• „Um etwas zurückzugeben, muss man wissen, woher es stammt"

  • News from 02.08.2017

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    Ein Projekt zur Erforschung der Herkunft von ostafrikanischen Human Remains startet im Oktober 2017 am Museum für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin (MVF). Wieso sich an dem Museum eine Schädelsammlung befindet und wie man diese untersucht, klärt Birgit Jöbstl im Gespräch mit Projektleiter und Kustos am MVF Dr. Bernhard Heeb.

    Beschriftung auf einem Schädel© Museum für Vor- und Frühgeschichte

    Herr Heeb, was hat es mit den rund tausend Schädeln aus Ostafrika auf sich?

    Die Schädel gehören zu einer größeren Sammlung, der sogenannten S-Sammlung, die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert von dem Mediziner und Anthropologen Felix von Luschan zusammengetragen wurde. Ursprünglich bestand diese Sammlung aus etwa 6.300 Schädeln. Heute sind noch knapp 5.500 davon in Berlin vorhanden.

    Was hatte von Luschan damit vor?

    Er wollte anhand der Gebeine erforschen, welche Entwicklung der Mensch genommen hat. Sie waren für ihn einfach Träger von Daten und Informationen für diesen Zweck. Und aus wissenschaftlicher Perspektive ist es natürlich so, dass Ergebnisse genauer werden, je mehr Daten man hat. Das erklärt die Menge der Schädel aus einer Vielzahl von Ländern. Es sind archäologische dabei, beispielsweise aus Ägypten, Mittel- und Südamerika sowie aus europäischen frühmittelalterlichen Gräberfeldern. Aber es gibt auch viele, bei denen wir noch nicht wissen, wie alt sie sind, nur, woher sie stammen. Ein wesentlicher Teil kommt aus den deutschen Kolonien in Afrika und dem Pazifikraum, und gerade vor diesem historischen Hintergrund ist die Aufarbeitung der Provenienz unerlässlich. Zumindest für die etwa 1.000 Schädel aus Ostafrika können wir nun dank der Förderung der Gerda Henkel Stiftung mit der genaueren Untersuchung beginnen.

    Wie konnte von Luschan diese Menge in so kurzer Zeit zusammentragen?

    Zum einen entstand die Sammlung nicht auf einen Schlag, sondern in einem Zeitraum von etwa dreißig bis vierzig Jahren. Zum anderen war Felix von Luschan, soweit wir wissen, nicht selbst unterwegs, sondern griff als Kurator am damaligen Museum für Völkerkunde, dem heutigen Ethnologischen Museum, auf ein Sammlernetzwerk zurück, das nahezu weltweit verteilt war. Diese Sammler beauftragte er. Manchmal kam eine Sendung mit mehreren Dutzend Schädeln an, dann wieder eine Weile nichts. Allerdings wurde alles erst in Berlin beschriftet und teils erst viel später inventarisiert, was uns heute die genaue Zuordnung erschwert.

    Wie gelangte die S-Sammlung dann ans Museum für Vor- und Frühgeschichte?

    Das ist eine lange Geschichte. Die Sammlung entstand ab 1885 am Museum für Völkerkunde in Dahlem, wo von Luschan Direktorialassistent war. Als er 1909 Professor an der Universität Berlin wurde, wanderte der Bestand organisatorisch mit ihm mit. Nach seinem Tod 1924 wurde die Sammlung erst an die Pathologie der Universität weitergegeben, dann an das Kaiser Wilhelm-Institut für Anthropologie in Berlin.  Im Krieg wurde sie, wie so vieles aus dem Bereich Kunst und Kultur, ausgelagert. 1948 tauchte sie im Keller des Marstallgebäudes des Berliner Schlosses wieder auf. Wie sie dorthin gelangte, ist unklar. Danach gehörte die Sammlung lange gemeinsam mit anderen anthropologischen Beständen der Charité, dort zur Medizinhistorischen Museumssammlung. Ab 2010 sah man sich dort nicht mehr in der Lage, sie angemessen zu betreuen. Weil ein nicht unwesentlicher Teil der Schädel Archaeologica sind, und wir uns der Verantwortung für diese besondere Sammlung, die es auch mit modernen Methoden zu erforschen gilt, sehr bewusst waren, hat sie das Museum für Vor- und Frühgeschichte übernommen.

    Wozu braucht man heute noch diese Sammlung? Könnte man sie nicht einfach zurückgeben?

    Um etwas zurückzugeben, muss man zuerst wissen, woher die Bestände stammen. Dann kann man entscheiden, wohin und an wen diese übergeben werden sollten. Deshalb erforschen wir die genaue Provenienz der Gebeine. Wenn diese unkritisch ist und die Schädel nicht aus Unrechtskontexten stammen, könnte man die Schädel aktuell auch wieder wissenschaftlich nutzen. Zum Beispiel kann man mit naturwissenschaftlichen Methoden wie Paläogenetik „alte“ Krankheiten – etwa Malaria bzw. die Resistenz dagegen – erforschen, was für die heutige Weiterentwicklung von Heilungsmethoden hilfreich sein kann. Außerdem lässt sich durch Isotopenanalysen eingrenzen, in welcher Region ein Individuum aufgewachsen ist. Wenn der Fundort davon weit entfernt ist, lassen sich individuelle Wanderbewegungen oder auch Besiedlungsentwicklungen nachvollziehen. Solche Untersuchungen können aber nur dann gemacht werden, wenn wir uns vollkommen sicher sind, dass diese aus moralisch-ethischen Gesichtspunkten vertretbar sind. Wenn wir feststellen, dass Schädel aus einem Unrechtskontext stammen, müssen wir eine angemessene Lösung finden. Eine Möglichkeit ist, sie zurückzugeben.

