Was kommt ins Schloss? Kuratoren des Humboldt Forums erzählen: Manuela Fischer

Was kommt ins Schloss? Kuratoren des Humboldt Forums erzählen: Manuela Fischer

Die Kustodin der Sammlung Südamerika des Ethnologischen Museums sprach mit Stefan Müchler über Tongefäße, „El Niño“ und das Glück eines schlecht gereinigten Pokals.

Pokal mit Relief; Kampfszene, Ton, Identnr. V A 47985
Pokal mit Relief; Kampfszene, Ton, Identnr. V A 47985 © Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Ethnologisches Museum / Foto: Martin Franken

Was zeigen Sie im Humboldt Forum?

Manuela Fischer: Die vorspanischen Kulturen an der Westküste Südamerikas wurden in vielfältiger Weise durch den Humboldtstrom beeinflusst. Durch das kalte Arktiswasser, das entlang der Küste strömt, herrscht hier Wüstenklima. Unter diesen Bedingungen haben sich zahlreiche Textilien und organisches Material erhalten. Diese bilden neben dem reichen Bestand an bemalten oder skulptierten Tongefäßen und Steinobjekten den Schwerpunkt der Sammlung. Darum dreht sich "Extreme!", die erste Ausstellung der "Be Humboldt"-Reihe seit November 2016 in der Humboldt Box um den Humboldtstrom.

Die Präsentation im Humboldt Forum selbst wird sich aus dem Fundus der rund 70.000 Objekte der südamerikanischen archäologischen Sammlung speisen. Zum einen verfolgen wir hier einen historischen Ansatz: Warum und unter welchen Umständen ist diese riesige Menge an Objekten nach Berlin gekommen? Wer waren die damaligen Sammler? Daneben möchten wir herausstellen, dass die Funde nicht in wissenschaftlichen Ausgrabungen zusammengetragen wurden, sondern von Privatsammlern nach zumeist ästhetischen Gesichtspunkten. Was bedeutet dies für die heutige Forschung?

Wie unterscheidet sich die neue Präsentation von der bisherigen Dahlemer Ausstellung?

Die in Dahlem 1969/70 eröffnete Ausstellung ist im Wesentlichen eine kunsthistorische Ausstellung gewesen. Hier wurden vor allem Tonobjekte der vorspanischen Kulturen klassisch chronologisch präsentiert. Im Humboldt Forum zeigen wir die Objekte hingegen unter konkreten wissenschaftlichen Fragestellungen bzw. unter regionalen Aspekten. Das ist zum Beispiel das Klima, das für die Erhaltung der Objekte bestimmend war. Phänomene wie „El Niño“ prägen aber auch den Alltag der heute dort lebenden Menschen.

Ausstellung „Extreme! Natur und Kultur am Humboldtstrom“

Seit dem 2. November 2016 folgt die Ausstellung „Extreme! Natur und Kultur am Humboldtstrom“ in der Humboldt Box Alexander von Humboldts Reise nach Peru. Einzigartige Objekte aus dem Ethnologischen Museum und anderen Berliner Sammlungen machen den nach dem Forscher benannten Humboldtstrom und seine Auswirkungen auf Mensch, Tier- und Pflanzenwelt erfahrbar. Mit der Schau beginnt die neue Ausstellungsreihe der Humboldt Forum Kultur GmbH, die einen Vorgeschmack auf das Humboldt Forum gibt.

News „Wir sind Humboldt: Neue Ausstellungsreihe gibt Vorgeschmack auf das Humboldt Forum“ (14.07.2016) 

Was hat das alles mit unserem heutigen Leben zu tun?

Für alle drei Bereiche, die im Modul „Am Humboldtstrom“ ausgestellt werden, ist die Frage nach der heutigen Relevanz entscheidend. Mit Blick auf die Nordküste stellt sich die Frage nach der Ökologie und wie Menschen mit Auswirkungen der Klimaveränderung umgehen. Anhand der vorspanischen Kulturen lässt sich gut zeigen, dass eine Klimakatastrophe auch immer eine Chance birgt, anders mit Landschaft und Ressourcen umzugehen.

Im Bereich der Zentralküste geht es um das Thema Tod und den kulturellen Umgang mit diesem. In den vorspanischen landwirtschaftlichen Kulturen hielten die Menschen Kontakt zu ihren Ahnen. Die Verstorbenen wurden weiter in den Alltag der Lebenden mit einbezogen, sei es durch Lebensmittel, Geschenke oder Trankopfer. Objekte aus der Zeit der spanischen Eroberung des inkaischen Reiches zeigen anschaulich, wie unterschiedliche Kulturen miteinander umgingen und welche Formen der Aneignungen es gab. Aus diesem nicht immer friedlichen Miteinander entstand stets auch etwas Neues. Mit dem zeitlichen Abstand von 500 Jahren lässt sich dies gut darstellen und bietet vielleicht sogar erhellende Ansatzpunkte für die heutige Zeit.

Was ist ihr Lieblingsobjekt und warum?

Kustoden ziehen sich bei einer solchen Frage gerne aus der Affäre und antworten wie Eltern: „Alle Kinder hab ich lieb“. Ein Lieblingsobjekt ist für mich immer eines, das zunächst nach nichts aussieht, aber dann etwas offenbart, was man gar nicht vermutet. In der Ausstellung gibt es einen zunächst recht unscheinbaren Pokal, der aber eine Schlüsselfrage der Moche-Forschung beantworten konnte. Gab es Menschenopfer und wie ist man mit diesen Opfern umgegangen? Am Berliner Pokal konnte man das rituelle Trinken von Menschenblut nachweisen. Daher sind wir sehr froh, dass der Kelch damals nicht zu stark gereinigt wurde.

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