Nachlese der Internationalen Syrien-Konferenz: Warum Ruinen Menschen helfen können

  • News vom 30.06.2016

    Palmyra ist frei, der Bürgerkrieg aber geht weiter – und damit die Gefahr für Syriens Kulturgüter. Um über ihren Schutz zu beraten, hat die UNESCO Anfang Juni 2016 deshalb Experten nach Berlin geladen. Für Zoya Masoud der beste Ort, um über humanitäre Hilfe zu reden.

    Zoya Masoud© Peter C. Theis

    8. Juni 2016. Zoya Masoud steht nicht still. Gerade noch hat sie auf der Museumsinsel eine Führung gegeben. Nun durchfliegt sie die Räume des Syrian Heritage Archive Project in Berlin. Hier, wo Museumsleute und Archäologen Fotos, Archivmaterial, Augenzeugenberichte und Forschungsdaten auswerten, arbeitet auch sie daran, das Wissen über das syrische Kulturerbe zu bewahren. Wie sie sich den Wiederaufbau ihrer Heimat vorstellt, präsentierte Masoud nur eine Woche zuvor im Auswärtigem Amt.
    „Es war intensiv“, erinnert sich die 28-jährige Syrerin. „Wir hatten nur zwei Tage und kaum einen Moment zum Verschnaufen“. ‚Wir‘ das waren junge Nachwuchskräfte aus Syrien aber auch Ländern wie Indien, Kolumbien, Deutschland, und Frankreich. Ihr Statement war Teil eines Young Experts Forum, zu dem die deutsche UNESCO-Kommission und das Auswärtige Amt im Vorfeld des Internationalen Expertentreffens vom 2. bis 4. Juni 2016 geladen hatten. „Ziel war es, aus unserer Sicht wichtige Prinzipien für den Kulturgutschutz auszuarbeiten, die wir dann in der Konferenz einbrachten.“

    Restaurierung als Chance

    Im März 2016 aus der Hand des IS befreit, gibt das in Teilen zerstörte Palmyra den Experten dabei einige der Hürden vor, die auch für den Rest des Landes gelten: Soll man gesprengte Tempel als Mahnmal der jüngsten Ereignisse erhalten? Oder sollen sie neu erstehen, um dem IS die Deutungshoheit über die Geschichte abzutrotzen? Wie rekonstruiert man überhaupt Bauten, die über die Jahrzehnte verschiedene Restaurierungen durchlebt haben? Vor allem, wenn es an Infrastruktur und Mitteln fehlt?

    Fragen, die auch für Zoya Masoud drängend sind. Für die junge Architektin, die in Syrien und Deutschland studiert und in Damaskus einst Teile der Altstadt restauriert hat, geht es dabei aber nicht nur um den richtigen Umgang mit Ruinen. Vielmehr begreift sie Maßnahmen zum Schutz von Kulturstätten als Beitrag für die Menschen, die mit ihnen leben: „Der UNESCO-Maßnahmenkatalog von 2014 hat aus meiner Sicht die lokalen Communities vor Ort nicht explizit berücksichtigt. Wir vom Young Experts Forum haben deshalb angeregt, durch gezieltes Mentoring Wissen zum Schutz von Kulturgut zu vermitteln: zwischen ausgewiesenen Kennern und jungen Fachleuten, aber auch zwischen lokalen und internationalen Initiativen. Zudem muss es spezielle Kampagnen für Kinder, Frauen und andere marginalisierte Gruppen vor Ort geben.“

    In einer Zeit, in der es in Syrien vielerorts am Nötigsten fehlt, sieht Masoud Kulturgutschutz nicht als bloßes Beiwerk im Wiederaufbau ihrer Heimat, sondern als Orientierungshilfe. „Es gibt ein ökonomisches Potential, das viele vergessen, die über Kulturgutschutz reden. Natürlich geht es um Tourismus als Einnahmequelle in der Zukunft. Aber auch um Wissen. Das Deutsche  Archäologische Institut etwa bildet Flüchtlinge zu Handwerkern aus, damit sie die historischen Gebäude schützen  können.“ Mit diesem Know-how ließen sich nicht nur antike Stätten restaurieren, sondern auch Wohnhäuser aufbauen und neue Lebens- und Erwerbsgrundlagen schaffen, hofft die junge Syrerin.