    Was wäre ein Unrechtskontext?

    Speziell für Afrika wird in einigen Überlieferungen von Exekutionen durch Kolonialherren berichtet: das wäre ein klarer Unrechtskontext, aber nach heutigem Kenntnisstand haben wir keine solchen Schädel in der Luschan-Sammlung. Schwieriger ist es da schon bei historischen Gräberfeldern, hier muss man sich jeden Einzelfall genau ansehen. Aber wichtig ist: Wenn wir einen Unrechtskontext feststellen, kann der Schädel nicht in den wissenschaftlichen Diskurs. Dann muss geklärt werden, wie weiter verfahren wird: ob eine Rückführung angemessen ist, oder man eventuell eine Bestattung vornehmen muss, wie und wo eine solche erfolgen müsste... hier gibt es unterschiedliche vorstellbare Lösungen, die gemeinsam mit den Herkunftsländern gefunden werden sollten.

    Welche Methoden nutzen Sie für die Provenienzforschung?

    Die Provenienz versuchen wir anhand von verschiedenen Quellen zu klären. Leider ist fast die gesamte Primärdokumentation, also Inventarbuch, Zettelkatalog und Erwerbungskorrespondenz zur Sammlung, im Krieg verlorengegangen. Glücklicherweise sind aber viele Schädel selbst beschriftet. Und es gibt Unterlagen in verschiedenen in- und ausländischen Archiven. Zum Beispiel existieren im American Museum of Natural History Museum New York noch die Unterlagen zur Privatsammlung von Luschans. Bei den Erwerbungen für beide Sammlungen gab es durchaus Überschneidungen.

    Was wissen Sie schon, und wie funktioniert die Forschung dann genau?

    Wir wissen aus den Beschriftungen und den bisher gesichteten Quellen, dass über 900 Schädel aus der ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika dem heutigen Gebiet von Rwanda zuzuordnen sind. Das hängt mit einer Expedition in den Jahren 1907-1908 zusammen, an der der polnische Forscher Jan Czekanowski teilgenommen hat. Allerdings hat er die Schädel an unterschiedlichen Orten gesammelt, häufig auch aus Gräberfeldern entnommen. Im nächsten Schritt werden wir daher vor Ort die bekannten Fundplätze aufsuchen und die mündliche Tradierung – so weit möglich - dokumentieren, um zum Beispiel herauszufinden, bis wann tatsächlich auf den unterschiedlichen Gräberfeldern bestattet wurde. Und natürlich versuchen wir auch über öffentliche Archive in den Herkunftsländern mehr zu erfahren. Das geschieht im Austausch mit dortigen Wissenschaftlern.

    Können Sie das als Vor- und Frühgeschichtler denn überhaupt?

    Dank der Projektförderung haben wir je eine Stelle für einen Ethnologen, für eine Anthropologin und eine Museologin. Diese Interdisziplinarität ist notwendig, um die Herkunft der Sammlung aufarbeiten zu können. Und natürlich kommt auch die Archäologie ins Spiel, wenn es um eine zeitliche Einordnung geht.

    Die Sammlung wird seit 2011 am Museum für Vor- und Frühgeschichte betreut. Wieso erforschen Sie erst jetzt die Provenienz, und auch nur die eines Teils der Schädel?

    Leider war die Sammlung in der Charité nicht geeignet untergebracht. Wir mussten sie zunächst aufwändig reinigen, konservatorisch behandeln und dann mit allen vorhandenen Informationen erfassen. Da haben wir schon sehr schnell gearbeitet.

    Was heißt das im Detail?

    Zum Teil waren Schädel zerbrochen, das haben wir möglichst in Ordnung gebracht. Den Schmutz und Schimmel haben wir aufwändig entfernt. Insgesamt eine mühselige Arbeit, aber wenn wir das nicht getan hätten, wäre die Sammlung mittlerweile verfallen und damit verloren. Heute sind alle Schädel wieder würdig untergebracht. Es folgte eine Bestandsaufnahme, bei der wir geprüft haben, ob die vorhandenen Schädel mit den alten Bestandslisten übereinstimmen, und das Anlegen einer Forschungsdatenbank. Diese ist die Grundlage für die weitere Recherche. Und damit können wir dank der Förderung jetzt auch anfangen. Die Ergebnisse werden natürlich publiziert werden. Und es ist klar, dass dieses Projekt nur das Pilotprojekt zur weiteren Aufarbeitung der gesamten Sammlung sein kann. Wir hoffen natürlich, dass es auch Vorbild wird für eine generelle Aufarbeitung kolonialer Bestände, auch über die Sammlung in Berlin hinaus.

    Gibt es schon Rückgabeforderungen?

    Nein, aktuell haben wir keine Rückgabeforderung zur Luschan-Sammlung vorliegen.

    Die Fragen stellte Birgit Jöbstl.

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