Das Ende der Nabelschau

  • News vom 16.03.2017

    Wie sieht eine alternative Geschichte der Modernen Kunst aus – ohne den engen Blick auf Europa und mit Gespür für globale Entwicklungen? Mit der Konferenz „Iran und die Kunst der Moderne“ suchten die Neue Nationalgalerie und das Goethe-Institut nach Antworten. Wir sprachen mit Gabriel Montua, der die Konferenz mitkonzipierte.

    Mohsen Vaziri Moghaddam, Untitled (Forms in Movement), 1970, Holz und MetallMohsen Vaziri Moghaddam, „Untitled (Forms in Movement)“, 1970, Holz und Metall © Collection of the artist

    Herr Montua, Sie haben neben der Konferenz auch die letztlich abgesagte Ausstellung „Die Teheran-Sammlung“ mitkuratiert. Was ist der Hintergrund?

    Die Konferenz „Iran und die Kunst der Moderne“ war ursprünglich begleitend zur  Teheran-Ausstellung geplant, die wegen fehlender Ausfuhrgenehmigungen der Kunstwerke abgesagt werden musste. Auf der Konferenz berichteten internationale Zeitzeugen  vom Aufbau der iranischen und westlichen Sammlung am Teheraner Museum für Zeitgenössische Kunst (TMoCA). Die Sammlung wurde in den 1970er Jahren auf Initiative der damaligen Kaiserin Schahbanu Farah Pahlavi erworben. Meisterwerke aus Europa und den USA sowie wichtige Positionen der iranischen Kunst sollten Teheran zu einem weltweit bedeutenden Kunststandort machen.

    Was ist Ihr Fazit für die Konferenz?

    Ein ganz wichtiges Anliegen der Konferenz – wie auch unserer geplanten Ausstellung und unseres begleitenden Readers der Neuen Nationalgalerie – war und ist es, sowohl das Spezifische der iranischen Kunst wie auch ihre Universalität herauszustellen. Damit wollen wir einen weiteren Schritt auf dem Weg zu einem globalen Kunstverständnis gehen.

    Dieser Ansatz ist auf der Konferenz sehr deutlich geworden: Feresteh Daftari, die vielleicht bekannteste Kunsthistorikerin zur Iranischen Moderne, hat beispielsweise wechselseitige Einflüsse aufgezeigt – zum einen der klassischen persischen Miniaturkunst auf westliche Avantgarde-Künstler wie Gauguin, Matisse und Kandinsky, zum anderen auch die Ähnlichkeiten iranischer Künstler wie Manour Ghandriz zu Paul Klee. Oder die These des ersten TMoCA-Direktors Kamran Diba, die iranische Saqqakhaneh-Kunst der 1960er und 70er Jahre sei eine „spirituelle Pop-Art".

    Das waren sehr eindrückliche Beispiele, die durch die Anwesenheit von Mohsen Vaziri Moghaddam noch verstärkt wurden: sehr charmant berichtete der 93-jährige Veteran der iranischen Moderne von seinen ersten Begegnungen mit westlicher Kunst. Danach sprach Sussan Bababie, Professorin am Courtauld Institut in London, über die religiöse Dimension iranischer Werke. Sie beschrieb zum einen eine der iranischen Kunst ganz eigene Symbolik, die sich auf mehrere Religionen bezieht. Daneben hat sie in ihrem Vortrag die Besonderheiten der schiitischen Ikonographie mit ihrem Märtyrerkult als wichtiges Thema des Islams herausgearbeitet.

    Kann man in Bezug auf iranische Kunst überhaupt von islamischer Kunst sprechen?

    Diese Frage wurde im Anschluss heiß diskutiert und sie trifft genau den Kern: Manche Elemente der iranische Kunstwerke sind unverkennbar mit einem lokalen iranischen Kontext von Laienspiritualität und populären Votivpraktiken verbunden. Gleichzeitig beziehen sie sich, und zwar häufig innerhalb derselben Kunstwerke, auch auf eine viel allgemeinere Spiritualität innerhalb des Islams sowie anderer Religionen wie Christentum und Judentum.

    Wieviel Raum für andere Vorstellungen von Moderne gab es zur der Zeit, in der das TMoCA aufgebaut wurde?

