind schon lange nicht nur Teil der elektronischen Musik, sondern werden oft von Filmkomponisten eingesetzt. Eine sehr mächtige Entwicklung, die das Musizieren nachhaltig verändern könnte, sieht er in den sogenannten musikalischen User-Interfaces. Diese zielen vor allem darauf ab, das Musizieren zu erleichtern und neue Dimensionen zu eröffnen. „Auch auf dem iPad kann man heute mit der richtigen Software schon alles herstellen, wofür man sonst ein ganzes Orchester braucht“, erklärt Breternitz. Als Museumsmann denkt er alles andere als museal. Es geht ihm um eine Stimmigkeit zwischen Instrument, Werk und historischer Zeit. Gefragt, welche Musik er zuhause am Liebsten höre, überrascht er mit der Antwort: „Ich bin kein Freund davon, die sogenannte klassische Musik aus einem Lautsprecher zu hören. Da höre ich lieber Musik, die für Lautsprecher gemacht wurde, vornehmlich aus der Richtung Rock und Metal“. Christian Breternitz liebt einfach die Vielfalt.

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