Es geht nicht um Religion, sondern um kulturelle Identität

  • News vom 11.04.2016

    Fragen an den Direktor des Museums für Islamische Kunst, Stefan Weber, zu den neuen Werkstattgesprächen zur Gegenwart und Zukunft der Migrationsgesellschaft, die am 7. April 2016 starten.

    Blatt aus dem Oppenheim Koran, 15. Jahrhundert. Papier, Tinte und Vergoldung©Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Islamische Kunst, Foto: Karin März

    Das Museum für Islamische Kunst startet eine mehrteilige Gesprächsreihe zusammen mit dem Osnabrücker Institut für Islamische Theologie zur Gegenwart und Zukunft der Migrationsgesellschaft. Sie pendelt, wie Sie sagen, zwischen Willkommenskultur und Menschenfeindlichkeit. Was sollen die einen von den anderen in Ihrer Reihe lernen, um zu mehr Gemeinschaftssinn zu kommen?

    Uns interessiert in der ersten Ausgabe der Gesprächsreihe die aktuelle Situation („Flüchtlingskrise“) vor allem vor dem Hintergrund der bereits lange geführten Debatten über Islam und Integration. Wir verstehen das Integrationsdefizit der vergangenen Jahrzehnte in erster Linie als fehlende Anerkennung für Migrantinnen und Migranten, besonders für Muslime. Letztere  werden häufig und in vielerlei Hinsicht als defizitär angesehen. Ihr kulturelles Ich wird auf einfache Religionsbilder und ihre Marker (wie Kopftuch) reduziert und negativ bewertet.

    Von ihnen wird erwartet, sich von kulturellen und religiösen Vorstellungen zu verabschieden, um dieses vermeintliche Defizit abzubauen  Solche Forderungen blenden aber aus, dass auch im muslimischen Kontext Kultur- und Religionsvorstellungen komplex sind. Damit verweigern wir unseren Muslimen ihre Heimat. In unseren Bildungsprojekten zeichnen wir ein anderes Bild: Wir wollen den erbrachten Integrationsleistungen der Migranten Wertschätzung entgegen bringen, ihren Beitrag in unserer Gesellschaft als selbstverständlich erachten und auf den nötigen Mentalitätswechsel in der Mehrheitsgesellschaft hinweisen. Ziel ist es,  die gängigen Ausgrenzungsmechanismen (dazu gehört die Selbst- und Fremdabgrenzung) zu durchbrechen. Eine vielfältige Gesellschaft erfordert von allen ihren Mitgliedern Toleranz. Ebenso braucht es den Mut, diesen gesellschaftlichen Wandel anzunehmen und positiv zu gestalten, Verschiedenheit und hybride Identitätsbilder so zu bewerten wie sie sind: als selbstverständlich. Dazu gehört auch ein kritischer Blick auf die beidseitige Verengung kultureller Identität auf Religion. Jedem Menschen bleibt es frei überlassen, seine eigene Mischung kultureller Identität zu bilden – ob man nun ein säkularer Kulturmuslim ist, der sich über Ramadan freut, oder ein säkularer Bürger aus christlichem Kontext, der Weihnachten feiert.

    Wie können junge Muslime in einer offenen und multireligiösen Gesellschaft ihre Identität entwickeln, ohne in die Falle der Abschottung zu geraten?

    In der öffentlichen Wahrnehmung vom Islam dominieren bereits seit längerem die Themen Gewalt und Extremismus. Dies steht im krassen Widerspruch zur religiösen und kulturellen Praxis fast aller Muslime mit ihren vielen Glaubensrichtungen und unterschiedlichen Religiosität. Diese Verengung erschwert es jugendlichen Muslimen, unverkrampft und selbstverständlich mit ihrer kulturellen Identität umzugehen. Daher ist eigentlich schon die Wortwahl der Frage schwierig, denn eine muslimische Identität hat an sich nichts im geringste mit Abschottung zu tun. Das wird in unserer Gesellschaft hundertausendfach täglich vorgelebt.  In zwei neuen Projekten arbeiten wir daran, gemeinsam mit den Moscheegemeinden pädagogische Methoden und Materialien zu entwickeln. Das ist das Projekt „Extremismusprävention und Erschließung musemspädagogischer Zugänge für muslimische Multiplikatorinnen und Multiplikatoren“ sowie der ähnlich gelagerte neue Projektbaustein „TAMAM - Das Bildungsprogramm der Museumsinsel mit Berliner Moscheegemeinden". Diese Methoden und Materialien sollen jugendlichen Muslimen einen kreativen und dezidiert positiven Umgang mit Glauben, Kultur und Gesellschaft erleichtern. Sie werden dabei unterstützt, eine selbstbewusste und auch selbstverständliche Position als Bürger zu beziehen.