    Vali Mahlouji zeigte  auf der Konferenz Original-Filmaufnahmen des legendären Schiras-Kunstfestivals. Von 1967 bis 1977 präsentierte es in der Stadt Schiras und vor den Ruinen von Persepolis elektronische Musik und Avantgarde-Performances mit iranischen Künstlern und Künstlern aus dem westlichen Kulturkreis wie Iannis Xenakis, John Cage und Merce Cunningham. Das Festival spiegelte schon damals eine globale Kultur, die nicht durch den Westen vorgegeben wurde. Und das ist – wie eingangs schon erwähnt – eine Entwicklung, die wir derzeit wieder im aktuellen Kunstdiskurs sehen.

    Wodurch äußert sich das konkret?

    Im Haus der Kunst in München war gerade die Ausstellung „Post War“ zu sehen. Dort waren Künstler der iranischen Moderne zu entdecken, die wir auch im Rahmen der Teheran-Ausstellung in der Gemäldegalerie in Berlin gezeigt hätten. Das Museum  of Modern Art in New York hat – ganz aktuell – Werke europäische Künstler abgehängt und durch Arbeiten iranischer, irakischer und anderer Künstler ersetzt, denen die Einreise durch das Trump-Dekret verweigert werden sollte. In der Ausstellung „Art et Liberté“ im Centre Pompidou wurden ägyptischen Surrealisten gezeigt, jetzt sind diese Arbeiten auch im Düsseldorfer K21 zu sehen.

    Gibt es auch Bezüge zur SPK?

    Auch bei uns, der Nationalgalerie, gehen wir derzeit der Frage nach, wie unsere Sammlung aussehen würde, hätte man sie von Anfang an in einer globalen Perspektive aufgebaut. 2018 wird dazu die Ausstellung „Museum Global“ im Hamburger Bahnhof gezeigt. Es gibt derzeit ein großes Interesse an einer globalen Kunstgeschichte des 20 Jahrhunderts. Unsere geplante Ausstellung, die Konferenz und unser gerade erschienener Reader „Die Teheran Moderne. Ein Reader zur Kunst im Iran seit 1960“ waren und sind der Versuch, das Spezifische der iranische Kunst wie auch ihre Universalität herauszustellen.

    Warum entdecken wir erst jetzt die iranische Moderne wieder?

    Lange hat das eurozentrische Weltbild dominiert. Auch die Lehrpläne an den Universitäten waren von westlicher Kunstgeschichte geprägt. Wenn man sich für iranische Kunstgeschichte interessierte, musste man den Umweg über  Iranistik gehen oder über Asien-Wissenschaften. In den US-Universitäten hat sich dies schon seit einigen Jahren geändert. Die Aufgabe für die kommenden Jahre oder Jahrzehnte wird es nun sein, die wichtigsten Strömungen zu identifizieren. Außerdem gilt es die relevanten Namen zu erkennen, um eine globale Geschichte der Kunstentwicklung des 20. Jahrhunderts erzählen zu können. 

    Sie wirkten neben der Ausstellung auch am Kulturprogramm des Goethe-Instituts zur Iranischen Moderne mit, das die zeitgenössische Szene im Iran in den Blick nimmt. Was hat Sie bei der Arbeit am meisten fasziniert?

    Auf die Kunst bezogen, die Entdeckung, dass es eine ähnliche Neugierde und ähnliche Dynamiken gab bei den Künstlern aus dem Iran wie im Westen –  diese unglaublichen Parallelitäten waren für mich eine spannende Erkenntnis. Im Rahmen des Programms des Goethe-Instituts waren es die Menschen, die ich kennenlernen durfte: Iraner und Menschen iranischer Abstammung. Alle waren von großer Offenheit und Neugierde, hatten ein großes Bedürfnis, zu kommunizieren, sich zu vernetzen und auszutauschen. Ihre Freude über das Interesse zu sehen, das ihnen hier entgegengebracht wurde, war großartig. Als Museumsmensch und Kunsthistoriker bin ich sehr froh, dass die Kunstwerke, die wir nach Berlin holen wollten, der Auslöser für diesen Dialog waren. Und dass trotz der großen Enttäuschung über die abgeagte Ausstellung der Funke von Mensch zu Mensch übergesprungen ist.

    Das Interview führte Achim Klapp.

    Weiterführende Links