    „Antike Orte sind nicht nur Steine und Mauern. Sie sind unsere kulturelle Identität.“

    Dass es damit nicht getan ist, dessen ist sich Masoud bewusst. Den Wiederaufbau des Landes voranzutreiben erfordere in ihren Augen auch eine gesellschaftliche Neubesinnung, die der Kulturgutschutz befördern könne: „Solche Orte sind doch nicht nur Steine und Mauern. Sie sind unsere kulturelle Identität. In Syrien habe ich von 2010 bis 2012 in einem großen Restaurierungsprojekt  in der Altstadt von Damaskus gearbeitet. Viele syrische Familien wollten damals ihre Altbauten bewahren. Es ist extrem wichtig, dass sich eine Gesellschaft selbst für ihre historischen Stätten verantwortlich fühlt. Das wird sie aber nur tun, wenn sie zuvor auch einen Bezug zur immateriellen Seite dieses Erbe aufgebaut – zu dem traditionellen Wissen und der Geschichte, die es verkörpert.“

    Kulturelle Erinnerung – ein Zukunftsprojekt

    Das war in Friedenszeiten. Viele der kulturellen Ankerpunkte, von denen Masoud spricht, sind heute zerstört oder stark in Mitleidenschaft gezogen. Wenn sich Menschen auch nach Jahren des Chaos für die Rettung dieser Orte engagieren, so hofft Masoud, ist das ein wichtiger Schritt für die Heilung der Gesellschaft: „Syrien war und ist ein Knotenpunkt zwischen Afrika, Europa und Asien. Durch die Geschichte hinweg gab es hier den Austausch mit unterschiedlichen Regionen, Religionen und ethnischen Gruppen. Man spürt die Chance, die in dieser Vergangenheit liegt. Gerade weil Syrien so offen für verschiedene Kulturen war. Wenn sich Menschen heute die Werte vor Augen führen, die hinter diesen Steinen liegen, dann wird das dabei helfen, die syrische Gesellschaft wieder zusammenzuknüpfen.“ Ein Appell der Konferenz sei deshalb auch gewesen, Vertreter des Regimes wie auch Oppositionelle an einen Tisch zu holen. „ Ein effektives Abkommen für den Kulturerhalt gibt es nur, wenn alle Parteien involviert sind, unabhängig von ihrer politischen Agenda“, meint auch Masoud, „Der Wiederaufbau ist ein Projekt für alle. Darin liegt das Potential für gesellschaftliche Erneuerung.“

    Dass dies Zeit braucht, ist der Syrerin klar. Ihrem Optimismus tut das aber keinen Abbruch. Den beharrlichen Kampf gegen das Vergessen führt Masoud derweil mittwochs im Museum – immer dann, wenn sie im Projekt ‚Multaka‘ zusammen mit Geflüchteten andere Flüchtlinge über die Museumsinsel führt. Während der Rundgänge könne sie erfahren, was Kulturerbe für Betroffene aus den Krisenregionen im Alltag bedeutet, so Masoud – eine Erfahrung, die sie zuversichtlich stimme: „Als wir starteten, dachten wir, hier und da wird mal ein Geflüchteter vorbeikommen und in einem Jahr ist alles wieder eingeschlafen. Es ist großartig zu sehen, wie viele sich heute einbringen. Das zeigt mir, dass viele Flüchtlinge großes Interesse an ihrem kulturellen Erbe und der Geschichte ihres Gastlandes haben. Und alle bringen ihre eigene Perspektive ins Gespräch. Jedes Mal wenn ich für ‚Multaka‘ eine Führung im Museum für Islamische Kunst gebe, lerne ich etwas Neues.“

    Das Interview führte Silvia Faulstich.

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