    Was kann Ihr Museum dafür tun?

    Das Museum für Islamische Kunst bringt eine Vielzahl von Dingen in dieses Projekt ein. An erster Stelle ist da natürlich die Sammlung. Alle unsere Objekte eignen sich hervorragend für die pädagogische Arbeit in einem transkulturellen Kontext. Sie alle sind das Ergebnis von intensivem und langanhaltendem Kulturkontakt. Außerdem sind Kunstwerke ein wunderbarer Aufhänger, um über sozialgesellschaftlich relevante Fragen ins Gespräch zu kommen.
    Jedes Objekt im Museum hat als kulturelles Produkt einen transkulturellen und migrationsgeschichtlichen Hintergrund. Wenn wir über die interkulturelle Vernetzung von Objekten sprechen, kann auch ein anderer Blick auf die eigene Identität entstehen. Offene Selbstbilder sind möglich. In Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung und zunehmend kulturfixierter
    Selbst- und Fremdwahrnehmung regen Objekte aus der Vergangenheit zur Reflektion an und helfen  kollektive Identitätsbilder auszuhandeln. Wie war der Austausch in Kunst, Musik, Wissenschaft und Ideengeschichte über die Jahrhunderte hinweg? Wo sind  unsere Ursprünge: faszinierend welche Bedeutung die mediterrane Spätantike für Europa und die islamische Welt hatte. Den meisten ist nicht bekannt, wie der Kulturkontakt unsere Musik, Kleidung und wissenschaftlichen Leistungen prägte oder wie die Moderne als globaler Prozess kulturellen Wandel in islamisch geprägten Ländern hervorbrachte. Wer das versteht, bewertet auch seine eigen Identität anders.
    Zudem verfügen wir über wichtige Erfahrung im Bereich der Kulturvermittlung, die wir in diese Projekte einbringen und aktuell durch die Kooperation mit den muslimischen Communities um eine neue Ebene erweitern. Museen verfügen per se über hohes symbolisches Kapital. Gerade, wenn wir über die fehlende Anerkennung für postmigrantische Teile der Gesellschaft sprechen, setzen staatliche Institutionen durch die Zusammenarbeit auf Augenhöhe ein wichtiges Zeichen der Wertschätzung an die muslimischen Communities.

    Der unmittelbare Austausch mit der Öffentlichkeit ist für ihre Projekte von großer Bedeutung. Wie wollen sie den erreichen und was muss dafür überwunden werden?

    Wir betreiben hier gemeinsam mit der Universität Osnabrück und zahlreichen Moscheegemeinden transkulturelle Bildung, die aber eindeutig auch politische und soziale Bedeutung hat. Darüber hinaus sind wir der Meinung, dass das Zusammenleben in einer vielfältigen Gesellschaft eine der zentralen Zukunftsfragen unserer Zeit ist. Wir sind von unserem Ansatz zutiefst überzeugt und wollen daher auch weithin sichtbar sein. Trotzdem beanspruchen wir angesichts der Komplexität dieses Arbeitsfeldes bestimmt nicht die allgemeingültige Wahrheit für uns. Daher sind Anregungen aus der Öffentlichkeit sehr wichtig. Letztlich machen wir diese Projekte ja zum Wohle der Gesamtgesellschaft. Und das wichtigste Forum dazu sind die Werkstattgespräche. Auch wir lernen täglich hinzu.

    Die Fragen stellte Ingolf Kern.

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